Im Reich von Gletscherbrüchen und Eistürmen

Skihochtouren müssen umsichtig geplant werden. Die Einschätzung der Verhältnisse und des eigenen Könnens lässt sich lernen – etwa in einem Coaching-Kurs im französischen Chamonix.

Ein Bergschrund wird mit dem Seil gequert. Fotos: Anne-Sophie Scholl

Ein Bergschrund wird mit dem Seil gequert. Fotos: Anne-Sophie Scholl

Brüsk bremst der vorausfahrende Harald. Dann sehen auch wir: Eistürme treten aus dem Nebel hervor, dazwischen hängt Schnee in den Löchern. Rechts von uns das gleiche Bild. Schemenhaft zeichnen sich die Konturen der Séracs vor dem diffusen Weiss ab. Eben noch stöckelten wir mühsam über den flachen Gletscherrücken. Jetzt stehen wir mittendrin in den Gletscherbrüchen. Der Schreck sitzt in den Knochen. Höchste Zeit, ans Seil zu gehen!

Doch dann flitzt nur wenige Meter vor uns eine Gruppe Skifahrer durch die Nebelschwaden. Auch von hinten rauschen zwei Tourenfahrer in flottem Tempo heran und schwingen vor uns über die Gletscherblöcke. Was jetzt: Sind wir Angsthasen?

Was sagt das Bauchgefühl? Was sind die Fakten?

Der Bergführer versammelt uns auf einem sicheren Eisrücken. Wie immer, wenn Nervosität in der Luft liegt, spricht Michael Walther betont langsam. Dann verschwinden die Umlaute aus seinem Berndeutsch, das breite oberländische Idiom drückt durch. Also: Was sagt das Bauchgefühl? Die Fakten?

Wir sind in einem Coaching-Kurs, wo wir lernen, selbstständig auf Skihochtouren zu gehen. Der Nebel, die schlechte Sicht und die Spalten sprechen dafür, uns anzuseilen. Andererseits wurde eine gute Spur gelegt. Zudem ist Bergführer Walther den Weg schon mehrmals gefahren. Der Blick auf die Karte zeigt die Topografie: Die Route führt durch einen schmalen Korridor. Dort wäre es schwierig, am Seil zu fahren. Also entscheiden wir uns dagegen. Aber Michael betont: «Es ist klar: Gäbe es keine Spur und würde ich die Abfahrt nicht kennen, müssten wir jetzt ans Seil.»

Bei schönem Wetter, gut eingeschneiten Gletschern und sicherem Frühlingsschnee auf einfache Skihochtouren zu gehen, ist keine grosse Kunst. Anders ist es, wenn die Verhältnisse nicht eindeutig sind. So gesehen, ist es ein grosses Glück, waren die Wetterprognosen für die Tourentage bei Chamonix in den französischen Hochalpen durchzogen. Wetter, Gelände, Mensch: Die drei Faktoren, die laut Lehrbuch die Tourenplanung bestimmen, konnten wir immer wieder durchspielen: am Vorabend, am Tag selber und stets vor Ort. Es ist die klassische 3×3-Methode, die man zum Abschätzen der Lawinensituation im Hochwinter braucht. «Das Prinzip kann man immer anwenden, um Entscheide am Berg zu treffen», sagt Michael. Einfach ist es trotzdem nicht, auch nicht für ihn.

Im Tal hätte Regen die Schneedecke durchnässt

Aber eigentlich sollen ja wir die Entscheide fällen: Brigitte aus Deutschland, seit mehr als zehn Jahren auf Skitouren unterwegs. Sie will vor allem noch einmal den reichlich gefallenen Schnee des Winters nutzen. Harald, der seit der Geburt seiner heute achtjährigen Tochter nicht mehr auf Touren war und sein Wissen auffrischen möchte. Und als Dritte im Bund die Reporterin. Für den heutigen Tag haben wir uns zwei Varianten für die Abfahrt aus der Felsarena des Glacier d’Argentière überlegt. Ein Wetterbericht hatte 25 bis 40 Zentimeter Neuschnee angekündigt. Also verwarfen wir schnell die geplante Querung über den Col du Passon mit Abfahrt ins Tal. Wir wären in steile Hänge gekommen, wo nicht mehr Schnee, sondern Regen die Schneedecke durchnässt hätte. Das gab der Bergführer zu bedenken. Zu gefährlich. Stattdessen entschieden wir uns für den Aufstieg in ein flaches Seitental hoch zum Col du Tour Noir. Selbst wenn mit neuem Schnee und Wind die Lawinengefahr ansteigt, würde mit einer vorsichtig angelegten Spur diese Route machbar bleiben. Bei Nebel könnte man sich von Felsrippen und Moränen führen lassen. Und im besten Fall kämen wir in dieser Höhe noch zu einer schönen Pulverabfahrt.

Üben, üben, üben: Spaltenrettung im Coaching-Kurs.

Ein guter Entscheid. Der Tag überrascht uns mit einer Sonne, die die frischen Schneekristalle glitzern lässt. Die Stimmung in der Hütte ist angespannt, einige Leute sind von den winterlichen Verhältnissen überrascht worden. Unser Bergführer gibt sich betont gelassen. Wechselweise ziehen wir unsere Spur in den frischen Schnee, immer mit Michael Walther an der Seite. Jetzt, da die Sicht gut ist, schauen wir über den Gletscher. Drüben locken schöne Hänge. Auch wenn die reguläre Abfahrt unserer Aufstiegsspur entlangführt, scheint auf der gegenüberliegenden Seite ein Weg durch die Gletscherbrüche möglich. «Die Planung der Abfahrt fängt immer beim Aufstieg an», schärft uns Walther ein. Auf dem Pass allerdings weht uns ein garstiger Wind entgegen. Von Süden schwappen die Wolken weit in den Talabschluss ­hinein, die Sicht ist trüb. «Sicherheit muss sein», sagt Brigitte. Wir kehren zurück zur Aufstiegs­route. Auf dem breiten Hauptgletscher verschluckt uns der Nebel. Eine Spur entlang tasten wir uns in der Talausfahrt voran. Bis wir von den Gletscherbrüchen überrascht werden.

Gigantische Eisrücken tauchen aus dem Nebel auf

Vorsichtig fahren wir also weiter, halten uns möglichst an der Felswand, die den Gletscher einfasst. Rechterseits tauchen gigantische Eisrücken wie Walrosse aus dem Nebel auf, dicht aneinandergedrängt, dazwischen klaffen tiefe Schlünde, bald schmutzigschwarz, bald in gefährlich schön leuchtendem Gletscherblau. «Schade, ist die Sicht nicht besser», ruft Brigitte. Dann führt eine Spur auf den Gletscher hinaus. Wieder halten wir an, überprüfen mit Höhenmesser und Karte unsern Standort. Siehe da: Die Bruchzone liegt bereits hinter uns. Auch auf der Karte führt der sicherste Weg wieder hinaus auf den flachen Gletscherrücken. Der Nebel lichtet sich etwas. Der Spuk ist vorbei.

Natürlich, in den vier Tagen üben wir auch alles andere, was zur Ausbildung für Skihoch­touren gehört: die wichtigsten Knoten, Verankerungen und Spaltenrettung, Seilverkürzung und Anseilen, die Querung des Bergschrunds sowie den Gipfelaufstieg am kurzen Seil hoch zur Aiguille d’Argentière, zu einer der typisch rot leuchtenden Granitnadeln. Das Schwierigste jedoch sind die Entscheide: die Faktoren Verhältnisse, Gelände und Mensch. Dank stürmischem Föhn, Schnee und Nebel können wir ausgiebig üben.

Die Reise wurde unterstützt von Bergpunkt.

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