Der Weg zum einfachsten 4000er wird steiler

Höhere Temperaturen erschweren die Besteigung des Allalinhorns im Wallis. Wir haben uns daran versucht.

Bergführer Peter Novotny mit seiner Gruppe beim Aufstieg zum Allalinhorn. Foto: Saastal Tourismus AG/PuzzleMedia

Bergführer Peter Novotny mit seiner Gruppe beim Aufstieg zum Allalinhorn. Foto: Saastal Tourismus AG/PuzzleMedia

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An diesem Berg steht an der Schlüsselstelle eine Leiter: 14 Meter ragen zwei dicke Holzpfähle in die Höhe. Die Konstruktion steht fast senkrecht, die Sprossen sind abgewetzt von den Steigeisen. Beim Kraxeln geht der Blick tief in blaues, aufgerissenes Gletschereis.

Wer das Allalinhorn mit seinen 4027 Metern über Meer auf dem einfachsten Weg, der Normalroute, erklimmen will, kommt an der Leiter nicht vorbei. Dank dem Hilfsmittel gilt der Berg als einer der einfachsten Viertausender der Schweiz. Zumindest bis jetzt noch – doch das kann sich ändern.

Tatsächlich beginnt die Tour auf das Allalin, wie sie in Saas-Fee sagen, einfach – nämlich mit der Seilbahn im Dorf. Das noch verschlafene Bahnpersonal weist uns kurz nach halb sechs Uhr eine Gondel zu. Und schon schwirren wir im Halbdunkel in die Höhe. Mit uns fährt Peter Novotny mit. Der 51-Jährige ist der Präsident der lokalen Bergführer-Genossenschaft. Die Region vermarktet den Berg unter dem Motto «Mein 1. Viertausender!». Novotny soll uns hochführen.

Auf dem Weg nach oben müssen wir zweimal umsteigen, zuletzt in die Metro Alpin, die laut Eigenwerbung «welthöchste U-Bahn». Und schon sind wir auf dem Mittelallalin auf 3500 Meter über Meer. 500 Höhenmeter trennen uns vom Ziel.

Das gefährliche Skigebiet

Die ersten Meter sind skurril. Wir stapfen vorbei an Pistenbullys, überqueren Skilifte und Pisten des Sommerskigebiets und sehen zu, wie die Trainer von Junioren-Skiteams Stangen rumschleppen, um damit Kurse für ihre Rennfahrer abzustecken. Neben Zermatt ist Saas-Fee eines der letzten Sommerskigebiete überhaupt. Darum kommen nebst Europäern sogar Amerikaner zum Trainieren hierher. Peter Novotny sagt: «Gut aufpassen. Das Gefährlichste an der Besteigung des Allalinhorns ist das Durchqueren des Skigebiets.»

Am Rand des Skigebiets, bevor wir den Gletscher betreten, ziehen wir die Klettergurte und Steigeisen an. Novotny knüpft uns zu einer Seilschaft zusammen, wir behändigen den Wanderstock. Mehr braucht es nicht für den «1. Viertausender».

Der ausgetretene Weg schlängelt sich sanft den Gletscher hoch. Wir sind die Ersten auf der Normalroute, weil die Bahn von Saas-Fee her normalerweise erst um 7.45 Uhr fährt. Von weitem sehen wir ein paar Bergsteiger, die von der Britannia-Hütte (3030 Meter über Meer) über den Hohlaubgrat aufs Allalinhorn steigen. Ihre Route ist länger als unsere und mit einer Kletterpartie auch technisch schwieriger.

Bis zu 500 Bergsteiger

Nach ungefähr einer halben Stunde Gehzeit erreichen wir die Leiter. Weil der Feegletscher in den letzten Jahren markant schrumpfte, bildete sich an dieser Stelle ein Riss, der nur von geübten Bergsteigern überwunden werden konnte. Doch das wollten die Bergführer verhindern, deshalb haben sie im letzten Sommer die Leiter aufgebaut.

Dazu muss man wissen: Das ­Al­la­lin­horn ist nicht nur einer der einfachsten Viertausender, sondern auch einer der beliebtesten. An guten Tagen wälzen sich 500 Bergsteiger hinauf. «Der Berg ist immens wichtig für Saas-Fee», sagt Novotny. «Ohne Leiter kommen weniger Bergsteiger aufs Allalinhorn. Also transportiert die Bahn weniger Gäste, und die Hotels verzeichnen weniger Übernachtungen. Wir haben berechnet, dass die Einnahmen für Saas-Fee ohne Leiter um fast eine Million Franken im Jahr zurückgehen würden.» Kein Wunder also, machen die Einheimischen alles, um die Route so simpel wie möglich zu halten. Die Bergführer liessen sogar eine kleine Fräse hochfliegen, um die Leiter vom Schnee zu befreien.

Allerdings können die Saaser den Kampf gegen das Wegschmelzen kaum gewinnen. Der Feegletscher ist zuletzt markant geschrumpft. Und es ist davon auszugehen, dass sich der Trend nach dem Hitzesommer fortsetzen wird. Die Besteigung des Al­la­lin­horns dürfte immer schwieriger werden. Zudem steigt mit der Gletscherschmelze die Gefahr von Steinschlag.

Ist die Leiter überwunden, geht es gemächlich weiter. In der Regel dauert die Begehung vom Mittelallalin aus etwas mehr als zwei Stunden. Bei uns dauert der Marsch länger, weil wir immer wieder anhalten. Mit uns unterwegs sind zwei Fotografen und Filmer – sie arbeiten an einem Werbefilm für das Allalinhorn. Auch das zeigt, wie viel Hoffnung die Touristiker von Saas-Fee in den Viertausender setzen.

Seilschaften mit Kindern

Als wir vom Feejoch aus die letzte Flanke in Angriff nehmen, holen uns die ersten Berggänger ein, die die Bahn um 7.45 Uhr bestiegen haben. Es ist eine kleine Völkerwanderung. Man sieht Seilschaften mit Kindern, un­fitte Touristen und supertrainierte Einzelgänger. Novotny hat schon Sechsjährige auf den Saaser Hausberg geführt; einmal sogar einen 83-jährigen Japaner. Er hat schon Touristen mit Herzattacken erlebt. Und solche, die wegen zu schlechter Kondition umkehren mussten.

Kurz vor dem Gipfel wird der Weg schneefrei. Zwischen den Felsen und dem Schotter müssen wir ein bisschen kraxeln. Dann gehts über einen kleinen Grat zum Gipfelkreuz. Wir haben gerade noch Zeit für ein Gipfelfoto, Minuten später wimmelt es von Berggängern.

Die Aussicht ist grandios. Bei sehr klarer Sicht nach einem ­reinigenden Gewitter, so sagt es Bergführer Novotny, erkennt man am Horizont die 280 Kilometer entfernten ligurischen Alpen. Und angeblich ist das ­Al­la­lin­horn der einzige Berg in der Schweiz, von dem aus man bis auf drei Gipfel alle Viertausender des Landes sehen kann. In der Schweiz gibt es insgesamt 48 Viertausender – 41 befinden sich im Wallis. Direkt neben dem Allalinhorn erhebt sich der Alphubel (4206 Meter über Meer). Wer das Allalinhorn geschafft hat, kann den Nachbarberg ins Auge fassen.

Die Reise wurde unterstützt von Saastal Tourismus (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2018, 09:32 Uhr

Tipps und Infos

Die beste Zeit für die Besteigung das Allalinhorns ist zwischen Mai und Oktober. Das offizielle Bergführer-Büro (www.saasfeeguides.com) von Saas-Fee bietet die Tour jeden Montag, Mittwoch und Samstag für Gruppen an. Start ist jeweils um 7.45 Uhr. Die Tour kostet pro Person 210 Franken. Das Material kann vor Ort gemietet werden.

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