Der Sound der Stille

Die weisse Welt Lapplands im finnischen Norden ist entspannend. Schlittenhunde, Schneemobile und das Spektakel an Kuusamos Skiberg sorgen allenfalls für Nebengeräusche.

Ausflüge in die weisse Weite: Mit Schneeschuhen oder mit Rentieren. Foto: Thomas Krämer

Ausflüge in die weisse Weite: Mit Schneeschuhen oder mit Rentieren. Foto: Thomas Krämer

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Ein wenig vorwitzig reckt der Rukatunturi das kahle Haupt in den nordischen Himmel. Weisse Bänder dehnen sich vom Gipfel ins Tal, 34 Skipisten hängen am Berg wie Lametta am Weihnachtsbaum. «30 davon sind beleuchtet», erzählt Kari, ein örtlicher Skilehrer. Kein Luxus, sondern schlicht und einfach notwendig in der Polarnacht, während der die Sonne nur wenige Stunden über den Horizont klettert und man gute Chancen auf Nordlicht hat.

«Fährst du Ende April oder Anfang Mai auf den Berg hinauf, so ist es fast durchgehend hell», sagt Kari und schwärmt vom Carven im T-Shirt unter der Frühlingssonne. Mit Sessel- oder Skilift geht es schnell hinauf auf den knapp 500 Meter hohen Tunturi, wie die Finnen solch nahezu kahle Bergkuppen nennen. Wartezeiten gibt es selten. 200 Höhenmeter sind es vom Skiresort Ruka bis zum Gipfel. Von dort oben bleibt der Blick erst einmal in den zu eisigen Skulpturen erstarrten, niedrigen Bäumen hängen und schweift dann über das Mosaik aus Wald und Weiss. Pisten aller Schwierigkeitsgrade ziehen sich die Hänge hinunter.

Rentiere, Teufel und «geölte» Stimmen

Unzählige, bestens ausgestattete Hütten und Blockhäuser verstecken sich im Wald, umstellen den Berg wie eine Wagenburg. Wer mehr Trubel mag, bucht ein Hotelzimmer im Dorf, das erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist. Bis vor 300 Jahren zogen Samen-Familien mit ihren Rentieren durch die Region von Kuusamo, bevor die ersten Menschen sich fest ansiedelten. In Ruka selbst gab es lediglich ein paar Hütten, in denen Fischer und Jäger Unterschlupf fanden.

Das änderte sich, als in den 1950er-Jahren der erste Skilift gebaut wurde – Startschuss für eine rasante Entwicklung, die aus dem Rukatunturi schon mehrfach «Finnlands Skigebiet des Jahres» gemacht hat. Das Dorf selbst ist autofrei, Ski in das Zauberwort. Das heisst auch: Der Weg zum nächsten Pub ist kurz, der Abend dagegen kann lang werden – besonders, wenn ein Karaoke- Wettbewerb läuft. Dann lässt der als schweigsam geltende Finne seinen Gefühlen freien Lauf und schmachtet von Liebe und Leid. Eine gute Stimme ist dafür nicht nötig, eher hinderlich sogar, das Publikum will Spass haben. Es hilft aber, die Stimme zu «ölen» – auch einmal mit Salmiaki, einem Lakritzschnaps.

Der Sound des nächsten Tages kommt von einem Schneemobilmotor. Mit 80 Sachen brettern wir über zugefrorene Seen. Man kann es auch langsamer angehen und auf präparierten Tracks zwischen den Bäumen Slalom fahren. Eine Rentierfarm ist das Ziel. Für viele Züchter wurde der Tourismus ein wichtiger Nebenerwerb. Während ein Grossteil der Herden durch die Wälder streift, sammeln manche Rentierhalter die zahmen Tiere in Gehegen rund um die Gehöfte und präsentieren sie den Gästen. Der Fleischpreis ist im Keller, das Interesse an der faszinierenden Geschichte und Lebensweise der Samen, die schon seit Jahrhunderten dem rauen Klima des Nordens trotzen, steigt.

Die Huskys sind gut erzogen

Wer es ruhiger mag, tauscht das Schneemobil gegen einen Hundeschlitten. Ruhe gibt es allerdings erst nach dem Start, denn das Anlegen des Zuggeschirrs wird von den Huskys mit lautem Heulen begrüsst. Ein Ruck – mit unbändiger Kraft zerren die Hunde am Seil, der Schlitten schiesst hinein in die Weite Lapplands. «Teufel» und «Satan» seien in Lappland typische Hundenamen, hatte Jari, der Chef der Huskyfarm, bei der Einweisung schmunzelnd erzählt. Nicht etwa, weil man hier oben den dunklen Mächten fröne. «Die Schlittenhunde heissen so, weil man sich immer wieder fragt, was die Hunde denn zum Teufel machen», erklärt er scherzhaft.

Doch die Huskys erweisen sich als gar nicht so launisch, im Gegenteil: Sie sind erstaunlich gut erzogen. Nach dem rasanten Start folgen sie willig dem vorderen Schlitten. Wenn es steil bergauf geht, schauen die hechelnden Vierbeiner mitleiderregend nach hinten. «Schieb doch mal mit, Faulpelz», scheinen sie zu denken. Das ist der Moment, an dem die Tiere zur Abkühlung Schnee fressen und die Guides ein Feuer entfachen. Fischsuppe gehört zu einer Pause genauso dazu wie der obligatorische Trapper-Kaffee mit Satz in der letzten Tasse. Zurück trotten die Huskys in gemächlichem Tempo. Noch ein Klaps auf den Rücken als Dank für die geleistete Arbeit – und dann ab in die Sauna – in einem ganz speziellen Hotel.

Katja und Sirpa betreiben mitten in den Wäldern das Wildnishotel Isokenkäisten Klubi (IKK). «Club der Gross­füsse, heisst das übersetzt», sagt Katja lachend. Auch die Finnen kennen den Spruch, dass jemand «auf grossem Fuss lebt», und nutzen ihn vor allem für Politiker und Wirtschaftsbosse. Es ist einem der Mächtigen zu verdanken, dass man heute nur zwei Kilometer von der russischen Grenze entfernt gut übernachten kann. Als in den 1990ern ein Minister auf seinem Motorschlitten bei der schlichten Hütte, die damals hier stand, vorbeikam und nach einem trockenen Overall fragte, entstand die Idee zum IKK, einer idealen Ausgangsbasis für Touren in der Tundra ein wenig südlich des Polarkreises.

Man nimmt finnische Gelassenheit an

Zum Beispiel auf Schnee­schuhen. Gemächlich stapft die Gruppe hinter Guide Wolfgang durch den tiefen Schnee. Die Spur eines Hasen kreuzt den Weg, die dunkle Silhouette eines Vogels schwingt zwischen den Baumwipfeln davon. «Die Natur ist im Winter ruhig, aber lebendig», sagt der Österreicher. Das gelte auch für die Fische unter der dicken Eisdecke des Särkiluoma.

Mitten auf dem zugefrorenen See nimmt Wolfgang den Rucksack ab, greift zum Eisbohrer und setzt an. Langsam frisst sich die Metallspirale in das 60 Zentimeter dicke Eis. Nun der wenig appetitliche Teil des Pilkki, des Eis­fischens. Der Wurm muss auf den Haken, der Fisch soll ja etwas zum Anbeissen haben. Einige Wolken ziehen während des Wartens heran, verdecken die Sonne, tauchen die Landschaft in ein milchiges Licht. Hallo Fische, wo seid ihr? Vielleicht mehr Schnur geben? Oder weniger? Es an einer ganz anderen Stelle probieren? Spielt das eine Rolle?

Schon nach wenigen Tagen in Lappland kommt man völlig runter und nimmt sich ein Beispiel an der Gelassenheit der Finnen. Ehrenwort.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.11.2017, 16:07 Uhr

Nach Lappland im Winter

Direktflüge
Zürich–Kittilä (Finnland), Reisedaten: 23.12.17 bis 10.3.18; Abflug jeweils samstags mit Edelweiss
Zürich–Ruka/Kuusamo (Finnland), Reisedaten: 20.1. bis 3.3.18; Abflug jeweils samstags mit Helvetic Airways.

Rundreisen
Travelhouse, Beratung unter Tel. 043 211 71 81.

In Zusammenarbeit mit SonntagsZeitung und Travelhouse.

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