Dem Himmel so nah

Die Abfahrt vom Klein Matterhorn nach Zermatt ist im Frühling ein unvergleichliches Naturerlebnis.

Im Hui durch den Tiefschnee hinab: Die Abfahrt, im Hintergrund Pollux (l.) und Breithorn (r.). Foto: Pia Seiler

Im Hui durch den Tiefschnee hinab: Die Abfahrt, im Hintergrund Pollux (l.) und Breithorn (r.). Foto: Pia Seiler

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Der Start ist hektisch. Wie Rennpferde stehen die Skifahrer und Tourengänger am Dorfende von Zermatt bereit, scharren mit klobigem Plastikschuhwerk, zupfen an grellen Funktionsjacken. Ungeduldig warten sie auf die erste Gondel. Um Punkt 8.30 Uhr dann der ersehnte Piepston. 300 Alpinisten setzen sich in Bewegung, erste stürmen die Achterkabinen, andere ­suchen im Getümmel ihre Berg­kameraden. Zurückgebliebene rauchen noch eine Zigarette.

Schwer zu sagen, wer was vorhat. Auch wir tragen grelle Funktionsbekleidung, Klettergurt gar und Barryvox – wir könnten glatt als Top-Alpinisten durchgehen. Die Besten werden in einer Tagesüberschreitung die Viertausender Breithorn, Castor und Pollux meistern. Respekt. Schon der Castor brachte uns vor Jahren an den Rand der Erschöpfung, allerdings auch dem Himmel so nah wie selten. Tempi passati. Heute ist eine Schoggitour angesagt: Von der Bergstation Klein Matterhorn auf 3820 Meter über Meer, der höchsten Europas, wollen wir in grossem Bogen ums Breithorn und zum Schwarztor – und dann nach gut zwei Stunden ohne dramatischen Anstieg 2000 Höhenmeter hinuntersausen. Zwölf lange Kilometer über Schwärze- und Gornergletscher, durch die Gornerschlucht und beim Furi auf der Skipiste zurück nach Zermatt.

In der Direttissima gondeln wir aufs Klein Matterhorn, das bei seiner wahren Natur bleiben darf. Ein futuristischer Hotelturm hätte den Gipfel zu einem Viertausender erheben sollen. Das Projekt scheiterte am Ende aber an einer Beschwerde der Stiftung Landschaftsschutz. Die Bergstation bleibt ausgefallen: ein Loch durch die Gipfelpyramide, 173 Meter lang. Am Ende des Tunnels: unverschämt guter Lavazza-Kaffee im neuen Peak-Restaurant mit Blick aufs ewige Schneefeld des Breithorn-Plateaus. Millionen Eiskristalle reflektieren die ersten Sonnenstrahlen. Wir werden still und demütig. Das Gschtürm des Morgens – Schnee von gestern.

Der Kamm des Castors schimmert eisblau

Wir kennen die Schwarztor-Tour aus jungen Jahren, damals gings fast ohne Aufwand. Doch heute flattern die Knie auf den ersten Metern. Die Nacht hindurch hats geschneit. «Geet scho», sagt Bergführer Kurt Lauber trocken und mehr zu sich als zu uns. Der Neuschnee lässt sich nicht so leicht wegtreten – der 56-jährige Zermatter wird zünftig spuren müssen.

Wir etwas jüngeren Mittelländer sind auf 450 Meter über Meer gestartet und röcheln und stöckeln ihm nach übers Plateau. Ein kalter Wind pfeift um die Ohren. «Schön langsam, Schritt für Schritt», ruft Lauber gegen den Wind. Jetzt nur auf den Atem konzentrieren. Gedichtzeilen von Rose Ausländer, der grossen jüdischen Poetin, kommen einem in den Sinn: «Die Vergangenheit hat mich gedichtet, ich habe die Zukunft geerbt. Mein Atem heisst jetzt.»

Klettern ist angesagt: In der Gornerschlucht versperrt ein Felsbrocken den Weg. Foto: Pia Seiler

Filigrane Eiskunstwerke be­decken das Plateau. Sie erinnern an mühsam angefertigte Landschafts-Reliefs in der Primar­schule – der Wind machts mit links und ewig. Oben das mächtige, recht gut­mütige Breithorn, 4164 Meter hoch, von Bergsteiger-Neulingen erreichbar. Rechts ­Pollux (4092 Meter) und Castor (4223 Meter). Die Gratlinie der drei ­Berge ergibt die Landesgrenze zu Italien. Der Gefürchigste ist der Castor – sein Kamm ein gewaltiger Eisklotz in schimmernden Blautönen.

Wir verlassen das Plateau und traversieren konzentriert den ­abschüssigen Südhang des ­Breithorns. Der Schwung reicht knapp nicht, das Schwarztor (3731 Meter über Meer) zu er­reichen. Wir fellen an und steigen in grossem Bogen zum Joch ­zwischen Breithorn und Pollux. Ein Schluck Tee, ein letzter Blick zurück – und ab geht die Post durch traumhaft pudrigen Neuschnee.

Das Gelände ist steil, der Schwärzegletscher bald so stark zerrissen, dass wir keinen Zentimeter mehr von Kurt Laubers Spur weichen. Er führt vorbei an bizarren, 20 Meter hohen Eistürmen – wir können nur erahnen, wo die Gletscherspalten liegen. Lauber gibt Entwarnung, lässt uns zügig durchfahren, ohne anzuseilen. «Jetzt im Frühjahr sind die unteren Schneeschichten gut gebunden und die Brücken über die Spalten bei so viel Schnee solide», sagt der Bergführer, ein Meister seines Fachs. Seit über 20 Jahren ist er im Sommer Chef der Hörnlihütte am Fuss des Matterhorns; über seine Erfahrungen hat er ein viel beachtetes Buch geschrieben. Sonst führt Lauber Touren von den Rockys bis nach Japan. Er kennt den Gast, den Berg, hat über 1000 Rettungen geleitet, ist Helikopterpilot und selbst noch nie in Bergnot geraten. Trotzdem schlägt das Herz bis zum Hals und beruhigt sich erst wieder, nachdem wir die Sérac-Zone passiert haben. Lauber ist «ends zufrieden» mit uns – und «ends güet» wirds nun: Breite, tief verschneite Hänge liegen vor uns. Pures Neuschneeglück.

Ausser Atem erreichen wir die Ausläufer des Gornergletschers, eine von Eis, Schnee und Moränen durchzogene Ebene, die sich je ­länger ausweitet, je mehr der Gletscher abschmilzt. Wir stöckeln Richtung Gornerschlucht, helfen mit kräftigen Schlittschuhschritten nach.

In der Schlucht liegt genügend Schnee, wir können die Ski anbehalten. «Bretter laufen lassen», ruft Kurt Lauber. Wir folgen aufs Wort und umfahren Felsvorsprünge, Steinbrocken und erste zarte Tännchen – woher bloss nehmen sie die Lebenskraft in der schattigen, steinigen Schlucht? Nur nicht bremsen, nur nicht einschüchtern lassen vom eisig gurgelnden Wildbach. Ein schaurig schönes Vergnügen in atemberaubender Landschaft.

Mit Ski die Sprossen hoch und die Rampe hinab

An der engsten Stelle ist der Ritt zu Ende. Ein Felsbrocken versperrt die Weiterfahrt, eine Bretterwand mit Sprossen und Handseil soll aus der Sackgasse führen. Der Engpass ist in vager Erinnerung geblieben, doch die Kraft der jungen Jahre weg. Irgendwie gelingt es trotzdem, mit Ski die zehn Sprossen hinaufzukraxeln und die Holzrampe hinabzustürzen.

Der Rest ist Wille. Wir lassen die Schlucht hinter uns, steigen mit geschulterten Latten 50 Höhenmeter durch den Gebirgswald, passieren die neue Hängebrücke über der Gornerschlucht und erreichen die Skipiste. Sie führt zum Furi, der Bergstation mit drei vollautomatischen Gondel-Abschussrampen ins Hochgebirge.

Nichts wie weg, hinunter in den verträumten Weiler Blatten. In einem uralten Hischeni, einem von der Sonne schwarz gebrannten Holzhaus, lockt eine Beiz. Die Knochen sind müde, der Geist hellwach. Und Dankbarkeit schwingt mit, dass das Schwarztor nochmals offen stand.


Die Reise wurde unterstützt von Zermatt Tourismus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 16:06 Uhr

Fit sein lohnt sich



Voraussetzung
Parallelschwung, Spitzkehre, Tiefschnee-Sicherheit und gute Kondition. Felle, Klettergurt und Barryfox können vor Ort gemietet werden. Bergführer oder sehr erfahrener Bergkamerad unabdingbar.

Auskunft Alpin Center Zermatt, Bahnhofstrasse 58, Tel. 027 966 24 66, www.zermatters.ch

Allgemeine Informationen www.zermatt.ch

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