Das Schweigen des Fabelwesens

In Nauders auf der Tiroler Seite des Reschenpasses erlernen Kinder spielerisch das Skifahren – dank Maskottchen, Pizza und Zauberteppich.

Es geht um Nauders Zukunft: Wer als Kind mit Nauderix Spass hatte, kommt als Erwachsener wieder zurück. Foto: PD

Es geht um Nauders Zukunft: Wer als Kind mit Nauderix Spass hatte, kommt als Erwachsener wieder zurück. Foto: PD

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Den ganzen Tag haben sich die kleinen Skifahrer darauf gefreut, ihn endlich kennen zu lernen. Lässig sitzt Nauderix im Anhänger des Schneemobils. Er ist das Maskottchen des Tiroler Skiortes Nauders, unweit der Grenze zum Unterengadin. Das Fabelwesen sieht aus wie ein Haarknäuel auf zwei Beinen. In der Verkleidung steckt Skilehrerin Lisa, eine gebürtige Holländerin. Nauderix spricht nicht viel. Das mag am mächtigen Bart liegen oder auch an Lisas markantem Akzent, den die Kinder ­erkennen könnten. Die Einsilbigkeit des bärtigen Wesens mag die kindliche Freude nicht trüben, den leibhaftigen Nauderix vor sich zu haben. Die Skischule setzt das Maskottchen zurückhaltend ein, sein Erscheinen bleibt für die Ski-Novizen ein Höhepunkt. Und Nauderix ist nicht mit leeren ­Händen gekommen. Grosszügig verteilt er grüne Gummibärchen.

Johlend folgen ihm die dick eingepackten Mädchen und Buben auf den roten Anhänger des ­Motorschlittens. Skilehrer Günther gibt Gas, fährt in flottem Tempo eine Runde um das Bergrestaurant und hält bei den Kristallhöhlen, den ehemaligen Behausungen der Nauderixen. Die Kinder kriechen in Iglus, tollen durch den Schnee und suchen gemeinsam einen Goldschatz. Das 6500 Quadratmeter grosse Nauderix-Kinderland bei der Bergstation Bergkastel auf 2200 Meter über Meer gleicht mit Tubingbahn, einem Kinderkarussell und Indianerpfad mehr einem Spielplatz als einer Trainingsanlage.

Das hat seinen Grund. Kinderskischulen helfen den Wintersportorten, ihre wirtschaftliche Zukunft zu sichern, indem sie im besten Fall den Nachwuchs langfristig für das Treiben im Schnee begeistern. Dabei verhält es sich mit den kleinen Skifahrern ein wenig wie mit den atlantischen Lachsen. Während die edlen Fische an ihren ­Geburtsort zurückschwimmen, um zu laichen, kehren die Kinder Jahre später oft an den Ort zurück, wo sie die ersten Schwünge übten. Wie zuverlässig das geschieht, hängt von den Erinnerungen ab, die ein Kind mit dem Skiunterricht verbindet.

Wie in einem italienischen Restaurant

Deshalb betreibt Nauders an der Tiroler Peripherie viel Aufwand, um die Kleinen glücklich zu ­machen. Auch praktische Gründe sprechen für einen Spielplatz im Schnee. «Die Kinder brauchen zwischendurch immer wieder spielerische Ablenkung. Sie können nicht die ganze Zeit Skifahren üben», sagt der einheimische ­Skilehrer Günther, eine bullige ­Erscheinung mit sanftem, liebevollem Wesen. Auch das Skitraining selbst ist spielerisch und kind­gerecht. Im Gegensatz zu erwachsenen Skischülern, die Angst ­hätten hinzufallen und sich dabei verkrampften, seien Kinder in der Hinsicht entspannter, urteilt ­Günther.

An dem sonnigen, aber kalten Morgen reihen sich acht Kinder an der oberen Kante des sanft abfallenden Kinderlandes ein. Sie sind zwischen drei und fünf Jahre alt und stehen fast alle zum ersten Mal auf den Ski – in unterschiedlichen Gemütslagen. Einige strampeln und weinen, während andere am liebsten gleich den Hang hinunter sausen möchten. Der dreijährige David und sein ein Jahr älterer ­Bruder Noah warten geduldig. Noah ist als erster an der Reihe. «So, jetzt machen wir dich noch ein wenig sicherer», sagt Günther. Er steckt auf Noahs Skispitzen Kunststoffkappen, die mit einem halbelastischen Band verbunden sind. Mit dieser Lernhilfe driften die Kinderski nicht auseinander.

Der Weg nach unten ist vorgegeben in Form einer dünnen, grünen Plastikröhre, die auf dem Schnee fixiert ist. Günther stellt Noah an den Anfang der Plastikröhre. «Du musst eine grosse Pizza machen mit deinen Ski», erklärt er. In den letzten Jahren wurde der Pflug in den Kinderskischulen von der Pizza verdrängt. Aussenstehende wähnen sich manchmal in einem italienischen Restaurant und nicht am Übungshang. Wie auf Schienen gleitet der Vierjährige langsam nach unten. Hocherfreut, dass er nicht hingefallen ist, rutscht Noah zum Zauberteppich, einem schwarzen Förderband, und lässt sich gemütlich zum Ausgangspunkt tragen. Die kleineren Geschwister spielen im ­Miniclub-Gästekindergarten in der Bergstation, während die Eltern auf der Piste mit Privatskilehrer Hans ihre Kenntnisse erweitern. Hans, charmant und routiniert, bringt die Technik mit einem träfen Spruch auf den Punkt: «Kiste zur Piste, Titte zum Tal. TZT. So klappts immer.»

Jedem Kind eine Medaille

Die Konkurrenz der Wintersportdestinationen ist gross. Wer Innovationen verschläft, ist weg vom Fenster. Deshalb investierte Nauders in eine moderne Talstation: mit Rolltreppen zu den Gondeln und 3000 abschliessbaren Einstellplätzen mit Belüftungs- und Trockensystem. Das ist besonders für Familien ein Vorteil. Man braucht die sperrigen Ski und Skischuhe nicht mehr in die Wohnung oder ins Hotel zu schleppen. Doch der futuristisch anmutende Neubau geriet fast zum Fiasko. Ein Feuer zerstörte im Oktober 2015 einen Teil der sich im Bau befindlichen Talstation der Bergkastel-Seilbahn. Doch Nauders errichtete auf der Brandruine in Rekordzeit eine neue Station und weihte sie wie geplant im Winter 2016 ein. Das Dorf am Reschenpass lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Es überlebte eine im 14. Jahrhundert wütende Pest, 1609 ein Lawinenunglück, das 22 Häuser verschüttete, und 1880 ein Grossfeuer, das über 150 Gebäude in Schutt und Asche legte.

Nicht nur die Tiroler Gastfreundschaft und Gelassenheit der Einheimischen sind bemerkenswert, auch die Lage von Nauders. Der Ort liegt an einem Dreiländereck. Am «Dreiländergrenzstein» auf 2180 Meter über Meer im Südwesten des Gemeindegebiets treffen die Grenzen von Österreich, der Schweiz und Italien aufeinander. Von der Skipiste aus sind die österreichischen, schweizerischen und italienischen Gipfel zu sehen. Die Skirennläuferin Lisa Magdalena Agerer, wohnhaft in Nauders, führt die besondere geografische Lage vor Augen: Agerer, Tochter eines Südtirolers und einer Österreicherin, besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft, fährt aber für den italienischen Verband. Der heimische Dialekt in Nauders mit seinen vielen rauen Ch- und R-Lauten ist dem schweizerischen Pendant ziemlich ähnlich. Deshalb verstehen sie in Nauders den Schweizer Dialekt auch gut.

Im Nauderix-Kinderskiland ist das Kinderskirennen angesagt. Noah und David sind schon ein wenig nervös. Das Rennen mit Startnummern, Livekommentator, Zeitnahme und Siegerehrung soll dem der Profis in nichts nachstehen. Einen kleinen Unterschied gibts doch: Am Ende erhält jedes Kind eine Medaille. Irgendwie sind sie ja auch alle Sieger, wie sie zum ersten Mal auf den Ski stehen.


Die Reise wurde unterstützt von Nauders Tourismus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.01.2018, 16:51 Uhr

Kletterwand, Trampolin und Wellnessbereich



Anreise
Mit Bahn und Bus über Sargans, Feldkirch, Landeck nach Nauders. Mit dem Auto via Klosters, ­Vereinatunnel, Schuls nach Nauders.

Unterkunft
Hotel Naudererhof, ideal für Familien, ­Spielzimmer, Schwimmbad, Kletterwand, grosses ­Trampolin. Eine Woche im DZ mit HP ab 690 Euro p. P.; Hotel Berghof, nahe Schloss ­Naudersberg, Wellnessbereich. Eine Woche im DZ mit HP ab 686 Euro p. P.

Nauders und grenzüberschreitende Skiarena Vinschgau
211 Kilometer Pisten in allen Kategorien, bis zu 85 Meter breite Carving-Hänge, Freeride-Routen und Buckelpisten.
Skiabos Erwachsene 6 Tage ab 182 Euro, Familien­skipässe 6 Tage ab 349 Euro.

Allgemeine Informationen
www.nauders.com

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