Aus einer anderen Zeit

Zu Fuss unterwegs im rumänischen Siebenbürgen. Nicht nur den Kirchenburgen droht der Zerfall.

Blick auf die massige Kirchenburg von Biertan. Foto: Laif

Blick auf die massige Kirchenburg von Biertan. Foto: Laif

Wenn er lacht, entblösst er ein gewaltiges Gebiss. Wir sitzen in der Küche von Erwin Martini und trinken selbst gebrannten Pflaumenschnaps. Eigentlich sollten wir an diesem strahlenden Tag unterwegs sein zum alten Bischofssitz Birthälm (Biertan). Am frühen Morgen hat uns ein Taxifahrer in Rasinari am Fuss der Südkarpaten abgeholt, zuerst durch die Provinzhauptstadt Hermannstadt (Sibiu) gefahren, dann durch das wildromantische Harbachtal ins ehemalige Winzerdorf Reichesdorf (Richis).

Vor dem Dorfladen sind wir Erwin Martini begegnet. Der 73-jährige Siebenbürger Sachse in grüner Arbeitshose hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Auf dem Weg passieren wir an der Hauptstrasse etliche verfallene Häuser mit eingestürzten Dächern. «Hier, dieses Haus», sagt Martini und zeigt auf eine Ruine mit einer Doppeltreppe, «das war früher die Kneipe im Dorf.» Abseits der asphaltierten Hauptstrasse sind die Wege nicht geteert, ein Pferdefuhrwerk kommt uns entgegen, man wähnt sich in einer längst vergangenen Zeit.

Über 850 Jahre alte Gemeinschaft

Gebannt lauschen wir den Erzählungen des hageren Gastgebers von den alltäglichen Schikanen während der Ceausescu-Diktatur, von der Auswanderungswelle 1990 nach dem Ende des Kommunismus, von Martinis Leben als Fernfahrer in Deutschland. Auch ihn hatte es fortgezogen, bis die Sehnsucht nach der alten Heimat übermächtig wurde. Martini hat viel zu tun. Seit einigen Jahren ist er Besitzer von zwei Höfen, die er zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet. Er gehört zu der über 850 Jahre alten rumäniendeutschen Gemeinschaft in Siebenbürgen. Die Siebenbürger Sachsen wanderten im 13. Jahrhundert nach Siebenbürgen, heute Transsilvanien, aus. Sie stammen aus Regionen, die heute in Luxemburg und Flandern liegen. Angeworben worden waren sie vom ungarischen König Geza, um Land urbar zu ­machen und es gegen die Einfälle der Tataren zu schützen.

Nach dem Fall des Kommunismus kam es innerhalb weniger Monate zum ­Exodus. Von den einstmals 300'000 Siebenbürger Sachsen leben heute nur noch 13'000 in Rumänien. Die überalterte Gemeinschaft wird immer kleiner – und hinterlässt ungenutzte Privathäuser und die zum Weltkulturerbe gehörenden Kirchenburgen. Davon gibt es noch 150 in der Region. Sie boten der Bevölkerung während Jahrhunderten Zuflucht bei Belagerungen.

Gegen Mittag schaffen wir den Aufbruch. Die Route nach Birthälm führt über Naturwege, Schotterstrassen, durch Wälder. Die Markierungen sind nicht immer deutlich zu erkennen, die Ausschilderung ist lückenhaft.

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Die massige Kirchenburg in Birthälm mit spätgotischen Fresken dominiert die Szenerie. Während einer Führung lernen wir, wie wichtig der Zusammenhalt unter den Siebenbürger Sachsen angesichts der ständigen Bedrohungen war – und mit welchen Massnahmen er gewährleistet wurde. So gab es in der Kirchenburg ein Zimmer für zerstrittene Ehepaare, die dort für zwei Wochen eingesperrt wurden, um sich auszusöhnen. Offenbar erfolgreich: In über 300 Jahren soll es in Birthälm nur eine einzige Scheidung gegeben haben.

Am Vortag hatten wir Ausläufer der Südkarpaten durchwandert. Auf dem Weg boten sich trotz vor­beiziehender Nebelschwaden herr­liche Aussichten zu den Fogaraschen Bergen. Von Hohe Rinne (Platinis) auf 1400 Meter über Meer, dem ­ältesten Ski- und Kurort Rumäniens, ging es entlang des Skilifts über die Wolfswiese zur Bergstation. Später führte uns der Weg durch Fichtenwälder, über Wiesen und Weiden hinunter in das ­Hirtendorf Rasinari.

Das Geburtshaus von Graf Dracula

Wenn man durch Siebenbürgen wandert, sind Begegnungen mit Schafherden an der Tagesordnung. Für brenzlige Situationen haben wir einen Stock dabei. Während des Abstiegs nach Rasinari treffen wir auf einen Hirten, der mit 400 Schafen unterwegs ist. Die Hunde haben uns früh erspäht, werden aber mit einem Pfiff zurückbeordert. Der Schäfer freut sich über die Gelegenheit zu einem Schwatz. Er erzählt in einer kreativen Mischung aus Italienisch und Deutsch von Auslandsaufenthalten als Hirte in den italienischen Abruzzen und auf einem Schlachthof in Dortmund. Ja, Wölfe und Bären würden sich in der Gegend auch tummeln, und es gebe hin und wieder Angriffe auf Schafe. Er habe die Räuber jedoch mit Unterstützung der Hunde stets in die Flucht schlagen können.

Malmkrog ist das Etappenziel einer weiteren Tagestour. Hier lebt die grösste verbliebene Gemeinschaft von Siebenbürger Sachsen, was auch auf die relative Abgeschiedenheit des Ortes zurückzuführen ist. Wir nähern uns über einen Hügelkamm. Das Dorf in einem schmalen Tal liegt uns zu Füssen. Rechts die Kirchenburg und das ehemalige Schloss der ungarischen Adelsfamilie Apafi mit einer Fassade aus ionischen Säulen. Am Dorfeingang trottet ein Wasserbüffel um einen archaischen Ziehbrunnen – kein seltenes Bild, die Kolosse werden hier auch vor den Pflug gespannt. Einige der leerstehenden Gebäude sind zu Gästehäusern umfunktioniert ­worden. Wir übernachten in einem alten Bauernhaus. Eine betagte Obstpresse dominiert den Hof. Die Inneneinrichtung besteht aus ­massiven Holzmöbeln. Über dem Doppelbett hängt eine Stickerei mit der Zeile: «Eine feste Burg ist unser Gott».

Auf der Wanderung bleiben die Städte Hermannstadt (Sibiu) und Schässburg (Sighisoara) Nebenschauplätze. Schässburg ist offiziell wieder dreisprachig, so grüsst das Ortseingangsschild in Rumänisch, Deutsch und Ungarisch. Die mittelalterliche Altstadt Schässburgs ist seit 1999 Unesco-Weltkulturerbe. Mit vielen farbenfrohen, zuweilen schiefen Häusern, den kleinen Gassen und der über allem thronenden Bergkirche wirkt die Stadt wie aus dem Märchenbuch. Dazu passt das angebliche Geburtshaus von Vlad Tepes, bekannter unter dem Namen Dracula. Hier soll der Blutsauger 1431 geboren worden sein. Heute befindet sich im Erdgeschoss ein Restaurant mit mittelalterlichem Ambiente. Im oberen Stock kann man in einem abgedunkelten Raum, über den ein rotes Tuch gespannt ist, den in einem offenen Sarg liegenden Dracula bestaunen. Er lässt sich sogar fotografieren und bleckt gegen einen bescheidenen Obolus die falschen Zähne.

Die Reise wurde unterstützt von Eurotrek

SonntagsZeitung

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