Alles inbegriffen

Mein Schiff 1 von TUI Cruises ist kein lauter Spassdampfer – obwohl an Bord sehr viele Leistungen im Preis eingeschlossen sind. Ein Test auf der Ostsee.

Glanzstück der neuen Mein Schiff 1: Die imposante Fensterfront. Bild: TUI Cruises

Glanzstück der neuen Mein Schiff 1: Die imposante Fensterfront. Bild: TUI Cruises

Vom Anckelmannsplatz zum Fischmarkt sind es nur ein paar Schritte. Die Grosse Freiheit folgt gleich hinter dem Neuen Wall: Mein Schiff 1 pflügt als klein Hamburg durch die Weltmeere. Die Namen von Restaurants, Bars und Shoppingmeile geraten zur Ode an die Hansestadt.

Dem eher älteren Publikum auf dem jüngsten Kreuzfahrtdampfer von TUI Cruises gefällts. Die Passagiere stammen vor allem aus Deutschland, in dieser Woche reisen auch 150 Schweizer mit. Wir sind unterwegs von Kiel zum Finnischen Meerbusen: Tallinn, St. Petersburg, Helsinki heissen die Häfen, wo der 110'000 Tonnen schwere Riese anlegt. Bei der Passage nach Stockholm werden der Schweizer Kapitän Tom Roth und seine Offiziere alle Register der Navigierkunst ziehen, um das Schiff an Bojen und Felsen vorbei durchs tückische Schärenmeer zu manövrieren. «Wir verlassen uns dort nicht auf GPS, sondern auf die terrestrische Navigation», kündigt Roth an.

Der Kapitän wacht über 2900 Passagiere und 1100 Crewmitglieder. Die im Mai getaufte Mein Schiff 1 ist der grösste Dampfer der Flotte und mit 316 Metern 20 Meter länger als der zweitjüngste Spross der Hamburger Reederei.

Nur Markenchampagner kommt auf die Rechnung

Die Erfolgsgeschichte von TUI Cruises begann 2008, als man ein angejahrtes Kreuzfahrtschiff aus den USA für den deutschen Mehrheitsgeschmack flottmachte. Die Strategie: vergleichsweise hochpreisige Kreuzfahrten in der oberen Mittelklasse. «Premium all inclusive» heisst das Konzept, das den Passagier vor ungeplanten Ausgaben an Bord bewahren soll.

Man muss nur in einigen Spezialitätenrestaurants zuzahlen, in der Saftbar, bei Markenchampagner und teuren Weinen. Die klassischen oder fantasievollen Cocktails sind ebenso im Preis inbegriffen wie Schweinebraten und Sauerkraut in der Tag-und-Nacht-Bar oder das Hähnchen unter Quinoakruste im etwas pädagogisch anmutenden Ganz-schön-gesund-Lokal. Es ersetzt auf der Mein Schiff 1 die Pizzeria der älteren Schwesterschiffe.

Die Resonanz ist überschaubar. Es gibt wohl weniger verführerische Orte, um betont gesund zu leben, als ausgerechnet ein Kreuzfahrtschiff. Der Neu-Passagier glaubt erst, Unschärfen im Preiskonstrukt auszumachen, sehr schnell entdeckt man aber: Zusatzkosten werden fair kommuniziert. Dass etwa frisch gepresster Orangensaft nicht im Arrangementpreis enthalten ist, hat einen tieferen Sinn: «Sonst würden die Passagiere Unmengen davon trinken», sagt Stephan Zimmermann, «und wir müssten Tonnen von Orangen mitführen, wozu schlicht die Lagerkapazität fehlt.»

Mehr als 2900 Passagiere haben auf dem Schiff Platz. Bild: TUI Cruises

Der Kreuzfahrtdirektor der Mein Schiff 1 lobt: «Das Alles-inklusive-Konzept bewährt sich. Aber wir haben auch nicht die Klientel, die das überstrapaziert und zehn Biere gleichzeitig ordert.» Zum Glück. Im Gegensatz zu den Schiffen italienischer Reedereien oder den Aida-Spassdampfern geht es auf dem Flaggschiff von TUI Cruises artig zu und her. Plärrende Kleinkinder oder der Brachialmixer der Saftbar bleiben die übelsten Lärmquellen. Auf dem Pooldeck, bei den ­Mitbewerbern traditionell Hort ewigen Frohsinns, ertönt Hintergrundmusik erst ab 18 Uhr.

Mag sein, dass auf unserer Kreuzfahrt das WM-Fiasko der deutschen Fussballer den Stimmungspegel drückt, doch diesen soliden Passagiermix kann man sich schwerlich als krakeelende Festgemeinde vorstellen. Würde auch nicht zu den dezenten hellen Farben der Inneneinrichtung und den klassischen Kabinen passen. «Das Schiff ist reizreduziert», bestätigt General Manager Helmut Süss. Sein Kollege trägt zur gedämpften Ambiance bei: Zimmermann konzentriert die Ansagen über Bordlautsprecher aufs Minimum.

Da wirkt der Lärmpegel in der Arena auf Deck 14 schon fast unstatthaft: Sechs Jungs lassen Basketbälle auf den Hallenboden prallen, hinter der Leinwand treibt ein Sportanimateur die Kundschaft auf Spinning-Rädern zu Topleistungen an: «Wir fliiieeegen.» Eine tapfere Minderheit der Passagiere kämpft mit Sport gegen die Kalorien – morgens und abends auf der über 400 Meter langen Joggingbahn mit Anstieg von Deck 14 zu 15 und abenteuerlicher Kurve am Heck. Oder im Fitnessclub unterm Kamin, wo eine grandiose Aussicht für die körperlichen Mühsale entschädigt.

Dichtestress bei der Passkontrolle

Trotz 4000 Leuten an Bord: Dichtestress kommt nur beim Start zu den Ausflügen in St. Petersburg auf, als die Mein-Schiff-Gäste in Scharen zur russischen Passkontrolle drängen.

Ansonsten scheinen sich die Passagiere auf den 15 Decks beinahe zu verlieren. Ob in der Himmel-und-Meer-Lounge oder im Döner-Paradies Bosporus: Warteschlangen bleiben dem Publikum erspart. Und selbst an einem heiteren Seetag tummeln sich nur wenige im 25-Meter-Pool.

Das Gefühl, auf diesem Schiff mehr Luft zu geniessen, lässt sich mathematisch begründen: TUI Cruises stellt pro Passagier über 40 Kubikmeter umbauten Raum zur Verfügung, die Konkurrenz arbeitet mit 30 Kubikmetern.

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Natürlich besitzt die Dimension auch Nachteile: Kleinere Häfen bleiben tabu. Die Mein-Schiff-1-Kunden reihen sich zwangsläufig ein in die Flut der Kreuzfahrtpassagiere, die etwa Stockholms Kungsgatan oder Tallinns Altstadt überrollt. Nachmittags in der Bucht vor der estnischen Kapitale kämpfen die Besatzungen der auslaufenden Kreuzfahrtschiffe gegen einen gemeinsamen Wider­sacher: den harschen Wind. Während die Zuiderdam von Holland-America Line erst nach einer Stunde vom Pier geschleppt werden kann, schafft es Tom Roth umgehend, seinen ­65 Meter hohen Megaliner mit dem dunkelblauen Rumpf aus dem Hafenbecken in Richtung St. Petersburg zu steuern.

Die Reise wurde unterstützt von TUI Cruises und TUI Suisse.

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