Ziegenmist

«Wahrheit»-Kolumnist Daniel Di Falco liest die Landliebe und die Coop-Zeitung. Beide erinnern an Ziegenmist.

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Daniel Di Falco

«Wir können viel von ihnen lernen», fand also Linard Bardill, der Bündner Liedermacher, als ihn die «Coop-Zeitung» neulich in Amt und Würde setzte, und zwar als «Ziegenversteher» und Maskottchen des Geissenprojekts der Coop-Patenschaft für die Berggebiete. Weil nämlich, so Bardill: «Wir unterdrücken unsere natürlichen Instinkte und Gefühle, und Geissen können das nicht.»

Aber gewiss, und damit – siehe diese Kolumne vom 6. Juli – war der Gipfel des Unfugs erreicht, rein theoretisch. Denn von hier aus hätte uns der Barde ebenso gut die kaum weniger instinktsicheren Meerschweinchen als Vorbild für die menschliche Charakterbildung andrehen können. Oder die Kellerasseln. Oder die Butterblumen.

Aber man lernt ja niemals mehr aus, und eine der Lektionen heisst: Es gibt kein Pardon. Weder mit dem Unfug noch mit dem derzeit grassierenden Geissenfimmel. Und so ist kurz darauf eine Meldung aus dem Schwarzwald eingetroffen. Auch im dortigen Elztal gibt es nun «Ziegen to go», und dass es sich dabei um Wanderungen handelt, auf denen die Touristen von einer Herde junger Böcke begleitet werden (oder umgekehrt), was auch einen «pädagogischen Effekt» haben soll, zumal nämlich so eine Tour «beispielsweise Kindern die Angst vor Tieren nehmen kann» – das ist nur das eine. Das andere ist, dass einer der Böcke Marzipan heisst und «sein Leben geniesst», wie die zwei Ziegenhalterinnen finden. Ein anderer heisst Pollux und «ist für jeden Spass zu haben». Kastor «hingegen ist sehr verantwortungsbewusst». Und Munan – ja, der Munan, der «ist ein Träumer».

Was soll man davon halten? «Jedes Tier hat seinen Charakter», sagen die Geissenpeterinnen, und damit ist auch der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Ziegenmode benannt, neben dem Umstand, dass sich die Tiere für einen bestimmten Kalauer hergeben, sodass der Titel jedes zweiten Artikels über Ziegenhaltung, Ziegentrekking oder Ziegenpatenschaften gleich lautet, und zwar «Meckern erlaubt»: Mindestens so sehr verdankt sich dieser mediale Grosserfolg der hemmungslosen Vermenschlichung von Capra aegagrus hircus, besser als Hausziege bekannt.

«Gefitzte Gesellen» heisst es auch auf der Titelseite der aktuellen «Landliebe», und der Bericht von der Nidwaldner Alp Oberfeld («Meckern erlaubt») führt dann auch stracks von der Idee eines naturbelassenen, nun ja: Naturells («Ziegen wirken stets positiv, neugierig und fröhlich») in ein Idyll, in dem jedem zivilisationsmüden Stadtmenschen das Herz aufgehen muss: «Ja, man ist berührt, wenn man Landwirte wie die Wasers im Sommer auf ihren Alpen besucht. Das einfache Leben im Einklang mit der Natur und den Tieren, der Alltag ohne Fernseher, ohne Internet: Das fasziniert.»

Wahrscheinlich sind die Ziegen in den Bergen ja wirklich nichts anderes als das, was die Bewohner der Südsee vor einiger Zeit für die Europäer waren: Projektionsfiguren für das Ideal freundlicher und paradiesisch unverdorbener Seelen, jener «edlen Wilden», die sich Rousseau in seinen Träumen ausgemalt hatte. Mit der Ziegenvariante dieser Vorstellung scheint allerdings eine wertvolle Kulturleistung verloren gegangen zu sein: die Angst vor dem Kitsch. Heidi hat uns heimgeholt.

Neben den Ziegen- verkauft Coop übrigens auch Bienenpatenschaften. Und selbst wenn es unwahrscheinlich scheint, zumal Bienen als ziemlich konformitätssüchtig gelten: Es kommt noch der Tag, an dem wir erfahren, dass wir viel von ihnen lernen können. Ihre Warenform haben sie ja, wie die Ziegen mit dem Käse, mit dem Honig bereits gefunden. Und einen Barden und ein Lied haben sie ebenfalls schon, seit Karel Gott und der Biene Maja.

Der Bund

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