Von der Dunkelheit ins Licht

Die 93-jährige Künstlerin Etel Adnan entwickelte einen minimalistischen, kontrastreichen Stil. Im Zentrum Paul Klee tritt sie in einen Dialog mit dem Hausherrn.

Mehrfachbegabung: Etel Adnan in ihrer Pariser Wohnung.

Mehrfachbegabung: Etel Adnan in ihrer Pariser Wohnung.

(Bild: Galerie Lelong & Co, Paris)

Rot ist ihre Lieblingsfarbe. Wenn Etel Adnan vor der leeren Leinwand sitzt und keinen Impuls verspürt, dann malt sie ein rotes Viereck als Ausgangspunkt. Jedes Gemälde vollendet sie in einer einzigen Sitzung. Vorstudien macht sie keine, den kreativen Prozess kann und will sie nur bedingt steuern.

Ihr Berg: «Ohne Titel», 1970, Tinte, Papier.

Ihr wichtigstes Arbeitsinstrument ist dabei nicht der Pinsel, sondern der Spachtel. Das Malmesser erlaubt einen flachen Auftrag und schnelles Arbeiten. Die aus der Tube direkt auf den Malgrund gespachtelten Farben sind die Bausteine einer intensiv-bunten Welt, in der sich zuweilen noch Gegenstände und Landschaften erahnen lassen. Es dominiert ein subtiles Zusammenspiel der Farbtöne, vibrierende Stimmungsbilder entstehen. Ihre meist kleinformatigen Gemälde seien «Gebäude, flache Gebäude», hat die heute in Paris lebende Etel Adnan einmal erklärt. Abstrakte Kunst versteht sie als universelle Poesie, losgelöst von einer kulturell geprägten Sprache.

«Meine unbeschwerte Seite»

Diese 93-jährige libanesisch-amerikanische Weltbürgerin hat viele Leben gelebt und sich dabei als Mehrfachbegabung entpuppt, die ihr Ausdrucksbedürfnis mannigfach auslebte: Als Kind wollte sie Architektin werden, später war sie Dozentin, arbeitete als Kulturjournalistin, schrieb Theaterstücke, veröffentlichte Gedichtbände («Arabische Apokalypse») und wurde 1978 schlagartig im arabischen Raum bekannt mit ihrem Antikriegsroman «Sitt Marie-Rose» über den libanesischen Bürgerkrieg; sie erzählt darin von einer Frau, die sie in Beirut noch persönlich gekannt hatte. Die junge syrische Christin hatte sich um gehörlose palästinensische Kinder gekümmert und war für diese «Provokation» von christlichen Milizen ermordet worden.

Natur als Farbklänge: «Ohne Titel», 2014, Öl auf Leinwand. Foto: Courtesy Galerie Lemand Paris

Aber vor dem Schreiben war das Malen. «Malerei ist meine glückliche, unbeschwerte Seite», sagte sie, «für die Probleme in der Welt habe ich das Schreiben.» Als bildende Künstlerin wurde sie allerdings erst sehr spät von der Kunstwelt entdeckt; 2012 an der Documenta 13 in Kassel zeigte sie Gemälde und eine Reihe von experimentellen Super-8-Filmen mit assoziativ montierten Berg- und Meeraufnahmen sowie Sequenzen mit Hochhausfassaden und Lastkähnen auf dem New Yorker East River – Ausschnitte davon sind in der Berner Ausstellung zu sehen. Seither wird ihr Werk in grossen Einzelausstellungen gezeigt, 2015 etwa im Haus Konstruktiv in Zürich.

Ein Berg, der sich immer wandelt

In ihrer künstlerischen Arbeit stehe immer der Kampf der Dunkelheit mit dem Licht im Zentrum, deshalb könne sie auch nur abstrakt malen, weil jeder Gegenstand eine Ablenkung vom Licht bedeute. In ihrem jüngsten Gedichtband «Nacht» (2016 auf Deutsch in der Edition Nautilus erschienen) schreibt sie: «Wir leben bei Tag, und mein Gefühl ist, dass wir das Mysterium der Nacht verloren haben.»

Und schon ist sie bei Paul Klee, der während seiner Tunesien-Reise 1914 die Transformation zum Maler erlebt habe. («Die Farbe und ich sind eins. Ich bin Maler.») So wie bei ihr gehe es auch bei Klee immer ums Licht, um das Mysterium eines Ortes.

Zeichnung, Farbe und Schrift treffen zusammen: Leporello, «Ohne Titel», 1965. Foto: Courtesy Sfeir-Semler Gallery Hamburg/Beirut

In das Werk von Paul Klee hat sich Etel Adnan, die 1925 als Tochter einer griechischen Christin und eines muslimischen Syrers in Beirut geboren wurde, Anfang der 1960er-Jahre «verliebt». Sie lebte damals nach einer Ausbildung in einem französischsprachigen Mädcheninternat in Beirut, Studienjahren in Paris und Berkeley nördlich von San Francisco und unterrichtete an einem College Kunsterziehung und Philosophie. Klee lernte sie zuerst über dessen Tagebücher kennen und befand beim Betrachten seiner Bilder, die sie in Zustände der Ekstase zu versetzen vermochten: «Man vergisst, dass man auf dieser Erde ist, und wird in seine Ewigkeit versetzt.» Insbesondere Klees Quadrat-Bilder, eine künstlerische Frucht von dessen Tunesien-Reise, wurden zu einer wichtigen Inspirationsquelle für Etel Adnan. Mit Klee verbindet sie die Überzeugung, dass Schreiben und Zeichnen eng miteinander verwandt sind. Die Verbindung von Bild und Text ist in vielen Werken Adnans sichtbar. Während Klee ganze Gedichte in Schriftbilder umsetzte und teils erfundene Formen als geheimnisvolle Zeichen einsetzte, hat Adnan auf Leporellos, diesen gefalteten Notizheften, Schrift, Zeichnung und Farbe immer wieder zusammengebracht.

Auf einem Leporello erzählt sie die eigene, von Kriegswirren und einem multikulturellen Umfeld geprägte Familiengeschichte, auf anderen setzt sie Gedichte anderer Autoren, etwa des Amerikaners Wendell Berry über die Ermordung Kennedys oder des irakischen Dichters Shakir al-Sayyab, visuell um. Leporellos aus den 1960er-Jahren zeigen auch, dass die Künstlerin den damals in den USA dominierenden abstrakten Expressionismus aufnahm und in ihre individuelle Bildsprache integrierte.

In der Berner Ausstellung, die ZPK-Chefkuratorin Fabienne Eggelhöfer zusammen mit dem französischen Adnan-Kenner Sébastien Delot realisiert hat und die nächstes Jahr auch im Mudam-Museum in Luxemburg Station machen wird, bilden auch die Huldigungen an den mystischen «Hausberg» der Künstlerin und die grossformatigen Tapisserien zwei faszinierende Schwerpunkte. Den Mount Tamalpais nördlich der Golden Gate Bridge hat Etel Adnan – ähnlich wie Paul Cézanne den Mont Sainte-Victoire – im Laufe der Jahre mit fast obsessiver Beharrlichkeit festgehalten, in grösseren Formaten, als Aquarelle, manchmal nur kalligrafisch skizziert, dann mit farbiger Palette fixiert im Wandel der Jahreszeiten und bei unterschiedlichem Wetter.

Traditionell und zeitgenössisch

Die farbenprächtigen, leuchtenden Tapisserien, welche die Mittelachse der Ausstellung bilden, verbinden eine jahrhundertealte Webtradition mit zeitgenössischer Bildsprache. Die von Adnan mit Filzstift gefertigten Vorlagen wurden von der französischen Manufaktur Pinton magistral umgesetzt. Auch hier ist eine Nähe zu Paul Klee feststellbar; dieser wob zwar keine Tapisserien, er malte jedoch auf Jutestoff oder auf Stofffetzen. Der Hausherr im Zentrum Paul Klee hätte zweifellos seine Freude gehabt am Besuch dieser quirligen «Schülerin», die ihn verehrt, aber gleichwohl eigene künstlerische Wege einschlug.

Die Ausstellung dauert bis zum 7. Oktober. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Der Bund

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