Paarhufer beim Tennis

Wahrheit-Kolumnistin Lena Rittmeyer erklärt, warum Novak Djokovic mehr einer selbstbewussten Ziege ähnelt, als einem Reh.

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(Bild: zvg)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Nicht erschrecken, aber ich muss kurz ein wenig ausholen. Sie werden sich sicher noch daran erinnern, wie die Katze macht. Genau: Miau. Wie der Hund? Sie wissen es: Wau. Und das Schwein? Oink, vielleicht? Bei uns schon, in Japan grunzt es boo-boo, in Polen chrum-chrum und in Schweden nöff-nöff. Das hat, wie Sie sich sicher denken können, mit unterschiedlichen Sprech- und Hörgewohnheiten zu tun, aus denen dann abweichende Übersetzungsversuche resultieren. Aber mal unter uns, die Japaner wieder. Bei einer Biene hören sie kein bssss, nein, in Japan summt das Fluginsekt boon boon.

Ob Novak Djokovic in Asien auch anders klingt? Bei uns jedenfalls macht er Uuuuaaaah-ah! Das haben britische Forscher herausgehört, die sich im Rahmen einer Arbeit mit Tennisgrunzern befassten – also mit jenen obskuren Lauten, die berühmte Tennisspielerinnen und -spieler beim Schlagen des Balls ausstossen. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, ob sich nur aufgrund dieses Ausrufs etwas über das Spielresultat voraussagen lässt.

Und tatsächlich: Spieler, die am Verlieren sind, sollen angeblich höhere Schreie von sich geben als die späteren Gewinner, die eher in tiefen Lagen stöhnen. Ein Verhalten, das übrigens auch bei anderen Säugetieren in Duellsituationen zu beobachten ist. Rothirsche, die sich während der Paarungszeit bekämpfen, lassen ein Gebrüll erklingen, wobei das unterlegene Männchen einen dünneren, feminineren Laut produziert.

Wie ein Reh gebärdet sich auch Roger Federer auf dem Platz. Als «würdevoll und schweigsam» klassifizieren die Forscher seine akustische Performance. Der Vergleich mit einem Paarhufer drängt sich ebenso beim Spanier Fernando Verdasco auf. Beim Spiel gegen einen zunehmend erschöpft aufheulenden Andy Murray soll der überlegene Verdasco «wie eine Ziege» geblökt haben, schrieb ein Beobachter. Und fügte an: «wie eine selbstbewusste Ziege».

Verdasco wird übrigens nachgesagt, er habe während des letzten U.S. Open einen Ruf von sich gegeben, der wie ein «Au revoir!» klang. Und einem holländischen Spieler wurde angeblich einmal ein Punkt abgezogen, weil er die Grunzer seines Gegners nachäffte. Richtig so: Die individuelle lautmalerische Selbstentfaltung auf dem Tennisplatz muss respektiert werden. Ja, im Sport wird mitunter zu subtilen psychologischen Waffen gegriffen. Aber wie machen es eigentlich die Japaner? Geht man von den sprachspezifischen Tierlauten aus, müssten sie beim Aufschlag eigentlich ein angriffiges boo-boo von sich geben – einen Grunzer halt –, was auf Europäer aber vermutlich kaum die erwünschte Wirkung haben wird. Ich empfehle kulturunabhängig ein herzhaftes Uuuuaaaah-ah! – und dann racketschwingend vom Platz zu stolzieren wie eine selbstbewusste Ziege. Man wird verstehen.

Der Bund

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