Gamer werden zu Schau-Spielern

Etwas vorspielen, und zwar einem Millionenpublikum: Beim Internetphänomen Let’s Play schauen Youtube‑Nutzer anderen bei Videospielen zu. Das Genre bringt ganz neue Stars hervor.

Kopfhörer auf, Kamera läuft – Let's Play ist Spielfernsehen im Internet: Spieler an der Gamescom in Köln (16. August 2012). Foto: Oliver Berg (EPA, Keystone)

Kopfhörer auf, Kamera läuft – Let's Play ist Spielfernsehen im Internet: Spieler an der Gamescom in Köln (16. August 2012). Foto: Oliver Berg (EPA, Keystone)

Jan Rothenberger@janro

Man kann es sich vorstellen wie einen DVD-Kommentar zu einem Spielfilm. Der 24-jährige Felix Kjellberg kommentiert Videospiele. Er filmt sich selbst beim Spielen, spricht dabei live eine Tonspur ein. Der Zuschauer sieht das Spiel, dazu das Gesicht des jungen Schweden, der flucht, prustet oder kreischt.

Was wie eine Kuriosität klingt, die höchstens Freunde des jungen Mannes anklicken würden, ist längst ein Hit auf Youtube. Sein Kanal «PewDiePie» hat Kjellberg zu einem Internetstar gemacht. Mit 24 Millionen Abonnenten und den Werbeeinkünften eines kleineren Fernsehsenders kann der Schwede komfortabel von seiner Youtube-Berühmtheit leben und vollamtlich eines tun: Spiele spielen und kommentieren. Der Name für diese Art von Spielfernsehen heisst Let’s Play. Auf Googles Videoplattform führt an dem Phänomen kein Weg mehr vorbei. Felix Kjellberg musste seinen Platz als meistabonnierter Youtuber zwar mittlerweile abgeben, aber in den Toprängen der Plattform sind Let’s-Play-Kanäle ständig präsent.

Dass Menschen anderen Menschen bei Spielen zusehen wollen, hat sich seit den ersten Kommentarvideos auf Youtube um das Jahr 2007 rasant zum ­alternativen Fernsehprogramm, primär für Teenager, entwickelt: Im Schnitt ist die Hälfte der Zuschauer jünger als 18 Jahre. Bei der jungen Zielgruppe ist Spielfernsehen dabei, dem traditionellen Bewegtbild den Rang abzulaufen. Die Popularität dieser Inhalte hat auch das Big Business aufmerksam werden lassen. Google interessiert sich für den Onlinedienst Twitch, der sich auf Spiel­videos spezialisiert hat, und hat diesem gerüchteweise ein Übernahmeangebot in Milliardenhöhe gemacht.

Zwischen Hobby und Arbeit

Daniel Feith lebt in München, ist Spieljournalist und betreibt in seiner Freizeit den Let’s-Play-Kanal GameTube, in den er und seine Kollegen mehrere Abende pro Woche investieren. GameTube bringt es auf rund 270'000 Abonnenten. Zum Vergleich: Der Youtube-Hauptkanal von SRF hat rund 12'000 Abonnenten. Dass GameTube in der deutschsprachigen Szene dennoch eher zu den mittleren Anbietern zählt, zeigt die Dimensionen von Let’s Play. Allein die beiden führenden Kanäle im deutschsprachigen Raum – sie heissen Gronkh und PietSmiet – haben ein Mehrfaches an Abonnenten und bringen es zusammen auf zwei Milliarden Videoaufrufe.

Während die Idee einfach zu beschreiben ist, gibt die Anziehungskraft dem Uneingeweihten Rätsel auf. «Ein ­guter Kommentar wertet ein Spiel auf», sagt Daniel Feith. Ihm gelinge es, die Atmosphäre eines Spiels zu transportieren und ein authentisches Spielgefühl zu vermitteln. Die Motivationen fürs Zuschauen sind unterschiedlich. Manche Videospieler wollen eine bestimmte Spielszene noch mal sehen, vorgeführt von jemand anderem. Andere nutzen Let’s Play als Entscheidungshilfe vor dem Spielkauf. Und wieder andere schätzen schlicht das launige Geblödel der Kommentatoren. So mutet auch die Bandbreite der Kanäle an. Vom Pennälerhumor bis hin zum Infotainment im Stil einer 3sat-Doku ist alles dabei.

Stars zum Anfassen

Let’s Player haben meist ihre eigenen Nischen. Für alle wichtig ist Nahbarkeit, sie macht den Reiz aus: Spielfreunde schätzen die Möglichkeit, mit den Let’s Playern direkt in Kontakt treten zu ­können. Anders als im klassischen Fernsehen sind die Spielkommentatoren Stars zum Anfassen. Dass sie in ihren Videos auch so auftreten, sei mitverantwortlich für ihren Erfolg, meint Feith: «Im Idealfall fühlt es sich an, als sässe man bei den Leuten auf der Couch.» Für ihn zeigt Let’s Play, dass Spieler ihr Hobby nicht nur im stillen Kämmerchen betreiben. «Videospiele sind ein soziales Medium», meint Feith; die Zuschauer bei GameTube treffen sich oft wie Sportfans bei einer Liveübertragung zum Schauen von Videos oder diskutieren in den Kommentaren.

In den wenigen Jahren, seit es Let’s Play gibt, hat sich die Szene bereits professionalisiert, fachmännische Produktion der Videos ist ein Muss. Werbefirmen stehen hinter der Vermarktung der grössten Kanäle. Der Star-Status der grössten Let’s Player eröffnet diesen auch andere Einnahmequellen. «Wie Prominente aus Film oder Musik werden bekannte Let’s Player von Spielfirmen gebucht, um an Events aufzutreten», weiss Martin Le, selbst Let’s Player und verantwortlich für die Vermarktung von GameTube.

Der Erfolg für die Pioniere unter den Let’s Playern hat unzählige Nachahmer gefunden. Die anfängliche Goldgräberstimmung ist aber vorüber. Enorme Zuschauerzahlen sind nötig, um mit der Schaltung von Werbespots Geld zu verdienen. Typischerweise verdient ein Kanal zwischen einem und drei Dollar pro 1000 Videoaufrufe. Das sorgt dafür, dass nur die Betreiber der zuschauerstärksten Kanäle Let’s Play zum Beruf machen können. Auch Feith zweifelt, dass er und seine drei Kollegen von GameTube allein von Let’s Play leben könnten. Es bleiben wenige Stars, die mit dem Kommentieren von Spielen tatsächlich Geld verdienen – auch wenn sie bekannter sind als mancher Fernsehmoderator.

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