«Entwicklung in Afrika läuft sehr stark über die Frauen»

Die Burgdorferin Aja Diggelmann arbeitet für ein NGO in Afrika, hält aber Kritik an gewissen Entwicklungsprojekten dennoch für berechtigt.

Auf Heimaturlaub in Burgdorf: Aja Diggelmann auf der alten Holzbrücke.

Auf Heimaturlaub in Burgdorf: Aja Diggelmann auf der alten Holzbrücke.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Aja Diggelmann war wenige Wochen in Ouagadougou, als ein Nachbar an die Tür klopfte und sagte: «Gut, bist du hier, bleib drin, es ist etwas passiert.» Terroristen von al-Qaida griffen im Januar 2016 ein Hotel und ein Restaurant in Burkina Fasos Hauptstadt an, es gab 26 Tote. War es der Auftakt zu einer Welle wie in Mali? Die 33-jährige Burgdorferin hofft es nicht. Burkina Faso bedeute «Land der integren Menschen».

Zu Recht, findet sie: Die Menschen seien diskret, respektvoll – und tolerant. Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen gebe es oft. Das westafrikanische Land, das bis 1984 Obervolta hiess, verfüge zudem über eine starke Zivilgesellschaft, sagt die studierte Sozialanthropologin. So habe das Volk den seit 30 Jahren amtierenden Herrscher Blaise Compaoré aus dem Amt gejagt: «Erzürnte Frauen gingen mit Kochkellen auf die Strasse.»

Beim Machtwechsel 2015 gab es nur wenige Tote. «Ouaga» sei eine friedliche Stadt, oder je nach Sichtweise ein Dorf mit 2,2 Millionen Einwohnern, mit einem Flughafen mittendrin: «Bei einer Velofahrt zog ich automatisch den Kopf ein, weil die Flugzeuge so tief flogen.»

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Manche Entwicklungshelfer leben in einem Haus mit Swimmingpool, Köchin und Chauffeur. Nicht so Diggelmann. «Unsere Löhne sind dem wirtschaftlichen Niveau des Landes angepasst.» Darum lebe sie in einem Viertel mit vielen Einheimischen – was ein Vorteil sein kann, wenn Terroristen absichtlich Einrichtungen angreifen, die von Ausländern frequentiert werden. Die junge Frau engagiert sich für die Marche Mondiale des Femmes (siehe Box), die gezielt Frauen unterstützt, damit sie aus der Armut ausbrechen können.

Ein Zweig ist die Schulung von Frauen, die einen kleinen Gastrostand führen, also aktiv geworden sind. Sie werden weitergebildet in Hygiene, Ernährungslehre, Budgetplanung und Marketing. Einige erweitern ihr Geschäft durch ein fixes Lokal. Beim Kurs kam Diggelmann zugut, dass sie als Studentin im Burgdorfer Schlemmerlokal Emmenhof serviert und im Ikea-Möbelhaus «kötbullar» (Fleischbällchen) geschöpft hatte. «Alles, was man gelernt hat, kommt einem irgendwann zugute.»

Und wenn die afrikanischen Frauen erfolgreich sind? «Man muss die Männer einbeziehen», sagt Diggelmann. Es bringe nichts, wenn der Gatte mürrisch zu Hause sitze und aufs Geld warte, das die Frau verdient. Doch: «Die Entwicklung in Afrika muss stark über die Frauen laufen, das unterschreibe ich.»

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Ein anderes Thema ist Familienplanung. Für junge Akademikerpaare, die sie kenne, sei klar, dass sie höchstens drei Kinder wollten, auch deshalb, weil es schwer sei, einen Job zu finden. «Der Wille, weniger Kinder zu haben, ist inzwischen verbreitet.» Oft stehe dem aber die Tradition entgegen. Stammesführer und religiöse Autoritäten seien skeptisch gegenüber Verhütungsmitteln, da sie angeblich Promiskuität förderten. Die Organisation unterhält darum Beratungsstellen.

In einer davon habe ein wütender Mann vorgesprochen und gesagt: Gott entscheide, wie viele Kinder man habe, und er selbst, aber bestimmt nicht seine Frau. «Wir versuchen, durch Informationen die traditionellen Leader zu überzeugen, damit sie der Familienplanung offener gegenüberstehen.» Afrikanische Verhältnisse? Die Anthropologin erinnert daran, dass vor wenigen Jahrzehnten Schweizer Frauen die Erlaubnis ihres Ehemanns brauchten, wenn sie ein Bankkonto eröffneten.

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«Projekte funktionieren nur, wenn sie mit Einheimischen erarbeitet werden», sagt Diggelmann. Sie hat als Kleinkind erlebt, wie ihre Eltern in den 1980er-Jahren in Zaire eine Milchfarm aufbauten. «Wenige Monate nach ihrer Abreise war sie am Ende.» Am meisten Erfolg habe, was Afrikaner selbst anpackten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die von der Schweiz aus dorthin geschickt würden, steuerten nur ein fehlendes Puzzleteil bei – etwa die Webseite und das Kommunikationskonzept, die Diggelmann entwickelt hat.

Was hält sie vom Tiers-mondisme, der alle Probleme Afrikas westlichem Fehlverhalten anlastet? «Wer die Afrikaner nur in der Opferrolle sieht, denkt genauso paternalistisch wie einst die Kolonialisten», sagt Diggelmann, die etliche afrikanische Länder kennt. Der Kontinent werde sich stark verändern, die Welt werde noch staunen. «Ich habe von den Menschen dort vermutlich mehr gelernt als sie von mir.»

Der Bund

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