«Der Linken reicht die Armut nicht»

Der junge US-Journalist Bhaskar Sunkara hat das linksradikale Magazin «Jacobin» gegründet. Er sagt, 2020 kehre Bernie Sanders zurück.

Der führende Kopf der linken Bewegungen in den USA: Bhaskar Sunkara. Fotos: Reto Oeschger

Der führende Kopf der linken Bewegungen in den USA: Bhaskar Sunkara. Fotos: Reto Oeschger

Pascal Blum@pascabl

Als Erstes braucht Bhaskar Sunkara den Wifi-Code. Der Amerikaner war gerade in Bern, wo er auf Einladung von Cédric Wermuth mit SP-Politikern über die direkte Demokratie sprach. Der 29-Jährige mit Eltern aus Trinidad schloss sich als Jugendlicher den Democratic Socialists of America an, die heute 60'000 Mitglieder haben. An der Uni gründete er das Magazin «Jacobin», das im Netz und auf Papier erscheint und linksradikale Positionen mit Pop verbindet – und coolem Design.

Am Abend redet er im Zürcher Kosmos über Trump und die Medien, vorher aber will er noch eine neue Website hochfahren: Der Mann hat expandiert und das bankrotte sozialistische Magazin «Tribune» aus England gekauft. Inzwischen hätte die Seite online gehen müssen, aber die Domain klemmt noch. Dauert ihm alles zu lange, und so spricht er auch: so schnell, dass man noch Text vor sich hat, wenn man nach Hause geht.

Sie geben mit «Jacobin» ein smartes linksradikales Magazin heraus. Ist das intellektuell nicht frustrierend in einer Zeit, in der die US-Medien als «Fake News» beschimpft werden?
Ich glaube, der amerikanischen Medienlandschaft geht es eigentlich ganz gut. Allgemein sind die Medien nach links gerückt, viele stehen für Bürgerrechte und Demokratie ein. Sie bekämpfen auch die Trump-Regierung. Das Problem ist, dass exzessiv über Themen wie Russland oder Trumps Untauglichkeit als Präsident geschrieben wird. Weite Teile der Trump-Kritik bleiben moralistisch, weil sie sich um sein Benehmen drehen. Er wird als Trottel und als Rassist bezeichnet. Nicht, dass das nicht stimmen würde. Aber es zielt nicht auf die Anziehungskraft, die er auf seine Wähler ausübt. Auf die grundlegende Sorge, dass vielen Leuten das politische Establishment fremd vorkommt.

«Jacobin» gewinnt Leser, grosse Medien berichten über Sie. Ist Ihr Magazin die schicke Alternative für junge Linke?
Ich würde uns nicht als Alternative bezeichnen. Unsere Ideen sollen mehrheitsfähig werden, im Mainstream landen. Oder genauer: Wir wollen grösser werden und den Mainstream nach links rücken. Wenn man sich «alternativ» nennt, trägt man dazu bei, sich kleiner zu machen als die anderen. Klar haben wir nicht die Finanzierungsmöglichkeiten, wie sie andere Medien haben. Es steigen ja keine Aktionäre bei uns ein! Das heisst aber nur, dass wir nicht so schnell wachsen können. Sicher wollen wir nicht Abweichler spielen. Unser Ziel muss sein, der Macht die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Auch wenn wir alle wissen, dass die Macht die Wahrheit schon kennt.

Gross hat «Jacobin» über die Wahlsiege von Alexandria Ocasio-Cortez und Julia Salazar berichtet. Letztere wird für die demokratischen Sozialisten in New Yorks Senat ziehen.
Die Erfolge zeigen, wie es um die Demokratische Partei steht. Ihre Vertreter glauben, dass sie die Psyche aller Weissen verstehen – obschon sie selber aus einer ganz anderen Klasse stammen. Es gibt selbst im Süden der USA Gegenden, die weniger stark segregiert sind als die grossen Städte im Nordosten des Landes mit ihren reichen Vororten.

«Die moralische Empörung angesichts der Armut sollte eigentlich reichen, um sich politisch zu engagieren.»

Die Linke muss sich also um die «forgotten men» kümmern,wie Trump sie nennt?
Einfach um die Armen. Ein Beispiel: In den USA sind schwarze Männer am häufigsten Opfer von Polizeigewalt. Aber auch weisse Männer haben in den USA eine 26-mal höhere Wahrscheinlichkeit, von der Polizei erschossen zu werden als weisse Männer in Deutschland. Probleme wie Säuglingssterblichkeit oder Kinderarmut, die für die Arbeiterklasse typisch sind, haben in den USA erschreckende Ausmasse angenommen. Ich finde, dass die moralische Empörung angesichts der Armut eigentlich reichen sollte, um sich politisch zu engagieren.

Aber?
Der Linken reicht die Armut nicht. Sie sagt: Es gibt aber auch Diskriminierung! Sie argumentiert so: «Sicher wollen Weisse immer davon profitieren, dass es Leute gibt, denen es schlechter geht als ihnen.» Ich glaube, dafür fehlen einfach die Beweise. Sagt man den Leuten: «Hör mal, wir geben dir eine Gesundheitsversicherung, und dein schwarzer Nachbar bekommt auch eine.» Dann sagen die meisten Leute doch: «In Ordnung!»

Verliert sich die Linke zu sehr in Kämpfen einzelner Gruppen?
Sobald man sich in seinem Leben von den Alltagssorgen der arbeitenden Bevölkerung entfernt, verliert man den Bezug zu allgemeingültigen Wahrheiten. Dann geht es nur noch um Debatten über Bedeutungen oder um die Analyse von Differenzen. Natürlich gibt es bestimmte Gruppen, die ihren eigenen Kampf führen: für Abtreibungsrechte, Frauenrechte, Antirassismus. Kämpfe, die an bestimmte Identitäten gebunden sind. Das Ziel aber müsste sein, diese Kämpfe in einer Bewegung der arbeitenden Klasse zusammenzubringen. Wir müssen dieses Silo-Konzept der Politik vermeiden, das darin besteht, dass es für jedes Thema eine soziale Bewegung geben muss. Denn wie bekämpft man ernsthaft Rassismus? Indem man damit beginnt, Macht und Reichtum umzuverteilen. Und wo es um Umverteilung geht, geht es am Ende immer um Klassenfragen.

Allerdings wählen Menschen oft Politiker, die andere Klasseninteressen haben als sie.
Das haben die Marxisten ja immer versucht zu verstehen: Warum kämpft die unterdrückte Klasse nicht gegen das System? Dann kamen die Ideen vom «falschen Bewusstsein» und von der «Ideologie». Sie sollten erklären, weshalb die Menschen ­so selbstzufrieden wirken. Ich ­denke, das alles ist Nonsens. Wir müssen die Situation nicht daraufhin anschauen, was bei den Leuten falsch läuft. Wir müssen vielmehr annehmen, dass die Menschen meist vernünftige Entscheidungen treffen. Und wieso ist die Entscheidung, für sich zu schauen, aus ihrer Sicht vernünftig? Weil es den Menschen an Zugängen zu kollektivem Handeln fehlt. Das muss die Rolle der Linken sein: eine Infrastruktur für Widerspruch einzurichten, die von den Menschen genutzt werden kann. Sonst ziehen sie einfach die Köpfe ein.

«Das Ziel des Sozialismus ist doch: kein Boss über dir und kein Knecht unter dir.»

Wenn Sie als demokratischer Sozialist die Leute erreichen wollen, müssen Sie dann ans fundamental Gute im Menschen glauben?
Nicht ans fundamental Gute. Aber die Menschen haben durchaus viele Gemeinsamkeiten. Sie merken, wenn sie ausgebeutet oder unterdrückt werden. Wenn sie die Gelegenheit bekommen, ein besseres Leben zu führen, wollen sie diese Gelegenheit wahrnehmen. Natürlich schauen die Leute auf ihre eigenen Interessen, aber nicht im Sinne der utilitaristischen Idee von Nutzenmaximierung. Sondern im Sinn der Befriedigung ihrer wichtigsten Bedürfnisse: ihres Körpers und ihrer Freiheit. Das Ziel des Sozialismus ist doch: kein Boss über dir und kein Knecht unter dir.

«Jacobin» zeigt, dass man diese Idee zeitgemäss verpacken kann. Aber klingt die politische Rhetorik dazu nicht wie aus dem 19. Jahrhundert?
Wenn wir sagen, dass wir Medicare für alle fordern, dass wir eine bessere Jobsicherheit wollen oder den Mutterschaftsurlaub: Das sind ja nicht nur grundlegende Bedürfnisse, die ein Leben in Würde und Sicherheit erlauben. Es sind auch positive Aussagen. Insofern sind wir eine Alternative: die mit der positiven Botschaft.

«Medicare for all» ist eine zentrale Forderung von Bernie Sanders, dem bekanntesten Politiker, der sich als demokratischer Sozialist bezeichnet. Kann er noch etwas ausrichten?
Ich denke, er kehrt 2020 zurück. Er ist noch immer ein Energiekern für viele Amerikaner. Donald Trump ist ja ein Experte darin, seine Wähler zu elektrisieren. Bernie Sanders kann das auch, und wer kann es sonst? Ich vermute, dass 2020 ein Demokrat gewinnen wird. Die Frage ist: Wird es ein Mitte-links-Politiker, der sich dadurch auszeichnet, dass er nicht Donald Trump ist? Oder ist es jemand, der den Angriff wagt, die Gesundheitsversicherung für alle fordert und den Zorn der Menschen anzapft?

So, wie das Sanders im Wahlkampf getan hat?
Er hat es geschafft, den Wählern zu erklären, dass es nicht ihr Fehler ist, wenn sie arbeitslos sind oder Schulden bei der Krankenkasse haben. Sie sahen darin eine persönliche Schwäche, aber Sanders sagte, dass die Probleme systemische Ursachen haben. Dass es, wenn man sich in einer prekären Lage befindet, Nutzniesser gibt, die davon profitieren. Sanders suchte für diese Probleme gemeinsame Lösungen. Das war für viele Amerikaner ein Erwachen.

«Es braucht eine Linke, die empirisch denkt und über Grundkenntnisse der Ökonomie verfügt.»

Sie haben Geschichte an der George Washington University studiert, aber sich den Marxismus selbst angeeignet. Lesen Sie heute noch viel Theorie?
Eher Geschichte und Soziologie. Zunehmend auch Ökonomie. An den Unis lernen die Studenten den Marxismus ja nicht selten über Adorno und Marcuse kennen. Das ist etwas unglücklich, weil es die Dinge nicht unbedingt einfacher macht. Dabei sollten marxistische Ideen so zugänglich wie möglich sein. Dazu gehört auch, dass sich Aussagen empirisch überprüfen lassen. Wenn ich mich zu Trump-Wählern äussere, darf ich mir nicht zu schade sein, meine Aussage mit Nachwahlbefragungen zu stützen. Das ist besser, als ideologisch über Ausbeutung zu dozieren. Ich finde, es braucht eine No-Bullshit-Linke. Eine Linke, die empirisch denkt und über Grundkenntnisse der Ökonomie verfügt.

«Jacobin» schreibt auch mal über Beyoncé. Hierzulande scheint die Zeit vorbei zu sein, als die Theorie sexy war und man sie mit Popkultur verband.
Braucht man denn eine grosse Theorie der Popkultur? Mir reicht es meistens, die Dinge aus künstlerischen Gründen zu geniessen. Bei «Jacobin» hocken wir ja nicht nur im linken Zirkel rum. Wir gehen aus und hören Musik. Gut, so viel gehe ich gar nicht aus. Arbeite ich nicht, schaue ich am liebsten Basketball.

Sind das nicht alles kapitalistische Konsumprodukte?
Manche Dinge sind einfach Dinge. Die ganze Diskussion um den Warenfetischismus, die Frage, aus welchen Gründen man etwas besitzen will: Intellektuell mag das ja interessant sein, aber als politische Haltung kann es sehr gefährlich werden. Ich will jedenfalls nicht, dass mir der Staat vorschreibt, worin mein echtes und worin mein falsches Bedürfnis besteht. Das ist der direkte Weg zum Autoritarismus.

DerBund.ch/Newsnet

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