Der höflichste Ort der Stadt

Bis jetzt stehen zwei öffentliche Elektrogrills am See. Die Politik fordert noch mehr. Zu Recht? Ein Test zeigt: So freundlich wie dort sind die Zürcher sonst nie.

Herren, beobachtet von Damen, vor Platten, von denen eine immer kühler ist als die andere. Foto: Reto Oeschger

Herren, beobachtet von Damen, vor Platten, von denen eine immer kühler ist als die andere. Foto: Reto Oeschger

Constantin Seibt@ConstSeibt

Zunächst die Warnung: Der Grossteil dieses Sommerartikels verschwendet Ihre Zeit. Er enthält ab übernächstem Absatz nicht die geringsten nützlichen Informationen. Das Einzige, was für Sie an diesem Text vielleicht brauchbar ist, ist der Hinweis: Am Ufer des Zürichsees stehen zwei von der Stadt installierte Elektrogrills. Der erste in Wollishofen. Der zweite beim Zürichhorn. Sie sind gratis, unkompliziert, von 6 bis 22 Uhr im Dienst. Falls Sie also ein kühles Bad und ein heisses Essen wollen, dann packen Sie neben dem Badezeug ein Schnitzel ein.

Ende des nützlichen Teils. Und damit eine weitere Warnung: Die folgende Kurzreportage ist nicht nur unnütz, sondern ein wenig langweilig. Das hat seinen Grund: Im Paradies wird es weder Bücher noch Zeitungen geben. Ohne etwas Böses, das die Handlung in Fahrt bringt, sind nicht einmal Kinderbücher machbar. Ohne Schlange wäre die Bibel ein einziges Kapitel lang. Wenn der Löwe neben dem Lamm liegt, gibt es nichts zu sagen, dann wird nur noch gesungen.

«Mein Senf ist Ihr Senf!»

Zwar ist der Elektrogrill vielleicht nicht das Paradies. Aber sicher der höflichste Ort der Stadt. Neuankömmlinge packen ihre Würste aus und sagen Dinge wie: «Hallo, ist hier noch frei?», «Die Alufolie, gehört die jemand?», «Kann ich kurz die Gabel leihen?», «Darf ich Ihnen etwas Senf abbetteln?» Und die Anwesenden antworten Dinge wie: «Ja klar!», «Aber sicher!», «No problemo!», «Mein Senf ist Ihr Senf!»

Nirgendwo sonst werden die Neu­ankömmlinge so schnell integriert wie hier. Ein paar Hühnerschenkel genügen, und der Neue ist dabei. Und begrüsst Sekunden später den neuen Neuen mit der Höflichkeit eines seit Generationen regierenden Fürsten.

Würste tätscheln

Für das Gespräch danach sorgt – fast genial – das System des Elektrogrills. Dieser ist ein Klotz mit drei Aluminiumplatten, die per Knopfdruck 14 Minuten heizen. Und dann einzeln neu gestartet werden müssen. Und das geht, trotz über einem Dutzend anwesender Leute, immer wieder vergessen. Entweder drückt keiner den Knopf. Oder jemand drückt, aber eben nur kurz (man muss so lang drücken, bis das grüne Lämpchen leuchtet).

Das hat zur Folge, dass stets eine Grillplatte deutlich kühler ist als der Rest. Was zu Nervosität, Fachgesprächen, Nachprüfen und Umschichtungsaktionen führt. Und damit zu neuen Höflichkeitsexplosionen: «Dürfte ich vielleicht meine Cipolata neben Ihre Schnecke legen?» – «Aber klar doch!»

Und sonst? Nirgends sieht man zärtlichere Männergesten als hier. Würste werden so behutsam getätschelt, als taufe ein Heiliger eine neugeborene Maus. Steaks werden mit Marinade bestrichen mit der Präzision der Schweizer Maschinen­industrie. Hühnerbrüste werden in Alu eingewickelt, als berge ein Soldat seine gefallenen Kameraden.

Steinzeittheorien

Jep. Es sind fast alles Männer, die am Grill stehen. Diese Beobachtung und die Frage «Warum?» ist der Klassiker aller sommerlichen Grillreportagen. Da diese jeden Sommer erscheinen, hier die Abkürzung der Debatte: Der «moderne Büromensch ist in seinen Genen noch Neandertaler», «der Steinzeitmann hatte die Pflicht, für Nahrung der Familie zu sorgen», «der Grill ist sein letztes Revier – Damen, vertreibt ihn nicht daraus!».

Gene, Instinkte, Archetypen – die Frage, die man sich bei der Lektüre öfter stellt, ist, woher so viele Journalisten die Steinzeit so gut kannten.

Fest steht nur, dass seit 100'000 Jahren das Feuer zum Braten genutzt wird. Und dass sich dadurch die Zahnstellung des Menschen verändert hat.

Wenn schon Steinzeit, sind meine Lieblingstheorien zwei andere, die ich an der Uni gehört habe. Student 1 war der Meinung, dass wir durch gebratenes Fleisch seit Jahrtausenden in Sklaverei gehalten werden. Auch Hunde würden durch gekochtes Fleisch gezähmt. Sein Plan war, eine Woche in einer Zelle ausschliesslich von rohen Steaks und Champagner zu leben. Und dann in einem Anzug aus Fleisch mit seiner Freundin ein Kind zu zeugen, das später die Weltherrschaft übernehmen würde.

Die Ordnung des Sommers

Student 2 schrieb ein Essay mit dem Titel «Intelligenz ist essbar». Er erklärte, dass der Mensch seine Intelligenz durch Kannibalismus erhalten habe: beim Auslöffeln der Köpfe von Feinden. Seitdem verpeste er durch seine abnorme Intelligenz den Planeten.

Sicher sind beide Theorien falsch: Aber sie sind böser und damit interessanter als der laue Abend, die Würste, die höflichen Herren und die manierlichen Damen am Grill. Und auch interessanter als alle Notizen über See, Dämmerung, Bäume, Tattoos. Die sind nur in Ordnung. Und deshalb so unerheblich wie die Debatte darüber, ob der Elektrogrill Grill genannt werden darf – weil er ja streng genommen eine flache Pfanne ist.

Die Debatte ist in Ordnung. So wie das Postulat der städtischen SP, die zusätzliche Elektrogrills fordert: zur Vermeidung von Einweggrills.

Elektrogrills. Zeitungsartikel. Theorien. Im Sommer ist alles in Ordnung, weil der Sommer die Zeit der Zeitverschwendung ist. Und Zeitverschwendung der Zweck allen Lebens.

DerBund.ch/Newsnet

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