Als Kosmonaut um Bern herum

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler lässt sich von der Linie 28 wie ein langsamer Sputnik um Bern herum zum Eigerplatz schippern.

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Markus Dütschler

Wer innerhalb Berns umzieht, macht sich mit einer neuen Geografie vertraut. Auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln muss man umdenken und lernt Bernmobil-Linien kennen, die man bisher für ein Fahrplan-Gerücht hielt. Bei mir ist das die Buslinie 28. Für alle, die noch nie damit gefahren sind, sei die Linienführung mit einem Zifferblatt erklärt: Der Bus startet auf ein Uhr an der S-Bahn-Station Wankdorf, fährt tangential um Bern herum, bis er auf sieben Uhr den Eigerplatz erreicht. Natürlich geht das auch im Gegenuhrzeigersinn.

Kaum jemand setzt sich im Wankdorf in den Bus und lässt sich wie ein langsamer Sputnik um Bern herum zum Eigerplatz schippern, denn laut Fahrplan dauert das eine halbe Stunde, und das nur, wenn sich keine Unwägbarkeiten ereignen. Das ist eher die Ausnahme. Wir könnten im Wankdorf den Bus abfahren lassen und sieben Minuten später mit dem «Nüünitram» losdüsen, das den schnelleren Weg durchs Zentrum wählt, und im Mattenhof wäre es zwei Minuten vor dem Bus an der Haltestelle Sulgenbach. Den 28er benützt man eher in Abschnitten, dort, wo er eine Abkürzung darstellt, etwa zwischen Eigerplatz und Kirchenfeld. Ich aber wollte wissen, was sich auf der ganzen Strecke abspielt, denn auf dem ÖV-Netzschema bleibt das vage.

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Kaum ist man vom Wankdorf weggefahren, hält der Bus auf einer zugigen Brücke, umtost vom Autobahnverkehr. Bald wird man des neuen Entsorgungshofs Schermen ansichtig, der so mächtig wirkt wie der ex-sowjetische Weltraumbahnhof Bajkonur. Der Bus befährt Strassen, auf denen für normal­sterblichen MIV ein Fahrverbot gilt, und einmal öffnet der Chauffeur gar per Knopfdruck eine Barriere. Man sieht Schrebergärten und einen Platz, auf dem vor kurzem Fahrende lagerten. Sie hätten eine eigene Haltestelle, aber sie fahren lieber selber, darum heissen sie so. Als der Bus die Haltestelle Milchstrasse passiert, wähnt man sich ganz weit draussen.

Schon passieren wir den Bären in Ostermundigen. Das Hochhaus steht noch nicht, das wäre einem sonst aufgefallen. Im Mundiger Zentrum vollführt der Bus einen doppelten Rittberger, er befährt zwei Kreisel und umrundet ein Pärkli, dass es einem sturm wird. Bloss gut, dass man nicht genau hier ein Libero-Abonnement aus dem buseigenen Automat beziehen und mit einer Kreditkarte bezahlen muss samt PIN-Code, das wäre fürchterlich. Bald erreichen wir das freie Land, sehen Wiesen und im Hintergrund Schneeberge. Dann nähert sich das Fahrzeug über enge Strässchen wieder bewohntem Gebiet, zirkelt sich durch Strassen mit Namen von Malern. In einigen der hablichen Anwesen dürfte ein Teil ihrer Werke hängen. Am Hub Brunn­adernstrasse trifft der mit 15 Minuten getaktete Bus – der leider sonntags gar nicht fährt – auf drei häufiger verkehrende Tramlinien: Wer ins Stadtzentrum muss, hat hier immer Anschluss.

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28er-Habitués warnten mich: Die Fahrer seien komisch, sie würden wohl auf diese Linie strafversetzt. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Mir fällt auf, dass einen manche Fahrer sogar begrüssen, fast wie im Poschi auf dem Land. Für das Ruckeln ihrer Volvo-Fahrzeuge können sie nur bedingt etwas, denn sie legen eine kurvenreiche, von Hindernissen gesäumte Strecke zurück. Auf das Personal lasse ich erst recht nichts kommen seit dem Vorfall jüngst, als ich feststellte, dass ich mein Wertsachen-Täschchen im Bus liegen gelassen hatte. Ich konsultierte auf dem Mobiltelefon das ÖV-App und eruierte, wann der 28er-Satellit auf der Umlaufbahn meine Heimatstation erneut anfliegen würde. Dort passte ich ihn ab, stieg ein, und fragte den Fahrer, ob er etwas gefunden habe. «Meinen Sie das da?» Er griff unter den Sessel und gab mir das Täschchen, bereits versehen mit einem Fundzettelchen. So glücklich macht der 28er-Bus.

Markus Dütschler ist «Bund»-Redaktor und lernt auf seinem neuen Arbeitsweg bislang unbekannte ÖV-Linien kennen – und durchaus schätzen.

DerBund.ch/Newsnet

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