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Erzählung aus dem Zweiten WeltkriegRanden, Rüebli und Minen

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 3: Gabrielle Alioth über Gartenarbeit an der schweizerisch-deutschen Grenze.

In ihrem aktuellen Romanprojekt «Die Überlebenden» thematisiert Gabrielle Alioth Schweizer Lebenswelten während und nach dem Zweiten Weltkrieg.
In ihrem aktuellen Romanprojekt «Die Überlebenden» thematisiert Gabrielle Alioth Schweizer Lebenswelten während und nach dem Zweiten Weltkrieg.
Foto: Silvia Wiegers

Hauptsache, dass du wie ich beide auf unserem angewiesenen Platz stehen, schrieb Mina im April 1940 an Oskar. Seine Truppe war ins Zürcher Weinland verlegt worden. Die Preisgabe von Schaffhausen, hatte Stadtpräsident Bringolf gesagt, sei unabdingbar, um das Land wirksam zu verteidigen. Minas Vater nannte ihn einen Bolschewisten.

Vor dem Einschlafen blätterte Mina im Katalog der Gärtnerei. Sie konnte sich nicht vorstellen, was sie tun würden, wenn die Deutschen kämen. Sie schrieb Oskar: Es fällt mir nicht im Traum ein, den Garten nicht weiter anzupflanzen. Für eine Evakuierung habe ich alles zusammengetragen und im roten Kasten bereitgelegt.

Wenn sie sich am Abend an die Strickmaschine setzte, drehte sie manchmal das Radio an, das Oskar gekauft hatte. Man beobachtete Truppen- und Materialtransporte nördlich der Grenze. Mina schob den Schlitten mit einem leisen Schrumm über das Nadelbett. Die Reichen brachten Möbel und Silber in ihren Häusern in den Bergen in Sicherheit, schrumm, andere hatten Bankkonten in den USA eröffnet. Geldsackpatrioten, nannte ihr Vater sie. Die Truppen an der Schaffhauser Grenze würden einem Einmarsch höchstens zwei Tage standhalten. Schrumm. Gewisse Kreise versuchten, das Land durch Gerüchte in Angst und Verwirrung zu stürzen. Angst, sagte der Radiosprecher, ist der Feind im Innern.

Am Morgen nach der «Nacht der Panik» schien die Sonne, so, wie in den Tagen davor.

Mina hatte die Bohnen gesät, als das Radio meldete, deutsche Truppen seien in Belgien, Holland und Luxemburg einmarschiert. In der Nacht hatte sie das Dröhnen schwerer Flugzeuge geweckt. Am Tag darauf wurde die zweite Generalmobilmachung angeordnet, und die Schulen wurden wieder geschlossen. Die letzten Brücken und Eisenbahnüberführungen wurden zur Sprengung vorbereitet. Mina sah vollgepackte Autos, Leute auf Fahrrädern, mit Rucksäcken und Leiterwagen auf der Strasse.

Am Morgen nach der «Nacht der Panik» schien die Sonne, so, wie in den Tagen davor. Mina überlegte, ob sie sich ein paar Kaninchen zutun sollte. Am Abend ging sie zum Rhein hinunter und blickte über den Fluss. Die Gärten auf der gegenüberliegenden Seite sahen nicht anders aus als ihr eigener.

Wie habt ihr das nur ausgehalten, fragte ich Mina, als sie mir die Briefe zeigte, die sie im Krieg an Oskar geschrieben hatte. Als Kind war sie mir streng und abweisend erschienen. Jetzt empfand ich eine Verbundenheit mit ihr. Es waren Täuschungsmanöver, sagte sie. Die deutschen Truppenbewegungen an der Grenze sollten die Franzosen in die Irre führen. Leere Eisenbahnzüge wurden verschoben, ausrangiertes Armeematerial in Stellung gebracht. Eine «glänzend getarnte Haubitzbatterie», die von der Schweiz aus gesichtet wurde, entpuppte sich als altes Ofenrohr, die Schüsse, die man in der Nacht auf den 15. Mai hörte, stammten von den eigenen Truppen, und der «Panzerzug», der bei Thayngen ohne Halt über die Grenze fuhr, war tatsächlich der letzte reguläre Personenzug. Aber die Angst war echt, entgegnete ich.

Es waren Täuschungsmanöver, sagte sie. Aber die Angst war echt, entgegnete ich.

Nach dem Alarmzustand im Frühjahr 1940 wurden die Streuminen ausgegraben, die Tankerbarrikaden abgerissen, der Zugverkehr zwischen Schaffhausen und Zürich wieder aufgenommen. Die meisten, die ins Landesinnere geflüchtet waren, kehrten zurück. Dass Hitler in den folgenden Monaten einen Plan für einen Angriff auf die Schweiz ausarbeiten liess, ahnte niemand. Im November schrieb Mina an Oskar: Heute habe ich Randen, Rüebli und Kabis eingehaust. Jetzt bleiben noch ein wenig Endivien, Rettich und Schwarzwurzeln. Die Sellerieknollen habe ich vorläufig mit Nusslaub bedeckt. Das soll ihnen guttun.

Dieser Text entstammt dem aktuellen Romanprojekt «Die Überlebenden» von Gabrielle Alioth. Die Schweizer Autorin hat etwa auch Reisebücher über ihre Wahlheimat Irland verfasst.