Queensland nach der Sintflut

Nach den schwersten Überschwemmungen seit Jahrzehnten hat sich die Lage in Australiens Nordosten normalisiert, mindestens an der Küste. Mancherorts war der grosse Regen sogar hochwillkommen.

Anflug auf Lady Elliot Island: Die südwestliche Koralleninisel des Barrier Reef ist ein Paradies für Schnorchler und Taucher.

Anflug auf Lady Elliot Island: Die südwestliche Koralleninisel des Barrier Reef ist ein Paradies für Schnorchler und Taucher.

(Bild: Benno Gasser)

Benno Gasser@tagesanzeiger

Im Lone Pine Sanctuary, einem kleinen Zoo ausserhalb von Brisbane, stellen Angestellte Kaffeekannen, Toastbrot, Früchte und Butter auf das Frühstücksbuffet. Umrahmt werden die Tische von einem offenen Gehege, in dem sich ein paar Dutzend Koalas auf den Astgabeln der Eukalyptusbäume fläzen. Das «Frühstück mit Koalas» ist die Attraktion des Zoos. Die meisten Tiere dösen an diesem sonnigen Märztag vor sich hin oder betrachten regungslos das Treiben.

Wasserpegel stieg um 13 Meter

Angesichts dieser Idylle fällt es schwer, sich die dramatischen Szenen vorzustellen, die sich Mitte Januar an diesem Ort nach wochenlangen Regenfällen abspielten. Der Wasserpegel des Brisbane River stieg innert dreier Tage um 13 Meter und überflutete den Zoo sowie grosse Teile der Innenstadt. «Wir mussten innerhalb kürzester Zeit die Koalas und andere Tiere evakuieren und teilweise in den Räumen der Angestellten unterbringen. Glücklicherweise ist kein Tier zu Schaden gekommen», sagt Zoodirektor Robert Friedler. Neben den Zooangestellten beteiligten sich Freiwillige an der Rettungsaktion. Der Andrang war so gross, dass viele wieder nach Hause geschickt werden mussten.

Eine Woche nach der grossen Flut war das Gelände vom Schlamm gereinigt und der Gestank gewichen. Doch zur grossen Enttäuschung des Zoodirektors blieben die Besucher aus. Normalerweise heisst der Zoo jeden Tag Hunderte von Gästen willkommen, doch am Eröffnungstag kamen ganze fünf Besucher: «Bei den Leuten hatten sich die Bilder der Flut in den Köpfen festgesetzt. Sie dachten, wir stecken immer noch im Schlamm.» Erst als der Zoodirektor eine Webcam einrichtete, kehrten die Besucher zurück.

Viele Gäste blieben aus

Das Schicksal des kleinen Zoos lässt sich auf den gesamten Tourismus von Queensland übertragen. Viele Gäste blieben wegen der Flutbilder lieber zu Hause. Während Tagen berichteten Medien weltweit über die «Flut mit biblischen Ausmassen», von grossen Zerstörungen und von Bullenhaien, die durch überflutete Strassen schwammen. Queensland, der zweitgrösste Bundesstaat Australiens im Nordosten des Landes, schien am Abgrund zu stehen.

«Bilder haben falschen Eindruck erweckt»

Tatsächlich erlebten Queensland und die Hauptstadt Brisbane die schwerste Flut seit 1974. «Doch, die Bilder in den Medien haben sicher den Tatsachen entsprochen, aber einen falschen Eindruck erweckt», sagt Daniel Gschwind, CEO von Queensland Tourismus und Schweizer Honorarkonsul in Brisbane. Er erinnert sich an surreale Szenen: Während er aus seinem Büro auf den Brisbane River blickte, in dem Autos schwammen, tranken unweit davon Leute in einem Boulevardrestaurant Kaffee. Doch was nach dem grossen Wasser folgte, erstaunte selbst Gschwind, der seit den 80er-Jahren in Australien lebt. «Tausende von Freiwilligen sind angetreten, um zu helfen. Wir dachten, wir leben in einer besseren Stadt.» Der grosse Einsatz der vielen freiwilligen und professionellen Helfer lohnte sich. Innert weniger Wochen fand die Stadt zur Normalität zurück. Ende März waren in Brisbane praktisch alle Hotels wieder geöffnet.

Flinke Seekühe

Von den Spuren der Flut ist nichts mehr zu sehen. Die Probleme sind nur noch marginal: Weil sich die Küchen der Hotels und Restaurants im Untergeschoss befinden, standen viele Einrichtungen im Wasser und waren nicht mehr brauchbar. So kann es passieren, dass nicht alle Kühlschränke fürs Bier funktionieren.

In der beliebten Ferienregion Fraser Coast mit der weltgrössten Sandinsel Fraser Island und der Walbeobachtungs-Hafenstadt Hervey Bay kehren die Gäste langsam zurück. Während der Flut sei der Tourismus fast zum Erliegen gekommen, klagt Matt Miller, der mit seinem Katamaran Gäste die Küste entlangfährt. Fast niemand wollte während des starken Regens eine Bootsfahrt unternehmen. Doch jetzt herrscht nicht nur im Städtchen wieder Leben, auch der Skipper läuft während der Fahrt nach Fraser Island zu Höchstform auf: Mit einem starken Aussie-Akzent und einer Betonung, die an einen eiernden Plattenspieler erinnert, erklärt er die Tierwelt.

«Das ist ein Dugong!»

Plötzlich schaltet Miller den Motor aus und zeigt auf einen Punkt, der sich im Wasser bewegt: «Das ist ein Dugong!» Als wir uns langsam nähern, verschwindet der Punkt. Wenig später schwimmt der massige, helle Körper des Tiers, auch Gabelschwanzseekuh genannt, flink unter dem Schiffsrumpf durch. Die bis zu vier Meter langen und 900 Kilo schweren Seekühe fressen ausschliesslich Seegras. Die Flut kann für die scheuen Tiere lebensbedrohlich sein. Im Jahr 1994 schwemmte sie so viele Sedimente in die Bucht, dass das Seegras verkümmerte, worauf rund 100 Tiere starben. Bei der jüngsten Flut sei den Seekühen dieses Schicksal erspart geblieben, sagt Miller. Neben Verlierern wie die Tourismusindustrie gibt es auch Gewinner. Dazu zählen die lokalen Garnelenfischer, welche die besten Fangresultate der vergangenen zwanzig Jahre verzeichnen, sowie die Natur auf Fraser Island. Dank des vielen Regens präsentiere sie sich in einem sehr gesunden Zustand, sagt Tourführer Craig Taylor: «Die Insel brauchte das Wasser, der Grundwasserspiegel und der Lake McKenzie sind endlich wieder gut gefüllt.»

Liegefläche am Strand geschrumpft

Wegen des gestiegenen Seespiegels ist allerdings die Liegefläche am schneeweissen Sandstrand geschrumpft. Der Lake McKenzie ist ein Phänomen: Eine über Jahrhunderte entstandene Schicht verhindert, dass das Regenwasser abfliesst. Das Wasser ist eine Art Jungbrunnen für den Körper. Dank des tiefen pH-Werts von 4,4 fühlen sich Haut und Haare nach dem Bad weicher an. Tieren behagen diese Verhältnisse weniger. Abgesehen von ein paar Fischarten und den Schildkröten, die an den Sandstrand kommen, um ihre Eier zu vergraben, gibt es kein Leben im Wasser. Der Lake McKenzie mit kristallklarem Wasser und intensiven Blautönen ist der bekannteste von 47 Dünenseen auf der Insel. Wegen des sandigen Untergrunds erinnern einige Strassen mehr an Buckelpisten als an Wege. Deshalb verkehren auf dem Eiland fast nur allradgetriebene Fahrzeuge. Trotzdem sagt Tourführer Taylor, dass auch während des Regens alle Strassen passierbar geblieben seien.Schlechtes und stürmisches Wetter kann aber auch sein Gutes haben und dem Tourismus dienlich sein. Dies zeigt das Schiffswrack der S. S. Maheno auf Fraser Island. Ein Schlepper zog im Juni 1935 den ausgemusterten Luxusliner nach Japan zur Verschrottung. Als die beiden Schiffe in einen heftigen Sturm gerieten, riss das Tau, und die Maheno trieb führerlos an den Strand, da die Ruder bereits entfernt worden waren. Heute ist der von Rost zerfressene Kahn ein beliebtes Touristenziel.

Wrack als Sehenswürdigkeit

Die Insel Lady Elliot ist die südlichste Koralleninsel des Great Barrier Reef. Der sintflutartige Regen konnte dem 0,6 Quadratkilometer kleinen Eiland nichts anhaben. «Nur an einem Tag war es wegen des Hochwassers für Flugzeuge unmöglich, auf der Piste zu landen», sagt Nikki Daley, die für das Eco-Resort der Insel arbeitet. Wobei sich die Piste auf einen gemähten Wiesenstreifen beschränkt, der sich über die ganze Insel erstreckt. Lady Elliot ist vor allem beliebt wegen des Korallenriffs und der bis zu fünf Meter grossen Mantas, die im Dutzend die Insel umkreisen. Die Tiere sind wegen ihrer Grösse schon vom Flugzeug aus zu sehen. Zwischen Dezember und Januar belagern zudem bis zu eine halben Million Noddies die Insel. Die Masse dieser dunkelgrauen Zugvögel verbreitet einen gewöhnungsbedürftigen Geruch. Ihre Hinterlassenschaft, der Guano, wurde während Jahrzehnten auf Lady Elliot abgebaut.

Verlorene Monate

Queensland hat sich nach der Flut erstaunlich schnell erholt. Diese Aussage trifft zumindest für die touristischen Orte entlang der Fraser- und der Sunshine-Coast zu. Um sich einen Gesamtüberblick im Bundesstaat zu verschaffen, reicht eine Woche aber nicht. Im Landesinnern stehen in der stark betroffenen Region um Toowoomba immer noch viele Landstriche unter Wasser, wie aus dem Flugzeug zu sehen war. Queensland-Tourismus-CEO Gschwind ist auch überzeugt, dass vielen Hotels nun das Geld für geplante Investitionen fehlen wird: «Wir haben die Hauptsaison-Monate und damit unsere Ernte verloren.»

Die Reise wurde organisiert von Queensland Tourismus

Tages-Anzeiger

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