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Psychiaterin statt Pointe

Wenn der Zufall uns Ratlosen in die Hände spielt.

Frau W. spürt,  «dass es vielen Leuten gar nicht mehr gut geht».
Frau W. spürt, «dass es vielen Leuten gar nicht mehr gut geht».

Kolumnen wie diese sind in Zeiten wie diesen rasch fehl am Platz. Der Zufall dagegen ist immer am Werk. So hat sich herausgestellt, dass eine der letzten Zuschriften an die Ask-Force von einer Psychiaterin stammte. Frau W. heisst sie.

Frau W. hat uns geschrieben, weil der Beitrag vom letzten Montag (Titel: «Heute ohne Pointe») eine Anregung von ihr behandelt hatte. Unser Text habe der gegenwärtigen Situation «sehr gut Rechnung getragen», liess sie uns wissen (was uns sehr freut, danke!), denn als Psychiaterin spüre sie, «dass es vielen Leuten gar nicht mehr gut geht». Unterdessen sei manchen das Lachen tatsächlich vergangen, auch wenn hie und da noch schwarzer Humor durchdrücke und sie denke, dass solcher Humor auch in Zeiten der Krise wichtig sei.

Daraufhin haben wir, die sonst immer für Antworten zuständig sind, Frau W. ein paar Zusatzfragen geschickt – und sie hat postwendend geantwortet: Menschen mit psychischen Problemen, schreibt sie, seien nun vermehrt gestresst. Sie ängstigten sich stärker als psychisch Gesunde, litten vermehrt unter der fehlenden Tagesstruktur und dem Eingesperrtsein zu Hause. Aber es gebe Ausnahmen: Jenen, die schon zuvor eher die Isolation gesucht hätten, gehe es jetzt teilweise besser. «Die finden», schreibt Frau W., «endlich werde ich in Ruhe gelassen und muss nicht dauernd ‹sozialisieren›». Ausserdem behandle sie viele Geflüchtete: «Diese Menschen machen sich jetzt Sorgen um ihre Familien in den Heimatländern, wo das Virus noch viel unkontrollierter grassiert.»

Und die Sache mit dem schwarzen Humor? Lachen sei ein Mittel, um sich von belastenden Situationen und Gedanken zu distanzieren, schreibt Frau W. Wenn man aber allzu sehr überschwemmt werde von negativen Gefühlen, zum Beispiel dann, wenn die Ängste zu existenziell würden, «dann wird lachen schwierig». Manchen helfe dann noch der schwarze Humor. «Der ist so krass, weil er eben in krassen Situationen entsteht.» Das Problem dabei: Wenn mehr oder weniger alle betroffen seien von einer Krise, dann müsse man auch an jene denken, «die nur ganz wenig Humor ertragen».

Das Fazit von Frau W.: Gute Witze seien kaum je fehl am Platz – auch deshalb nicht, weil ein guter Witz nicht auf Kosten anderer gehe.

«Schwarzer Humor ist so krass, weil er eben in krassen Situationen entsteht.»

Frau W., Psychiaterin