Präsidiale Träume

Seit Fussballfan Xi Jinping Staatschef ist, häufen sich die Investitionen schwerreicher Chinesen in den Sport.

Spass am Ball: Der chinesische Präsident Xi Jinping liess sich in England inspirieren und hofft, dass sein Land fussballerisch an Bedeutung gewinnt. Foto: Peter Muhly (AFP)

Spass am Ball: Der chinesische Präsident Xi Jinping liess sich in England inspirieren und hofft, dass sein Land fussballerisch an Bedeutung gewinnt. Foto: Peter Muhly (AFP)

Bei seinem Staatsbesuch kürzlich in Grossbritannien schnupperte Chinas Präsident Xi Jinping ein bisschen Luft der englischen Fussballliga. Xi besuchte das Etihad-Stadion in Manchester und traf dort auf Spieler und Ex-Profis der beiden örtlichen Rivalen City und United. Der Ausflug machte Fussballfan Xi sichtlich Spass. Er liess sich sogar zu einem Selfie mit City-Stürmer Sergio Agüero überreden.

In der heimischen Chinese Super League (CSL) weht indes ein anderer Wind. Die Besten der Besten spielen dort nur, wenn sie ihre besten Tage schon hinter sich haben. Dennoch hat die Liga Ende Oktober einen neuen Fernsehvertrag abgeschlossen, mit der sie in eine neue Dimension vorstösst. Für die Vermarktung ihrer TV-Bilder der kommenden fünf Jahre kassiert die CSL fast 1,25 Milliarden Franken, also rund 250 Millionen pro Saison. Das ist zwar noch ein gutes Stück entfernt von dem, was in England oder Deutschland fliesst. Doch im Vergleich zur laufenden Spielzeit, die mit geradezu mickrigen 7 Millionen Euro vergütet wird, bedeutet die Summe ein Plus von rund 3200 Prozent. Verbandsfunktionäre schwärmten von einem «historischen Tag» und versprachen, die Talent- und Jugendförderung mit dem Geld zu professionalisieren.

Rechtekäufer war die China Sports Media Co Ltd., ein vergleichsweise unbekannter Sportrechtehändler aus der Volksrepublik, der zum Imperium des Medienmoguls Li Ruigang gehört. Mit seinem Investment setzt Li einen Trend fort, der sich seit einer Weile andeutet. Chinesische Unternehmer haben den Sport als zukunftsträchtige Anlage und als Vehikel für ihre Geschäftsinteressen entdeckt. Und sie sind bereit, viel Geld auf den Tisch zu legen, auch wenn qualitative Produktmängel, wie sie beispielsweise die CSL plagen, unübersehbar sind. «Die grosse Investition basiert auf unserer Überzeugung, dass der Wert der Liga wachsen wird. China hat grosse Ambitionen, seine Sportindustrie zu fördern und Management sowie Verwaltung des Fussballbetriebs in China zu reformieren», begründete Konzernchef Li.

Doppelten Preis bezahlt

Ebenfalls interessiert an den Fernsehrechten war der in Zug ansässige Vermarkter Infront. Der gehört seit Anfang des Jahres dem schwerreichen Immobilienmogul Wang Jianlin. Wang hat für 1,2 Milliarden Dollar 68 Prozent an der Firma übernommen. Das Unternehmen ist auch für die globale Vermarktung der Spiele der deutschen Nationalmannschaft zuständig oder der Eishockey-Weltmeisterschaft. Wie wichtig Wang der Kauf von Infront war, offenbarte der stolze Preis: Er zahlte das Doppelte von dem, was die Vorbesitzer, die Private-Equity-Gesellschaft Bridgepoint, einst für ihre Mehrheit investiert hatten.

Schon zuvor hatte Milliardär Wang mit dem Einstieg beim spanischen Fussball-Erstligisten Atlético Madrid auf sich aufmerksam gemacht. Für 49 Millionen Franken sicherte er sich einen 20-prozentigen Anteil an dem Traditionsclub. «Wang Jianlin ist sich im Klaren darüber, dass die grosse Zeit der Immobilien in China vorbei ist. Der Fussball aber entwickelt sich hierzulande. Deswegen investieren er und andere Geschäftsleute so entschlossen in den Sport», sagt der Journalist Liu Xiaoxin, Chefredaktor der Fussballzeitung «Zuqiu Bao».

Alibaba-Chef Jack Ma stieg letztes Jahr mit fast 200 Millionen Dollar beim chinesischen Serienmeister Guangzhou Evergrande ein, der seither den Beinamen Taobao trägt. Taobao ist das grösste Onlineportal im Alibaba-Kosmos. Nächstes Jahr wollen Ma und Clubchef Xu Jiayin den Verein als ersten asiatischen Club an die Börse bringen. 2016 sollen dann endlich auch schwarze Zahlen geschrieben werden. Denn trotz aller sportlichen Erfolge, darunter der erneute Gewinn der kontinentalen Champions League, verzeichnet Guangzhou im laufenden Jahr ein Minus von rund 40 Millionen Dollar. Beobachter halten die Investition von Ma wirtschaftlich deshalb für völlig unsinnig, weil es angesichts der unverhältnismässig hohen Gehälter für ausländische Trainer und Torjäger fast unmöglich sei, ins Plus zu drehen. Doch es wird gemunkelt, wichtiger als eine profitable Rendite seien Ma die öffentliche Aufmerksamkeit und die Verbesserung von Beziehungen zu örtlichen Partnern und Parteikadern.

Anfängliche Verluste nimmt auch Li Ruigang mit dem Erwerb der TV-Rechte in Kauf, wie er sagt. In einigen Jahren werde sich die Milliardeninvestition auszahlen. Das Onlineportal China Sports Insider hält den Kauf jedoch für ein reines Glücksspiel. Weil abgesehen von qualitativen Defiziten der Liga auch das Geschäftsmodell zum Weiterverkauf der Bilder riskant zu sein scheint. In China hat Fernsehen mittels Pay-per-View keinerlei Tradition und ist bei vergleichbaren Versuchen gescheitert.

Investieren wie die Machtelite

Eine Binsenweisheit besagt jedoch, dass wer reich werden will in China, einfach nur die Hauptnachrichten des Staatsfernsehens aufmerksam verfolgen müsse. Dort sieht und hört man, welche Schwerpunkte die Machtelite der Kommunistischen Partei wirtschaftlich und politisch aktuell setzt. Darauf müsse man sein Geld nur noch hinterherwerfen. Seit Staatspräsident Xi Jinping öffentlich von der Ausrichtung und dem Gewinn einer Fussball-Weltmeisterschaft schwärmt, wird das unternehmerische Engagement im Sport und speziell im Richtung Fussball offenbar. Ma, Wang und Li stiegen alle in den Fussball ein, nachdem der Staatschef seine Träume formuliert hatte.

Auch die chinesische Rastar Group, ein Hersteller von Modellautos und Babysitzen, sprang auf den Zug auf und kaufte vor wenigen Wochen die Mehrheit am spanischen Erstligisten Espanyol Barcelona. Offiziell heisst es, man wolle den Club stärken. Doch nicht zuletzt soll wie auch beim Einstieg von Wang Jianlin bei Atlético der chinesische Fussball profitieren. Chinesische Spieler sollen leichter bei Clubs in europäischen Topligen unterkommen, um sich dort weiterzuentwickeln und schliesslich die Nationalmannschaft zu stärken. Das gibt Präsident Xi neues Futter für seine Träume vom WM-Titel.

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