Plötzlich dieses neue Raumgefühl

Zum 89. Geburtstag des Künstlers eröffnet das Museum Franz Gertsch in Burgdorf seinen unterirdischen Erweiterungsbau – mit der Ausstellung zu den vier Jahreszeiten.

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Natürlich dominiert er immer noch, der Bau aus dem Jahr 2002, zwei Sichtbetonkuben samt Museumsgarten im Herzen Burgdorfs. Aber da ist etwas anders: Vor dem Museum hat es neuerdings eine Art Schutzwall aus Beton, gezackte Elemente ragen aus dem Boden und erinnern an Panzersperren. Unterschiedliche Schrägen machen aus dieser Architektur eine – tatsächlich – Sonnenuhr.

Eine dieser Flächen wird nur am längsten Tag des Jahres beschienen, während eine andere lediglich am kürzesten Tag im Schatten liegt. Es gibt noch diverse andere, mitunter extrem steile Flächen. Der Langnauer Architekt Manfred Sturm, der auch schon für den Ursprungsbau verantwortlich zeichnete, sagt dazu lachend: «Was diese Flächen mit den Jahreszeiten zu tun haben, verrate ich nicht. Das wird man aber schon noch herausfinden.» Verwiesen wird mit diesem ebenso schlichten wie skulpturalen Baukörper auch auf das, was darunter liegt: ein neuer Raum für die dauerhafte Präsentation des zwischen 2007 und 2011 entstandenen Vier-Jahreszeiten-Zyklus von Franz Gertsch.

Einblicke und Durchblicke

Drinnen gelangt man über die Treppenskulptur hinab ins Untergeschoss und steht nun in diesem eigentlich vertrauten Zentralraum, von dem aus alle Wege in Ausstellungsräume führen. Allein, da wo bislang auf der einen Seite Enge und Abgeschlossenheit herrschten, eröffnen sich dank einer unterirdischen Erweiterung in beide Richtungen ganz neue Einblicke und Durchblicke. Teils sind Bilder oder Ausschnitte schon von weitem zu sehen – Frauenporträts, Gräser, Schwarzwasser oder Landschaften. Variationen der Motive von Franz Gertsch. Die Eröffnung des Erweiterungsbaus wird in allen acht Räumen (inklusive Kabinett im Obergeschoss) von einer grossen Werkschau begleitet, die den Fokus auf die hauseigene, inzwischen markant angewachsene Sammlung und die seither neu entstanden Werke des Künstlers legt. Es ist eine veritable Retrospektive, welche von einem Selbstbildnis des jungen Gertsch aus dem Jahr 1955 bis zum erstmals in der Schweiz gezeigten Gemälde «Pestwurz» (2018) reicht.

«Ungeheure Bereicherung»

Die prachtvolle, rund 40 Werke umfassende Schau versammelt alle Schaffensphasen. Nachdem der Künstler 1986 das grossformatige Porträt «Johanna 2» beendet hatte, kehrte er der Malerei für fast ein Jahrzehnt den Rücken, beendete vorerst seine fotorealistische Phase und eignete sich als Autodidakt die neue Technik des Holzschnitts an. An dieser neuen Technik reizten Gertsch auch die Mittel, um einen höheren Grad an Abstraktion zu erreichen.

Als Maler hat er die Sujets der Holzschnitte ab 1995 nochmals aufgenommen und neu interpretiert. Die starke Verbindung von Landschaften und Gesichtern hat der Künstler immer wieder hervorgehoben, Haare und Augenbrauen mit Ästen und Blattwerk verglichen. Die Erweiterung des Repertoires künstlerischer Techniken im Werk Gertschs und der Erweiterungsbau in «seinem» Museum: eine einleuchtende Kombination. Von «neuen Grössengefühlen» spricht Direktor Arno Stein, von der Realisierung einer langjährigen Vision und einer «ungeheuren Bereicherung» auch: «Das Museum macht 17 Jahre nach seiner Eröffnung mit der Erweiterung nochmals einen Sprung.»

«Das Museum macht17 Jahre nach seinerEröffnung mit derErweiterung nochmalseinen Sprung.»Arno Stein, Direktor Gertsch-Museum

Ziemlich genau ein Jahr nach Beginn der Bauarbeiten steht nun die Eröffnung an, pünktlich zum 89. Geburtstag von Franz Gertsch. Drei Millionen Franken kostete der Ausbau – Mäzen Willy Michel finanzierte davon zwei Drittel, der Rest steuerten der kantonale Lotteriefonds und die Stiftung Michel bei –, der dem Museum drei neue Räume beschert und damit eine zusätzliche Ausstellungsfläche von 300 Quadratmetern.

Ein Vorteil liegt mit dieser Erweiterung auf der Hand: Die Verteilung der Räume für Sammlungs- und Wechselausstellung kann in Zukunft noch flexibler gestaltet werden. Aber noch wichtiger im Hinblick auf den Namensgeber des Museums: Im grössten dieser Räume hängen nun die Gemälde «Frühling», «Sommer», «Herbst» und «Winter», der Zyklus markiert einen Höhepunkt im späten Schaffen des Künstlers. Vorher reichte der Platz nicht, um den Zyklus integral zu zeigen.

Die Jahreszeiten riefen buchstäblich nach einem eigenen Raum. Aus baurechtlichen Gründen kam nur ein unterirdischer Ausbau infrage. Der Ankauf der vier Gemälde durch Willy Michel, Stifter und Mäzen des Museums, sicherte schliesslich die Werke für das Haus.

Die gemeinsame Präsentation macht auf frappante Weise sichtbar, wie die vier Gemälde dank einer reduzierten Farbpalette als Einheit miteinander harmonieren und wie einzelne Farbtöne von einem Gemälde zum anderen aufgenommen werden. 2007 begann der damals 77-jährige Gertsch mit der Arbeit am Zyklus, gut vier Jahre später war er vollendet. Die Idee dazu kam dem Künstler, als er in seinen Unterlagen auf eine Fotografie aus dem Jahr 1994 stiess; sie zeigte einen Spazierweg, der in der Nähe seines Hauses durch ein herbstliches Waldstück führte.

Optimale Wirkung

Nach dieser Vorlage entstand das Monumentalgemälde «Herbst». Für die fotografischen Vorlagen der anderen drei Werke verfolgte der Künstler den Wechsel der Jahreszeiten, während er bereits am «Herbst»-Gemälde arbeitete. Als Betrachter kann man erkennen, wie sich die Landschaft in den rund zwölf Jahren verändert hat und die Vegetation weiter gewachsen ist. Je näher man tritt, desto mehr löst sich die fotorealistische Wahrnehmung auf und eine nahezu impressionistisch anmutende Technik tritt zutage – oder im «Herbstbild» gar ein in abstrakte Gefilde entführendes Flimmern. Direktor Arno Stein ist überzeugt, dass der 11x15 Meter grosse, fast sakral wirkende Raum die vier Gemälde optimal zur Geltung bringt – «mathematisch kann ich das zwar nicht beweisen, aber in der Kunst gibt es ja auch ein Gespür». Der ausgebildete Jurist hat bei den Einsprachen gegen das Ausbauprojekt erfolgreich darum gekämpft, «dass wir auf keinen Zentimeter der geplanten Grundfläche verzichten mussten».

Das Gras wächst

Die Existenz eines ihm gewidmeten Museums kann einen Künstler beflügeln. Franz Gertschs Malerei sei in den letzten Jahren immer freier geworden, sagt Kuratorin Anna Wesle. Im kommenden September wird das Museum ein neues Gemälde des Künstlers erhalten. Seine Themen und Motive scheint der 89-Jährige noch längst nicht ausgelotet zu haben, er arbeitet derzeit nach fotografischen Vorlagen an neuen Holzschnitten und hat sich auch wieder den «Gräsern» zugewandt. Apropos Gräser: Architekt Martin Sturm erzählt, dass draussen auf der Vier-Jahreszeiten-Uhr robuste, mediterrane Gräser gepflanzt worden seien. Allerdings werde man sie erst im kommenden Jahr so richtig sehen: «Sie werden bis zu 1,5 Meter gross und werden den Kreislauf der Jahreszeiten nochmals auf eine andere, sinnliche Art veranschaulichen.»

Eröffnung Erweiterungsbau: 10. März, 14 Uhr. Bundesrätin Simonetta Sommaruga spricht in Anwesenheit des Künstlers. Ausstellung «Frühling, Sommer, Herbst und Winter»: 11. März bis 18. August.

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