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Kommentar zu Gastronomie und PandemiePilz des Anstosses

Sollen Zürcher Wirte draussen heizen dürfen, um in Corona-Zeiten ihre Gäste zu wärmen? Ökologisch spricht alles dagegen. Dennoch sollten die Pilze erlaubt sein – auch um des lieben Friedens willen.

Die sommerliche Schankkultur in den Winter retten – und damit das Bedürfnis nach gefahrlosem Austausch unter Freunden.
Die sommerliche Schankkultur in den Winter retten – und damit das Bedürfnis nach gefahrlosem Austausch unter Freunden.
Foto: Alamy

Zu den wohl schönsten Momenten in diesem Jahr zählten die Tage im späten Frühling, als das Leben auf den Straßen wieder erwachte. Gerade in den Städten sorgten dafür vor allem Cafés und Restaurants. Endlich sah man wieder Leute miteinander reden und zusammensitzen, die nicht zwangsläufig «Angehörige eines Haushaltes» waren. Dass sich in diesem Jahr sehr viel soziale Aktivität, die bislang in geschlossenen Räumen stattfand, an die frische Luft verlagert hat, gehört für viele zu den angenehmen Nebeneffekten der Pandemiebekämpfung. Die Sonne, und ein leider wieder sehr trockener Sommer, machten es möglich.

Die kühle Herbstluft bringt nun Druck in die Frage, ob das nun bald wieder vorbei sein soll. Für ohnehin angeschlagene Gastronomen, die sich wirtschaftlich immer noch von der Lockdown-Phase erholen, wäre das ein weiterer harter Schlag: Denn das Infektionspotenzial geschlossener Räume wird viele Menschen aus den Wirtschaften fernhalten.

Inzwischen sprechen sogar Sozialdemokraten dafür aus, das Verbot zumindest zeitweilig aufzuheben.

Bürgerliche Zürcher Kantonsräte wollen nun die sommerliche Schankkultur in den Winter retten. Sie fordern von der Regierung Erleichterungen für die Gastronomie. So sollen draussen Heizpilze aufgestellt werden dürfen. Genau: Exakt jene Heizpilze, die wegen ihres absurd hohen Energieverbrauchs verboten wurden. Inzwischen sprechen sich sogar Sozialdemokraten dafür aus, das Verbot zumindest zeitweilig aufzuheben. Und das mit guten Gründen.

Für jede Massnahme der vergangenen Monate wurde ein hoher Preis bezahlt, sozial und finanziell. Zunächst entstand er vor allem durch Verzicht: auf Einnahmen und Einkommen, aber auch auf Bildung und Mobilität. Die Versuche, Konsum und öffentliches Leben nun unter Pandemiebedingungen aufrechtzuerhalten, erzeugen neue Kosten, die auch ökologisch sind.

Das neu erwachte Hygienebedürfnis hat zum Beispiel zu einer weiteren Steigerung von Verpackungsmüll geführt, von dem täglichen Verbrauch von Milliarden Wegwerfmasken weltweit ganz zu schweigen. Soll jetzt wirklich auch noch die CO₂-Bilanz in Mitleidenschaft gezogen werden, nur damit die Pandemiebekämpfung ein bisschen angenehmer für alle ist?

Aus klimapolitischer Sicht ist zumindest die erste Antwort ein klares Nein. Jedenfalls wenn man Klimapolitik vor allem als Kumulation symbolischer Handlungen begreift, die den grossen Wandel bedingen: Dann wäre es ein fatales Zeichen, nur aus wirtschaftlicher Opportunität, und um des lieben Friedens willen, ein hart erstrittenes Verbot rückgängig zu machen.

Wenn man die Gastronomie nicht dazu zwingen kann, aus guten Gründen auf Heizpilze zu verzichten, wie sollen dann Branchen wie Energiewirtschaft oder Automobilindustrie jemals zur Kooperation bewegt werden?

Der liebe Frieden ist nicht zu vernachlässigen, und er wird da geschaffen, wo man sich öffentlich in guter Gesellschaft zu Speis und Trank versammelt.

Auch ein Gerechtigkeitsargument spricht gegen die Wiedererweckung der Heizpilze: Zu den vielen Menschen, die von ihnen rein gar nichts hätten, weder als mollig gewärmte Getränkekonsumenten noch als Restaurantbetreiber, gehören Kinder, deren Zukunft mit jeder überflüssigen Tonne CO₂ prekärer wird, und für deren Schulen es oft nicht mal Belüftungskonzepte gibt.

Doch Güterabwägung ist nicht nur Teil der Corona-Politik, sie gehört auch zu einer sozial verträglichen Umweltpolitik. Der liebe Frieden ist ein Faktor, der nicht zu vernachlässigen ist, und er wird auch da geschaffen, wo man sich öffentlich in guter Gesellschaft zu Speis und Trank versammelt.

Nicht jedes Café wird sich so einen Pilz des Anstosses vor die Tür stellen, nur weil es darf – auch Wirte sind heute aufgeklärt und nachhaltigkeitsbewusst. Und die paar, die es tun, werden auch nicht gleich den Planeten zerstören, vor allem, wenn man ihnen zum Beispiel Zeitfenster vorgibt.

Schlechter für Luft und Leben als Heizpilze ist allemal der Autoverkehr. Ihn in den Innenstädten drastisch zu begrenzen, wäre ein politischer Kampf, der sich wirklich lohnen würde, sowohl sozial als auch ökologisch und im Sinne der Zukunft.