Zwischen Verhätscheln und Strafen

Analyse

Jugendanwalt Gürber hat im Fall des jungen Messerstechers Carlos einen völlig unnötigen Sturm der Entrüstung provoziert. Damit gefährdet er die Erfolge des Jugendstrafrechts.

Ein Korridor im Massnahmezentrum für schwerst delinquente Jugendliche in Uitikon.

Ein Korridor im Massnahmezentrum für schwerst delinquente Jugendliche in Uitikon.

(Bild: Keystone Stefan Deuber)

Liliane Minor@MinorLili

Es ist die wohl grösste Fehlleistung in der langen Karriere des Jugendanwalts Hansueli Gürber. Da präsentiert er in einer Fernsehreportage den 17-jährigen Messerstecher Carlos, der eine absolut ungewöhnliche Sonderbehandlung erhält: Statt in einer Erziehungsanstalt eingesperrt zu sein, wohnt er mit einer Sozialarbeiterin in einer Wohnung und trainiert Thaiboxen. 22'000 Franken koste das pro Monat, sagt Gürber im Film – faktisch sind es sogar 29'000.

Dieser Fall wird für Gürber nun zum Problem. Zu Recht. Aber nicht, weil die Behandlung von Carlos ein Skandal wäre. Sondern weil die Art, mit der Gürber diesen Fall präsentiert, die Arbeit von Jahren zunichte macht. Der mediengewandte Gürber hätte wissen müssen, was für eine Debatte der Fall Carlos auslöst. Dass es für die Öffentlichkeit völlig unverständlich ist, warum ein Straftäter so behandelt wird. Dass es in wenigen Filmminuten kaum möglich ist, zu schildern, welche Taktik hinter der ungewöhnlichen Massnahme steckt. Aber Gürber war offenbar so von sich überzeugt, dass er glaubte, alle werden seinen Erfolg erkennen.

Schön ist dieses Leben nicht

Nun macht in der Öffentlichkeit das Bild die Runde, Messerstecher Carlos werde verhätschelt. Müsse nichts tun. Mache sich ein schönes Leben. Erhalte seine verdiente Strafe nicht.

Dieses Bild ist falsch. Neid auf Carlos ist so fehl am Platz wie Mitleid. Man stelle sich nur vor, wie viel es braucht, bis jemand selbst in der geschlossenen Psychiatrie als nicht mehr tragbar angesehen wird. Wer so weit kommt, der ist ganz tief gesunken. Der hat ein völlig verbocktes Leben ohne jede Struktur. Gut geht es diesem Menschen nicht. Selbstvertrauen hat er keines. Kein Wunder, klammert er sich verzweifelt ans Einzige, was ihm aus seiner Sicht gelingt: das Thaiboxen.

Für einen solchen Menschen ist es nur schon ein enormer Fortschritt, wenn er jeden Tag aufsteht und einen Stundenplan einhält – selbst wenn das, was er tut, nach lockerer Freizeitbeschäftigung klingt. Was hier passiert, ist vergleichbar damit, dass jemand nach einer schweren Grippe wieder aufsteht. Da käme niemand auf die Idee, sofort die Teilnahme an einem Marathon zu verlangen. Für Carlos wäre Arbeit ein Marathon. Dabei steht er gerade erst wieder wacklig auf den Füssen und kann mit Mühe ein paar Schritte gehen.

Es ist auch nicht so, dass Carlos machen könnte, was er will. Im Gegenteil: Der Junge darf, obwohl er bald volljährig ist, keinen Schritt ohne Aufsicht tun. Ausgehen mit Freunden? Fehlanzeige. Allein ins Boxstudio? Kommt nicht infrage. Faktisch ist Carlos eingeschlossen. Das ist in einem Alter, in dem andere selbstständig werden, ein drastischer Einschnitt und kann ziemlich lästig sein. Allein dass sich Carlos darauf eingelassen hat, ist angesichts seiner Vorgeschichte erstaunlich. Es gibt in diesem Zusammenhang im Film eine entlarvende, aber eben auch missverständliche Szene. Darin bietet die Betreuerin Carlos einen Ingwertee an. Er will keinen. Sie insistiert. Und er willigt widerstrebend ein. Man kann das als Verhätscheln sehen – faktisch aber übt die Betreuerin subtilen Druck auf den jungen Mann aus und bringt ihn gekonnt dahin, wo sie ihn haben will.

Keine Kuscheljustiz

Nur: All diese Hintergründe bekommt der unvoreingenommene Fernsehzuschauer kaum mit. Hängen bleibt der Eindruck, da kümmerten sich absurd viele Leute für eine riesige Summe Geld um einen Messerstecher. Das ist verheerend. Nicht nur, weil die verständliche Empörung darüber Carlos’ Fortschritte zunichtemachen könnte. Sondern vor allem auch, weil das ein falsches Licht auf das Jugendstrafrecht wirft und jenen Auftrieb gibt, die nach mehr Härte rufen. Denn mehr Härte wäre der falsche Weg.

Fakt ist: Das Schweizer Jugendstrafrecht ist keine Kuscheljustiz. Es verlangt die Erziehung junger Delinquenten mit dem Ziel, später ohne weitere Straftaten selbstständig leben zu können. Zu Erziehung gehört natürlich Strafe – aber auch Beziehung. Und genau Letzteres ist für die Jugendlichen oft unbequemer als die Strafe selbst. Denn Beziehung und Erziehung heisst auch, sich selbst infrage zu stellen, zu verändern. Genau daran fehlt es diesen Tätern. Darum sind sie straffällig.

Fakt ist auch: Die Schweiz fährt mit diesem System gut. Im Ausland wird sie dafür beneidet. Zwar ist das Zahlenmaterial dürftig, aber alle Statistiken deuten darauf hin, dass die Rückfallquoten in der Schweiz geringer sind als in anderen Ländern. Daran ändert auch die Kritik von Strafrechtsprofessor Martin Killias nichts, die Rückfallquote sei nur bei jenen jungen Leuten besser, die eine Massnahme erfolgreich abgeschlossen hätten. Wenn dem so ist, wäre das ja gerade ein Grund dafür, junge Straftäter um jeden Preis in einer therapeutischen Einrichtung zu behalten. Weil nur dieses System Erfolg verspricht – und damit letztlich auch das, was die Bevölkerung zu Recht verlangt: Sicherheit.

Manche Heime sind teurer

Wenn die Öffentlichkeit dieses Ziel konsequent verfolgt haben will, muss es auch drinliegen, unkonventionelle Wege zu gehen. Jedenfalls sofern Fortschritte erkennbar sind und ein solcher Versuch gestoppt wird, sobald das nicht der Fall ist. Denn es ist naiv, zu glauben, wenn ein Jugendlicher nur hart genug angefasst werde, spure er schon. Bei manchen wirkt Druck. Bei anderen fördert das bloss die Renitenz. Sie sind wie ein Kügelchen Quecksilber: Mit Druck sind sie nicht zu fassen. Aber mit geeigneten Leitplanken zu lenken.

All das ist teuer, das ist Tatsache. Der Aufwand, diese jungen Leute wieder auf eine gerade Bahn zu bringen, ist enorm. Oft sind zahlreiche Stellen involviert. Doch kostet Carlos’ Behandlung nicht einmal übertrieben viel; manche Heime sind teurer.

Sicher, ein Gefängnisplatz wäre billiger zu haben. Bloss: Ist eine Behandlung erfolgreich, kommt das die Gesellschaft auf die Länge günstiger zu stehen, als wenn ein junger Straftäter definitiv auf die schiefe Bahn gerät. Denn dann wird es erst richtig kostspielig.

DerBund.ch/Newsnet

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