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Zürcher verkauft tätowierte Haut - über seinen Tod hinaus

150'000 Euro zahlte ein Sammler, um über das Gemälde des belgischen Konzeptkünstler Wim Delvoye auf dem Rücken des 31-jährigen Tim Steiner verfügen zu dürfen.

Gemäss dem am Freitag geschlossenen Vertrag hat der Käufer das Recht erworben, die Arbeit «TIM» auf Steiners Rücken während drei bis vier Wochen pro Jahr auszustellen, an Anlässe zu schicken oder privat zu zeigen, wie Stephanie Schleiffer von der Galerie De Pury & Luxembourg am Montag gegenüber der SDA bestätigte.

Der Kaufpreis werde zwischen dem Künstler, der Galerie und dem Träger der Tätowierung geteilt. Der Besitzer darf das mobile Werk verkaufen oder vererben und Steiner nach seinem Tod buchstäblich die Haut über die Ohren ziehen. Die Abmachung ist juristisch heikel, da Verträge auf Lebenszeit verboten sind.

Rechtsstreit könnte folgen

Der Käufer riskiert, dass Steiner den Vertrag erfolgreich anficht, wenn er sich umbesinnt, wie Schleiffer erklärte. Das Risiko, das Kunstwerk nach einem allfälligen Meinungsumschwung des Trägers wieder zu verlieren, kaufe der Sammler mit. Das sei vergleichbar mit anderen vergänglichen Kunstwerken auch.

Abgesichert habe sich die Galerie aber gegen eine Einsprache von Steiners Angehörigen im Falle seines Todes. Die Familie habe notariell beglaubigen lassen, dass sie nicht juristisch gegen eine postmortale chirurgische Entfernung des Tattoos einschreiten werde.

Weltpremiere

Steiner ist gelungen, woran andere gescheitert sind. Der französische Journalist Harry Bellet etwa wollte ein kleines Delvoye-Tattoo als Post-Mortem-Exponat dem Centre Pompidou in Paris vermachen. Das Museum lehnte «aus rechtlichen Gründen» ab und erwägt allenfalls eine «mobile Ausstellung» zu Lebzeiten.

Ähnlich erging es dem britischen Filmemacher Ben Lewis, der ebenfalls einen kleinen Delvoye herumträgt: Die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's wollen seine Haut nicht unter den Hammer kommen lassen.

Teure Schinken

Konzeptkünstler Wim Delvoye (*1965) machte 1997 erstmals auf sich aufmerksam, weil er betäubte Schweine tätowierte. Schon das war juristisch umstritten. Deshalb eröffnete der Belgier in China, wo das Tierschutzgesetz lascher ist, eine Schweine(kunst)-Farm.

Delvoye-Schweine werden heute laut Schleiffer für bis zu 150 000 Euro (240 000 Franken) gehandelt - Tendenz steigend. Delvoyes Spezialität sind die ästhetischen Gegensätze, mit denen er oft den Kulturkommerz parodiert.

So tätowierte er beispielsweise Ferkeln Labels von Luxusartikeln auf die Haut oder dem Briten Lewis eine gekreuzigte Mickey Mouse. Tim Steiners Rückenstich zeigt eine Madonna, umgeben von rituellen Emblemen aus Asien und Südamerika.

Mehrere Vorgänger

Die Idee, Menschen als Leinwände zu benutzen, ist nicht neu. Der Künstler Piero Manzoni signierte bereits 1961 Männer und Frauen als Kunstwerke. Auch ein Schweizer hatte den Einfall lange vor Delvoye: Im Künstlerroman «Geografie der Lust» liess Jürg Federspiel 1989 einer schönen Frau namens Laura Granati ein Kunstwerk auf das makellose Gesäss tätowieren.

Und der Künstler Santiago Sierra startete 1998 eine Kunstperformance unter dem Titel «Personen, die sich gegen Bezahlung eine 30 cm lange Linie tätowieren lassen». Er stoppte die Aktion, als er mit Schrecken feststellte, wie leicht sich Bewerber für das Projekt finden liessen.

SDA/cpm

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