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Wo befinden sich «Bonnie und Clyde»?

Die Aufseherin Angela Magdici hat vor einem Monat Straftäter Hassan Kiko aus dem Gefängnis Limmattal zur Flucht verholfen. Die Polizei sucht fleissig weiter.

Auf freiem Fuss: Hassan Kiko und Aufseherin Angela Magdici sind noch nicht gefasst worden. (Februar 2016)
Auf freiem Fuss: Hassan Kiko und Aufseherin Angela Magdici sind noch nicht gefasst worden. (Februar 2016)
Keystone

Die Aktion im Kanton Zürich war spektakulär und beschäftigt seither nicht nur die Medien. In der Nacht auf den 9. Februar 2016 befreite Angela Magdici (32) den syrischen Häftling Hassan Kiko (27) aus seiner Zelle. Seither befinden sich beide auf der Flucht. Man kann nur vermuten, wo sich das Duo, das im Volksmund schon den Übernamen «Bonnie und Clyde» erhalten hat, momentan befindet.

Daniel Schnyder, Sprecher der Kantonspolizei Zürich, sagt in der NZZ: «Die Ermittlungen laufen auf Hochdruck. Wir gehen verschiedenen Hinweisen nach.» Konkrete Resultate der Fahndung sind aber noch nicht kommuniziert worden – zumindest der Öffentlichkeit nicht. Diese weiss, dass der schwarze BMW Magdicis zuletzt an der Grenze der Schweiz zu Italien gefilmt wurde und dass sie in der Schweiz noch ihre Kreditkarte benutzte. Danach verwischen sich die Spuren.

Ein Ausbruch mit Erfolgschancen?

Der Vorfall aus dem Bezirk Dietikon sorgte nicht nur für grosses Aufsehen, sondern auch für Massnahmen beim Zürcher Amt für Justiz. «So können Häftlinge das Gefängnis nur noch verlassen, wenn zwei Aufseher die entsprechenden Türen öffnen», schreibt die NZZ. Die spektakuläre Flucht ist auch zu den Politikern gedrungen. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Zürcher Kantonsrats beschäftigt sich mit dem Fall, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Die GPK befasst sich unter anderem mit Fragen zur Ausbruchsicherheit aus den Gefängnissen sowie zu den Fähigkeiten des Wachpersonals. Die Justizdirektion und die zuständige Regierungsrätin Jacqueline Fehr sind nun gefordert und müssen der Kommission Antworten liefern.

Nimmt man die Statistik zur Hand, so verlaufen Versuche, aus den Gefängnissen auszubrechen, oft erfolglos. In den letzten zwölf Jahren seien gerade zwei Ausbruchsversuche im Kanton Zürich mit Erfolg durchgeführt worden. Beide Ausbrecher landeten aber wieder hinter Gittern. Ein 25-jähriger Albaner wurde einen Monat nach dem Ausbruch wieder gefasst, ein 23-Jähriger kehrte fünf Tage nach seiner Flucht reumütig wieder in die Haftanstalt zurück, weiss die NZZ.

Emotionale Abhängigkeiten

Thomas Knecht, Gefängnispsychiater und Leiter der Forensischen Psychiatrie des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, sieht die Erfolgschancen des Ausbruchs von Sexualstraftäter Kiko und Aufseherin Magdici differenziert. «Sobald die Landesgrenzen überschritten sind, lässt der Fahndungsdruck nach.» Aber dem Fachmann ist klar, dass eine Flucht eine grosse Belastung darstellt, vor allem für ein Paar, das sich nur durch Gitterstäbe hindurch kennen gelernt hat. Das Duo hätte wohl nicht viel Geld, es könne sich nirgends lange aufhalten, meint Knecht in der NZZ.

Die Frage ist auch, wie tief und reibungslos die Beziehung der beiden doch recht unterschiedlichen Personen ist. Es bestehe die Möglichkeit, dass für den Täter die Frau nur Mittel zum Zweck gewesen sei. «Ist es keine Liebesbeziehung, dürfte er früher oder später versuchen, sie loszuwerden.» Knecht glaubt, dass sich die Machtverhältnisse verändert hätten. Zu Beginn sei Magdici in der Machtposition gewesen, diese habe sich inzwischen geändert. Der Psychiater sagt zur Situation, in der sich möglicherweise emotionale Abhängigkeiten gebildet hätten: «Der Gefängnisinsasse hat viel gewonnen, die Aufseherin dagegen kann fast nur verlieren.»

Wenn sich die Insassen über das Personal lustig machen

Die gemeinsame Flucht könnte also für die Aufseherin durchaus zu einer noch grösseren Gefahr werden, als sie ohnehin ist. Walter Minder, der seit zehn Jahren mit der Mutter von Angela Magdici verheiratet ist, erklärt, dass die Unsicherheit das Schwerste sei. «Es wäre einfacher, man würde sie finden, auch wenn sie tot sein sollte.» Für seine Frau sei es viel schlimmer, sagt er in der NZZ. Sie sage, es fühle sich an, als wäre die Nabelschnur zum zweiten Mal durchtrennt worden.

Gefängnisleiter Roland Zurkirchen weiss eigentlich nur Gutes über seine ehemalige Angestellte zu berichten. Sie sei eine beliebte Mitarbeiterin gewesen und habe ihre Arbeit bis zur Mithilfe der Flucht zur vollen Zufriedenheit erledigt. Der Vorfall habe Auswirkungen auf die tägliche Arbeit im Gefängnis. «Die Mitarbeiter fühlen sich in ihrer Berufsehre gekränkt.» Dass die Insassen nun gern Sprüche über den Ausbruch reissen, macht die Arbeit des aufsehenden Personals nicht leichter.

Sollte Magdici festgenommen werden, muss sie für ihre Tat büssen. Im Schweizer Strafgesetzbuch steht: «Wer einem Gefangenen zur Flucht behilflich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.» Die ehemalige Aufseherin scheint tatsächlich eine Rolle zu spielen, mit der sie nur verlieren kann.

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