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«Wir sind nun 48 Stunden unterwegs»

Tausende Menschen mussten wegen Irene vorübergehend ihr Zuhause verlassen. Viele der Sturmflüchtlinge wissen nicht, wann sie wieder zurückkehren können. Eindrücke aus einem Evakuierungslager.

Ungewisses Warten: New Jerseys Gouverneur Chris Christie besucht die Evakuierten in einer Turnhalle in New Brunswick.
Ungewisses Warten: New Jerseys Gouverneur Chris Christie besucht die Evakuierten in einer Turnhalle in New Brunswick.
Reuters

Rund 150 Kilometer ist er nach Norden gefahren, um sich vor dem Hurrikan Irene in Sicherheit zu bringen. Nun wartet Jimmy Farrell mit etwa 200 weiteren Sturmflüchtlingen in einer Turnhalle der Rutgers-Universität von New Brunswick im US-Bundesstaat New Jersey auf eine Besserung der Wetterlage.

«Es ist toll hier», sagt der 50-Jährige zufrieden. Gleichzeitig malt er sich aus, was in seiner Heimatstadt Atlantic City passiert, wo Irene mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 130 Stundenkilometern am frühen Sonntagmorgen zum zweiten Mal auf Festland traf: «Vielleicht ist mein Haus schon nicht mehr da», bangt Farrell.

Wie viele der Männer und Frauen in der Notunterkunft in New Brunswick südwestlich von New York hat Farrell seit der Abfahrt von seinem Zuhause bereits in mehreren Notlagern Unterschlupf gesucht. Die Sturmflüchtlinge werden in der Turnhalle von der US-Nationalgarde und örtlichen Polizisten beschützt. Das Rote Kreuz kümmert sich um ihre Versorgung.

Einige Tage ausharren

Wie lange sie auf ihren Feldbetten ausharren müssen, kann niemand genau vorhersagen. «Sie sind hier in Sicherheit, bis der Sturm vorübergezogen ist und sie nach Hause zurückkehren können», sagt Rebecca Smith-Casey vom Roten Kreuz. «Das wird wahrscheinlich noch nicht heute sein, aber vielleicht am morgen oder Dienstag.»

Auf einer Pritsche liegt eine junge Frau unter einer selbst mitgebrachten Decke und schläft. Ein kleines Mädchen reagiert auf jedes Lächeln mit einem freundlichen Nicken. Auch Farrell ist müde. «Wir sind nun 48 Stunden unterwegs, sassen seit heute früh um sechs Uhr ständig in Bussen und sind umhergefahren», seufzt er.

Die Einrichtung der Halle ist spartanisch, aber wenigstens drohen hier keine Zerstörungen oder Überschwemmungen durch «Irene». Die Helfer sind nach eigenen Angaben darauf vorbereitet, dass die Flüchtlinge mehrere Tage bleiben.

Am Samstag habe es Pizza zum Abendessen gegeben, sagt Joan Smith vom Roten Kreuz. Heute werde der Einfachheit halber kaltes Essen serviert.

Öffentliches Leben lahmgelegt

Der Sturm erreichte in der Nacht auf heute auch New York und legte das öffentliche Leben lahm. Bürgermeister Michael Bloomberg hatte mehr als 370'000 Menschen in den niedrig gelegenen Gebieten in Lower Manhattan, Brooklyn und Queens aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. In den Notunterkünften meldeten sich allerdings nur 8700 Menschen. Es war nicht klar, wie viele New Yorker nicht auf den Bürgermeister hörten und in ihren Wohnungen blieben.

Einige liessen sich vom herannahenden Sturm nicht gross beeindrucken: In ein paar Cafés und Bars sassen New Yorker noch am Samstagabend beim Bier und plauderten. Andere sassen bereits seit Stunden vor dem Fernseher und verfolgten die Nachrichten. Die Atomsphäre schwankte zwischen Anspannung und betonter Gelassenheit.

Am frühen Samstaggbend joggten noch einige New Yorker durch den Central Park. Doch es war deutlich leerer als sonst. Der Himmel über der Stadt verdüsterte sich allmählich. Dunkle Wolken hingen über dem Süden Manhattans. Irgendwann fuhren Polizeiwagen durch den Park. Über Lautsprecher wurden die Läufer und Radfahrer aufgefordert heimzugehen. U-Bahnen und Busse fuhren schon lange nicht mehr. Ein Ausnahmezustand für die Millionenmetropole.

Am Samstag erstmals Festland erreicht

Am Samstag war der Sturm in Cape Lookout in North Carolina erstmals auf Land getroffen und mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern in nördlicher Richtung an der US-Ostküste entlanggezogen. Auf seinem Weg tötete er mindestens zehn Menschen. Das jüngste Opfer war ein elfjähriger Junge, der in Newport News in Virginia von einem umstürzenden Baum erschlagen wurde.

In den Gebieten, die Irene und ihre Ausläufer trafen, fiel grossflächig der Strom aus. Etwa eine Million Menschen waren nach Behördenangaben von der Energieversorgung abgeschnitten. Mehrere Flughäfen und viele öffentliche Verkehrsmittel, darunter auch die New Yorker U-Bahn, stellten ihren Dienst ein. Insgesamt verliessen rund zwei Millionen US-Bürger ihre Häuser.

«Wissen nicht, was zu Hause vor sich geht»

Michael Wolters, der mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern aus Ocean City in Maryland nach New Brunswick gekommen ist, freut sich wie Farrell über den Schutz in der Turnhalle. Doch auch er ist sehr besorgt. «Wir wohnen nur vier oder fünf Blocks von der Küste entfernt und wissen nicht, was zu Hause vor sich geht», sagt er.

(sda/afp/dapd)

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