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Wie Fake News zur Pandemie-Panik beitragen

Hat Bill Gates den Coronavirus-Ausbruch schon letzten Oktober vorhergesagt? Derzeit kursieren viele Verschwörungstheorien im Internet.

Bill Gates hat nichts mit dem Coronavirus zu tun. Weil seine Stiftung aber im letzten Oktober an einer Pandemie-Übung beteiligt war, kursieren nun Verschwörungstheorien um ihn und den aktuellen Ausbruch. Foto: Reuters
Bill Gates hat nichts mit dem Coronavirus zu tun. Weil seine Stiftung aber im letzten Oktober an einer Pandemie-Übung beteiligt war, kursieren nun Verschwörungstheorien um ihn und den aktuellen Ausbruch. Foto: Reuters

Bill Gates wusste schon letzten Oktober Bescheid über die Coronavirus-Pandemie! Er hat 65 Millionen Tote verhergesagt! So tönt es derzeit bei Verschwörungstheoretikern – die bereits grassierende Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus aus dem chinesischen Wuhan dürfte sich bei solchen Nachrichten noch steigern. Zumal die grotesk tönenden Schlagzeilen zwar kreuzfalsch, aber nicht komplett an den Haaren herbeigezogen sind.

Tatsächlich fand am 18. Oktober 2019 eine Pandemie-Übung statt. Am «Event 201» beteiligt waren das Johns Hopkins Center for Health Security, das Weltwirtschaftsforum (WEF) sowie eben die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Das Szenario sah die globale Ausbreitung eines Coronavirus vor, die Anwesenden wollten damit Erkenntnisse gewinnen, wie eine solche Pandemie gestoppt werden könnte. Das Coronavirus wurde gewählt, weil auch Sars 2003 zu dieser Virusfamilie gehörte.

Fiktive 65 Millionen Tote

Mit dem aktuellen Coronavirus 2019-nCoV aus Wuhan hatte das «Event 201»-Szenario aber wenig zu tun, wie das Johns Hopkins Center in einer Erklärung mitteilt: «Obwohl unsere Übung ein Schein-Coronavirus umfasste, sind die Vorgaben, die wir zur Modellierung der potenziellen Auswirkungen dieses fiktiven Virus verwendet haben, nicht mit 2019-nCoV vergleichbar.» Man habe bereits im Oktober klar gesagt, dass das Experiment keine Voraussage auf allfällige künftige Pandemien sei, sondern nur dazu diene, aufzuzeigen, welche Schwierigkeiten eine solche auslösen könnte.

Die «Event 201»-Übung endete mit fiktiven 65 Millionen Todesopfern innert 18 Monaten und sah entsprechend viel Verbesserungspotenzial für Regierungen, Organisationen und Unternehmen, um angemessener auf einen Ausbruch vorbereitet zu sein. Aus dem «Event 201» entstanden mehrere Vorschläge: Die Industrie, Regierungen und internationale Organisationen sollten zusammenarbeiten, um Lagerbestände an medizinischen Gegenmassnahmen zu vergrössern und eine schnelle und gerechte Verteilung während einer schweren Pandemie zu ermöglichen. Eine bessere Planung sollte Reisen und Handel während einer schweren Pandemie aufrechterhalten.

Die Regierungen sollten zudem mehr Ressourcen und Unterstützung für die Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika bereitstellen, die während einer schweren Pandemie benötigt werden. Internationale Organisationen sollten der Verringerung der wirtschaftlichen Auswirkungen von Epidemien und Pandemien Priorität einräumen. Regierungen und der private Sektor sollten der Entwicklung von Methoden zur Bekämpfung von Fehl- und Desinformationen vor der nächsten Pandemie mehr Beachtung schenken.

Vom fiktiven Fall bis zur echten Pandemie verging aber so wenig Zeit, dass keines der Ziele umgesetzt werden konnte. All die Vorschläge wären gut brauchbar, auch jener zur Bekämpfung der Fake News.

«Wundermittel» gegen das Virus

Denn die Bill-Gates-Verschwörungstheorie ist längst nicht die einzige, welche derzeit im Internet für Aufsehen sorgt. In sozialen Medien wird beispielsweise eine «Handlungsanweisung» eines chinesischen Lungenspezialisten verbreitet, dass man den Hals mehrmals täglich mit Salzwasser spülen soll. Das verhindere eine Ansteckung und habe vor 17 Jahren bei Sars schon geklappt.

Der zitierte Experte widerspricht dem gleich selbst. Man könne mit Salzwasser zwar Mund und Hals spülen, was beispielsweise bei einer Rachenentzündung helfen könne, beantwortet Zhong Nanshan eine Anfrage von AFP Hongkong. Das Coronavirus betreffe aber die Atemwege, welche nicht gespült werden können. Das Gerücht sei falsch und solle nicht weiterverbreitet werden.

Auf Facebook werden unter anderem auch Vitamin C oder Cannabis als Wundermittel gegen das Coronavirus 2019-nCoV angepriesen – das stimmt genauso wenig wie die Geschichte über Luftreiniger, die das Virus rausfiltern sollen. Gar gefährlich sind Berichte der rechten Verschwörungstheoretiker QAnon, welche eine «Miracle Mineral Solution» zur Heilung anpreisen. Sie besteht aus Chlordioxid, was wiederum auch in Bleichmitteln eingesetzt wird. QAnon-Anhänger haben dieses «Wundermittel» schon zur Behandlung von HIV oder Krebs «empfohlen», die US-Regierung warnt hingegen vor lebensbedrohlichen Nebeneffekten – das sei, als würde man Bleichmittel trinken.

Das falsche Fledermausvideo

Die Herkunft des Virus führt zu weiteren Verschwörungstheorien. Ein Video zeigt eine chinesische Frau, die eine Fledermaus isst. Da das aktuelle Coronavirus von Fledermäusen stammen könnte, wurde dieses Video rasch verbreitet und die Essgewohnheiten der Chinesen als Ursache für die Pandemie verantwortlich gemacht. Allerdings entstanden die Bilder bereits 2017 – und erst noch auf der Pazifikinsel Palau. Die Frau wollte eine lokale Delikatesse probieren. Ein Zusammenhang mit 2019-nCoV gibt es also nicht.

Auf Twitter und Facebook zeigen Bilder von Patenten, dass das amerikanische Center for Disease Control oder Pharmazieunternehmen das Virus gezüchtet haben sollen. Auch Bill Gates, der häufig Ziel von Verschwörungstheorien ist, soll an einem solchen Patent beteiligt sein.

Tatsächlich gibt es Patente, die ein Coronavirus beinhalten, allerdings ist diese Virusfamilie gross, und die Patente beziehen sich auf andere Stämme. So wurden zwar Impfstoffe gegen bestimmte Coronaviren entwickelt, mit diesen lässt sich nun aber nicht das grosse Geld machen, wie manche das vermuten. Einen Impfstoff gegen 2019-nCoV gibt es derzeit nicht, die Plattform Correctiv hat zudem die Patenttheorien in umfassenden Recherchen entkräftet.

Fehlalarme und Fake News

In vielen Ländern gibt es rund um die Pandemie zudem Fehlalarme und Fake News. Im freiburgischen Bulle versendete ein Schüler ein Mail im Namen des Rektors und «informierte» über einen mehrwöchigen Unterrichtsausfall infolge der Pandemie. In Frankreich wurde über Ansteckungen in entlegenen Regionen berichtet, in Australien wurde vor Reis und Keksen gewarnt, die verseucht sein sollen, und in Sri Lanka verbreitete sich eine angebliche Vorhersage chinesischer Ärzte, dass wohl alle 11 Millionen Einwohner von Wuhan am Virus sterben würden.

An einem chinesischen Flughafen sollen Eltern ihre erkrankten Kinder zurückgelassen haben und mit dem Flugzeug geflohen sein. Ebenfalls aus China stammen Videos, die zeigen sollen, wie Bürger in Wuhan gegen die Abschottung ihrer Stadt protestieren und von Polizisten niedergeschlagen werden – die Videos kursieren allerdings schon seit mindestens Juli 2019. Alle diese Berichte erwiesen sich rasch als falsch, verbreiteten sich aber über Facebook, Whatsapp und andere soziale Medien trotzdem rasch weiter.

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