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Väter boten eigene Kinder zum sexuellen Missbrauch an

Neue Details über die zerschlagene Kinderporno-Plattform «Elysium» ermöglichen erschreckende Einblicke.

Einem Ermittler zufolge haben sich die Männer zusammengetan, um ihre eigenen Kinder auf der Plattform anzubieten. Symbolbild: Keystone
Einem Ermittler zufolge haben sich die Männer zusammengetan, um ihre eigenen Kinder auf der Plattform anzubieten. Symbolbild: Keystone

Es sind grossteils Väter. Männer in «normalen» familiären Verhältnissen, wie ein Ermittler es ausdrückt, der Sprecher der hessischen Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, Georg Ungefuk. Die Verdächtigen sollen sich nicht zusammengetan haben, um fremde Kinder zu entführen und sexuell zu missbrauchen; sondern um ihre eigenen anzubieten.

14 Männer sind in den vergangenen Tagen verhaftet worden, ein 39-Jähriger aus der Nähe von Limburg, ein 59 Jahre alter Baden-Württemberger, ein 61-Jähriger aus Bayern, dazu noch einige in der Gegend von Wien. Es sind grausige Details, durch die sich Ermittler aus Hessen und vom Bundeskriminalamt (BKA) in den vergangenen fünf Wochen durchgearbeitet haben, mit Unterstützung auch aus Österreich. Unter den auf der Darknet-Plattform «Elysium» ausgetauschten Fotos und Videos soll Hardcore-Material gewesen sein, «auch von Kleinstkindern», und sexualisierte Gewalthandlungen.

Vermarkter und Vergewaltiger

Die Plattform ist vom Netz genommen, den Ermittlern ist ein Schlag gelungen. Um Kinderpornografie ging es dabei nach Informationen der «Süddeutschen Zeitung» aber nur in zweiter Linie. Über «Elysium» sollen sich Täter vor allem zur Vergewaltigung von Kindern verabredet haben. Mindestens 29 der minderjährigen Opfer konnten offenbar identifiziert werden. Über Foren wurden die Kinder regelrecht feilgeboten.

Vor allem ein 28-Jähriger aus Wien steht in Verdacht. Seine beiden Kinder, die heute fünf und sieben Jahre alt sind, soll er über Jahre hinweg schwer sexuell missbraucht haben. Dann soll er sie drei Mal auch dem 61-jährigen Bayern zum Missbrauch zur Verfügung gestellt haben, und mehrmals auch einem 40-jährigen österreichischen Staatsangehörigen. Über «Elysium» lernten sie sich kennen.

Die einen vergewaltigten und filmten, die anderen verbreiteten die Bilder. Die Arbeitsteilung bei «Elysium», so lautet die Theorie der Ermittler, sah so aus: Die Vergewaltiger sassen vor allem in Österreich, die Vermarkter in Deutschland. Vorneweg der 39-Jährige aus dem Landkreis Limburg-Weilburg, ein IT-Fachmann, in dessen Wohnung die Beamten bei einer Durchsuchung den Server der kinderpornografischen Plattform fanden. Ihn betrachten sie als Administrator. Seit dem 13. Juni sitzt er in Untersuchungshaft.

Man denkt an Marc Dutroux, den Belgier, der von 1995 an mehrere Mädchen entführte, einsperrte, missbrauchte, um davon Filme zu drehen, und der sich dabei auf ein Umfeld von Helfern und Kunden stützte, dessen Ausmass diverse Sonderermittler nie ganz klären konnten. Nun aber, 2017, kommen die modernen Mittel des Darknets hinzu - jener hochwirksamen Verschlüsselungstechnik, die im Internet einen vollkommen anonymen Austausch ermöglicht. Wer mithilfe eines sogenannten Tor-Browsers surft, der streift im Netz eine Tarnkappe über. Er hinterlässt nirgends seine IP-Adresse.

«Riesiger Run»

Die Seite «Elysium» ist erst Ende 2016 online gegangen. Umso grösser wirkt eine Zahl, die dazu am Donnerstag aus dem Bundeskriminalamt genannt wurde. Mehr als 87 000 «Nutzer» aus aller Welt sollen sich bereits über Elysium ausgetauscht haben. Gleich zu Beginn, vor einem halben Jahr, habe «ein riesiger Run» auf die Seite eingesetzt. Und die deutschen Macher der Webseite waren dafür gerüstet. Sie stellten die Seite von Beginn an in mehreren Sprachen zur Verfügung.

«Elysium» hatte mehr Zulauf als der "Marktführer" aus den USA Im Darknet ist es immer schwierig zu sagen, wie viele reale Personen sich hinter Nutzernamen verbergen. Manche haben mehrere Namen. Aber selbst wenn die BKA-Schätzung von 87 000 Personen um ein paar Tausend zu hoch gegriffen sein sollte, bliebe dies noch immer eines der grössten Kinderporno-Foren, die je ausgehoben wurden. Zum Vergleich: Als Anfang Mai die US-Kinderporno-Seite «Playpen» nach zweijährigen Ermittlungen des FBI gestoppt wurde, ging man von 150 000 «Nutzern» aus. In der Folge kamen 900 Menschen weltweit in Haft, 368 von ihnen in Europa, wie Europol in Den Haag mitteilte.

Den deutschen Machern von "Elysium" ist es offenbar gelungen, innerhalb von sechs Monaten mehr als halb so viel Zulauf zu erhalten, wie dieser seit 2014 betriebene "Marktführer" aus den USA sie hatte. Ein Anzeichen dafür, wie erschreckend gross die Nachfrage ist. Nach einer Grossaktion wie dieser entstehen deshalb auch jedes Mal schnell neue Marktplätze.

Täter schotten sich ab

Mehr als ein vorübergehender Nadelstich ist es für diesen riesigen Markt nicht, das zeigt das jüngste Beispiel von «Playpen». Die Kundschaft zieht weiter, sie schrumpft nicht. «Es geht darum, potenzielle Täter zu verunsichern», sagte der Frankfurter Generalstaatsanwalt, Helmut Fünfsinn. Täter scheuten das Risiko, entdeckt zu werden. Immerhin: Die Häufigkeit der Nadelstiche nimmt zu.

Der Name «Elysium», die Insel der Seligen in der griechischen Mythologie, entspricht dem klebrigen Ton, den Ermittler, die sich in Päderasten-Chats einschleichen müssen, immer wieder erleben: oft süsslich, vorgeblich kinderlieb. Eine andere Plattform, die 2010 in Deutschland geschlossen wurde, hiess «Zauberwald». Kinderporno-Seiten zu finden, ist für Ermittler selbst im Darknet nicht einfach. Das Delikt ist auch in dieser Schattenwelt verpönt. Immer wieder kommt es vor, dass Hacker Angriffe auf bekannte Kinderporno-Seiten starten, sogenannte DDoS-Attacken, gewissermassen als digitale Bürgerwehr. Deshalb schotten sich die Täter so stark ab wie sonst kaum einer im Darknet.

Strafrabatt für die Kinderporno-Besitzer

Bei «Elysium» durfte nur mitchatten, wer selbst kinderpornografisches Material hochlud. Eine Hürde, die Strafverfolger fernhalten sollte - denn die Betreiber solcher Seiten wissen, dass es verdeckten Ermittlern in Deutschland verboten ist, ihrerseits Kinderpornografie zu verbreiten.

Besitzen oder sich verschaffen dürfen sie diese ausnahmsweise, da gibt das Strafgesetzbuch Ermittlern eine Sondererlaubnis, auch wenn das moralische Probleme aufwirft. Gegen die Tarnkappen-Technik im Darknet haben die Ermittler auch noch keine Mittel, sie können die Anonymisierung nicht knacken. So steckt hinter dem aktuellen Erfolg dem Vernehmen nach ein anderer, technisch schlichterer Trick.

Wird ein Kinderporno-Besitzer auf herkömmlichem Wege ertappt, dann können die Strafverfolger ihm einen Deal anbieten. Strafrabatt - wenn er seinen Account zur Verfügung stellt, der in der Kinderporno-Szene bereits Vertrauen geniesst. So schlüpften Ermittler bei «Elysium» in einen etablierten Account, kontaktierten Vergewaltiger, fragten unschuldig nach, ob man sich denn noch einmal treffen könne. Mindestens zehn Männer, grossteils Väter, konnten so von weiteren Verbrechen abgehalten werden, mindestens 29 Kinder gerettet werden.

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