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Thuner Stargeiger vergass Stradivari im Zug

Der Reisende Pascal Tretola fand im Zug die wertvolle Stradivarigeige – und sich selbst später am Internetpranger.

Alexander Dubach anlässlich eines Konzerts in Zweisimmen.
Alexander Dubach anlässlich eines Konzerts in Zweisimmen.
Heidy Mumenthaler

Auf der Gepäckablage im Zug entdeckte Pascal Tretola am Freitagabend den Geigenkasten. «Es waren auch noch ein paar Betrunkene im Zug», sagt der junge Kehrsatzer, «da nahm ich die Geige lieber mit, bevor ihr etwas passierte.» Tretola sass im Zug von Bern nach Thun, in Kehrsatz-Nord stieg er aus. Dass er eine berühmte Stradivarigeige mit sich trug, davon hatte er keine Ahnung. «Ich dachte allerdings schon, dass sie alt und wertvoll sein könnte.»

Am Samstag arbeitete Tretola, er hatte keine Zeit, die Geige zurückzubringen. Am Samstagabend veröffentlichten die Regionale Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland und die Kantonspolizei Bern sein Bild im Internet. «Wertvolle Geige aus Zug mitgenommen», schrieben die Behörden dazu in einer Mitteilung. Als Tretola am Sonntagmorgen nach Bern fuhr und im Bahnhof die Geige abgab, hörte er erstmals von der Fahndung. «Da war ich ziemlich verdutzt», sagt er. Aber er hegt keinen Groll. «Wichtig ist, dass die Geige unbeschädigt ist.»

Alexandre Dubachs Schreck

Es war der bekannte Thuner Geiger Alexandre Dubach, der die Stradivari im Zug vergass. «Das war der grösste Schreck meines Lebens», sagt er. Denn der international renommierte Paganini-Interpret ist selber nicht Besitzer der Geige; sie gehört einem Bekannten Dubachs, der anonym bleiben möchte. «Ich hätte doch diesen Schaden niemals wieder gutmachen können.» Der Besitzer habe aber wundervoll reagiert und sei von Anfang an überzeugt gewesen, dass seine Geige wieder auftauchen werde. Doch erst am Sonntagnachmittag kam der erlösende Anruf von den SBB.

Die wertvolle Violine wolle er nicht mehr selber transportieren, sagt Dubach. «Die werde ich nur noch vor den jeweiligen Konzerten in Empfang nehmen und danach sofort wieder abgeben.»

Finder wird entschädigt

Wer im Zug einen Gegenstand findet, hat grundsätzlich keinen Anspruch auf einen Finderlohn. «Unsere Angestellten, die Gegenstände einsammeln, werden auch nicht entschädigt», sagt SBB-Sprecher Reto Kormann. Laut Zivilgesetzbuch habe ein Finder aber Anrecht auf eine angemessene Entlöhnung. Dabei gehe man von 10 Prozent des Werts aus – bei einer millionenteuren Geige sei der Prozentsatz aber natürlich kleiner. «Gemeinsam mit dem Besitzer werde ich den ehrlichen Finder angemessen entschädigen», versichert Dubach. Tretola stellt jedoch keine Ansprüche. «Aber freuen würde ich mich schon.»

Kritik an Fahndungsbild

Die Veröffentlichung des Fahndungsbilds sorgte in der Öffentlichkeit für Kritik. Der Finder werde damit kriminalisiert, hiess es. Die Strafprozessordnung erlaube bei Fahndungen die Orientierung und den Miteinbezug der Öffentlichkeit, sagt dazu Christof Scheurer, Informationsbeauftragter der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern.

Angesichts des besonderen Gegenstands griffen die Behörden darauf zurück. «Eine Stradivarigeige ist eben nicht das Gleiche wie ein gewöhnlicher Rucksack, der liegen gelassen wird», sagt Scheurer. Die Geigen von Antonio Stradivari stammen aus dem 18.Jahrhundert und werden für Millionen von Franken gehandelt. «Hätten wir nichts unternommen und wäre die Geige beispielsweise ins Ausland geschafft worden, würden wir wohl ebenso kritisiert werden.»

Vorrangiges Ziel der Strafverfolgungsbehörden war es, die Geige zu finden. Diesem Interesse gegenüber stand der Persönlichkeitsschutz des Finders. «Das ist wie immer eine Interessenabwägung», sagt Scheurer. «Wir mussten auch in Betracht ziehen, dass es ein Diebstahl hätte sein können.» Die Behörden hätten aber nie von einem mutmasslichen Täter gesprochen. Wenn sich die Person nun in ihrer Persönlichkeit verletzt fühlt, könnte sie Genugtuungsansprüche stellen. Für Pascal Tretola ist diese Sache aber «erledigt».

(Berner Zeitung)

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