Themse bekommt keine Tiara

Die Londoner Gartenbrücke wird nicht gebaut. Schuld daran sei Bürgermeister Sadiq Khan, sagen die Initianten. Doch so einfach ist es nicht.

Die Visualisierung der «grünen Tiara». Foto: Heatherwick Studio

Die Visualisierung der «grünen Tiara». Foto: Heatherwick Studio

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Mit der «grünen Brücken-Extravaganza», die die Einheimischen stolz machen und jede Menge Touristen anziehen sollte, wird es nichts in London: Gestern gab der Garden-Bridge-Trust das Ende des umstrittenen Projekts bekannt. Damit ist ein langes Tauziehen zu Ende gegangen, an dem drei Londoner Bürger­meister und die Schauspielerin Joanna Lumley beteiligt waren.

Lumley, bekannt aus der TV-Serie «Absolutely Fabulous», hatte die ursprüngliche Idee, der Stadt eine neue, von Bäumen und Pflanzen bestandene Fussgängerbrücke zu bescheren. Anfangs sollte das die Prinzessin-Diana-Gedächtnis-Brücke werden. Aber diese Idee lehnte der frühere Labour-Bürgermeister Ken Livingstone ab.

Privat finanziert

Livingstones Nachfolger, der heutige britische Aussenminister Boris Johnson, fand die Sache mit der Gartenbrücke dagegen famos. Eine Unzahl von Besuchern würde das Bauwerk anziehen, schwärmten Johnson und Lumley: Die Brücke könnte ein neues Wahrzeichen für ein ökologisches London sein. Und viele Londoner waren nicht abgeneigt. Denn die Steuerzahler sollte dies nichts kosten.

Die kommerzielle Realität hinter der grünen Fassade sah allerdings etwas anders aus. Nach und nach begriffen die Bewohner der Stadt, dass es nicht einfach nur um eine Bereicherung ihrer Kommune ging. Andere, die sich im Trust zusammengefunden hatten, suchten sich ebenfalls zu bereichern.

Die Brücke, stellte sich heraus, sollte weniger ein dem Fussvolk permanent zur Verfügung stehender Weg über den Fluss als ein anzumietender Ort für Veranstaltungen werden.

Leider müsse die Brücke zu diesem Zweck regelmässig geschlossen werden, bekamen die Londoner zu hören. Reisegruppen, die die Themse überqueren wollten, müssten sich vorab anmelden, und alle Passanten würden beim Überqueren über ihre Mobiltelefone registriert.

Weitere Nachforschungen ergaben, dass etliche Sponsoren des Projekts Geschäftsinteressen im unmittelbaren Bereich der Brückenköpfe hatten. Die Brücke sollte den Immobilienwert und die Ladenprofite auf beiden Seiten kräftig steigern. Die «grüne Tiara», das schöne neue Krönchen für die Themse, sei in Wirklichkeit ein zynischer Deckmantel für eine reine Profitaktion, grollten immer mehr Kritiker.

Mit Steuergeld geplant

Die Spenden hörten auf zu sprudeln. Mit Zusagen in Höhe von 70 Millionen Pfund hatte der Garden-Bridge-Trust nur die Hälfte der erforderlichen Baukosten sichergestellt. Und als der im Vorjahr gewählte Johnson-Nachfolger und Labour-Politiker Sadiq Khan den Trust wissen liess, dass er das Projekt nicht länger unterstützen könne, gab der Trust jetzt das Ende des Projekts bekannt – und Sadiq Khan die Schuld daran.

Viele Londoner fordern nun das öffentliche Geld zurück, das bisher in die Planung der Brücke geflossen ist. Es sollen fast 40 Millionen Pfund sein – für eine Brücke, die als «Geschenk an die Stadt» propagiert wurde.

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