«Sie lächelte und begann, auf Englisch zu sprechen»

In Frankreich sind nahe der Schweizer Grenze in und um ein parkiertes Auto vier Leichen und ein schwer verletztes Mädchen gefunden worden. Ein weiteres Mädchen überlebte – versteckt unter den Toten.

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Acht Stunden lang harrte ein etwa vierjähriges Mädchen aus – lautlos und regungslos. Es lag auf dem Rücksitz eines BMW unter einer Frauenleiche verborgen. Eine weitere Frau lag tot und mit Schusswunden auf dem Rücksitz. Vermutlich handelt es sich bei den beiden ermordeten Frauen um die Mutter und die Grossmutter des Mädchens. Am Steuer des Wagens mit britischen Kennzeichen lag die Leiche eines Mannes. Er soll der Vater des Mädchens sein, das wie durch ein Wunder die Erschiessung seiner Familie überlebt hatte.

Ein weiteres Mädchen, das acht Jahre alt sein soll, wurde schwer verletzt neben dem Wagen gefunden, der auf einem Parkplatz in einem Wald nahe dem touristischen Dorf Chevaline abgestellt war. Zunächst berichtete die britische Presse, das Mädchen weise mindestens drei Schussverletzungen auf. Gemäss neusten französischen Berichten weist das Kind jedoch keine Schussverletzungen, sondern eine Schädelfraktur auf (siehe «Le Dauphiné Libéré»). Inzwischen sei das Kind ausser Lebensgefahr, teilte die Gendarmerie mit.

Am Tatort fand die Polizei eine weitere Leiche: Die eines Velofahrers, der aus der Region stamme. Beim Opfer handle es sich um einen rund 40-jährigen Vater von drei Kindern. Er habe sich im Vaterschaftsurlaub befunden, schreibt «Le Dauphiné Libéré». Alle Leichen wiesen Schusswunden auf.

Velofahrer findet Leichen kurz nach Tat

Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei den ermordeten zwei Frauen und dem Mann sowie den beiden überlebenden Mädchen um eine britische Familie. «Das haben zumindest Briten gesagt, die auf dem Campingplatz von Saint-Jorioz sind», sagt der Gendarmerie-Offizier Benoît Vinnemann, der die Ermittlungen leitet, gegenüber dem «Nouvel Observateur». Auf demselben Campingplatz beim See von Annecy, rund 60 Kilometer südlich von Genf, habe auch die von dem brutalen Verbrechen betroffene Familie genächtigt. Der ermordete Fahrer des BMW habe seinen britischen Pass dort hinterlegt. Die Gegend im Département Haute-Savoie ist bei Touristen aus aller Welt beliebt.

Ein Velofahrer hatte die Leichen gegen 16 Uhr entdeckt – offenbar unmittelbar nachdem die Tat verübt wurde. Denn laut Gendarmerie-Offizier Vinnemann, sagte der Hauptzeuge, ein ander Velofahrer habe ihn in der Steigung, die zum Tatort führt, überholt. «Als der Überholte oben beim Parkplatz ankam, sah er den andern Velofahrer mit Schusswunden neben dem BMW liegen», so Vinnemann gemäss dem «Telegraph». Der Velofahrer habe auch einen schnell wegfahrenden Geländewagen gesehen, schreibt «Europe 1».

Am Tatort wurden laut dem «Nouvel Observateur» rund 15 Patronenhülsen gefunden, wie sie auch in Maschinenpistolen verwendet werden. Eine Tatwaffe wurde jedoch nicht entdeckt. Die Polizei riegelte die Strasse zum Tatort ab und begann mit der Befragung möglicher Zeugen.

«Lärm und Schreie gehört»

Obwohl die Leichen kurz nach der Tat gefunden wurden, dauerte es acht Stunden, bis die Beamten das kleine Mädchen endlich entdeckten. Das liege daran, dass die Polizisten vor Ort warten mussten, bis die Pariser Experten der Gerichtsmedizin eintrafen. «Wir hatten Befehl, nicht in den Wagen einzudringen. Sonst hätten wir die Position der Leichen verändern können», erklärt Benoît Vinnemann.

Als die Beamten in der Nacht dann die Opfer untersuchen wollten, entdeckten sie die Vierjährige. Die Kleine lag «unter den Beinen ihrer Mutter verborgen». In der gesamten Zeit habe sie sich nicht bewegt. Der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud, schildert die Szene gemäss dem «Guardian» so: «Sie lächelte und begann, auf Englisch zu sprechen, als ein Gendarm sie in den Arm nahm und aus dem Wagen trug.» Maillaud weiter: «Sie erzählte uns, dass sie Lärm und Schreie gehört habe. Mehr kann sie nicht sagen, sie ist ja gerade mal vier Jahre alt.» Das Mädchen habe zunächst drauflos geredet und dann allmählich realisiert, dass «Mamma nicht da ist, wenn sie nach ihrer Mamma verlangt».

Die mutmassliche Schwester der Kleinen lag schwer verletzt neben dem Wagen der Familie. Sie wurde ins Spital gebracht. Heute Morgen habe sich ihr Zustand jedoch so weit verbessert, dass sie sich nicht mehr in Lebensgefahr befinde. Nach Angaben von Benoît Vinnemann, gehen die Ärzte davon aus, dass sie in einigen Tagen wieder ansprechbar sein wird.

Mutmassungen über Hergang und Motiv

Es ist noch nicht bekannt, was genau passierte und weshalb. Die zahlreichen Patronenhülsen, die um den Wagen gefunden wurden, heizten Spekulationen an, die Familie könnte Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls geworden sein, in den der Radfahrer zufällig hineingeraten war. Die Familie habe über ein teueres Auto verfügt.

Das britische Aussenministerium hatte seine Bürger in diesem Sommer gewarnt, sie könnten von Kriminellen als «einfache Ziele» angesehen werden. Insbesondere wurde vor gestellten Unfällen gewarnt, die dazu dienten, andere Autos anhalten zu lassen, um sie dann auszurauben.

Die Familie und der Velofahrer hätten auch Kriminelle gestört haben können, möglicherweise bei einem Drogenhandel, schreibt «Le Figaro».

Für Staatsanwalt Maillaud steht die These eines Verbrechens im Vordergrund. «Wir schliessen aber auch ein Familiendrama nicht aus», sagte er und kündigte für den Nachmittag eine Medienkonferenz an.

rub/ses/AFP/sda

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