Riesenschlauch fischt Plastik aus dem Meer

Mit einer einzigartigen Putzaktion sollen die Gewässer von Müll befreit werden. Wie die Technik funktioniert.

Säubert das Meer von Plastik: Der 600 Meter lange Müllfänger von «The Ocean Cleanup». (Video: Tamedia/AFP)

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Verpackungen, Flaschen, Tüten: Gigantische Mengen Plastik verschmutzen die Weltmeere und belasten zunehmend die Umwelt. Schildkröten, Fische oder Delfine verfangen sich im Müll oder schlucken Teile, die sie nicht verdauen können. Ausserdem gelangen die beim Abbau des Plastiks entstehenden winzig kleinen Teilchen in die Nahrungskette – mit gravierenden Folgen für die Ökosysteme der Meere. Wie viel Müll es genau ist, weiss keiner genau. Schätzungen gehen von bis zu 150 Millionen Tonnen aus, und es werden täglich mehr.

Dagegen will Boyan Slat etwas unternehmen. Der erst 24-jährige Niederländer hat das Projekt «The Ocean Cleanup» ins Leben gerufen, um die Weltmeere von den riesigen Müllansammlungen zu befreien. Am Samstag ist das erste Schiff seiner einzigartigen Putzaktion in San Francisco in See gestochen. Es wurde von zahlreichen Segelbooten und Kajaks begleitet, als es unter der berühmten Golden Gate Bridge durchfuhr.

Start zum Riesenprojekt: Das erste Schiff von «The Ocean Cleanup» fährt unter der Golden Gate Bridge durch ins Meer hinaus. (Bild: Keystone)

Das Schiff zog dabei eine 600 Meter lange schwimmende Barriere hinter sich her, mit der Plastikteile aus dem Meer eingesammelt werden sollen. Der Riesenschlauch, an dessen Unterseite drei Meter lange Netze wie eine Art Vorhang befestigt sind, treibt durch den Ozean und fängt so den Müll ein.

Später werde der Schwimmkörper dann von Schiffen, die als «Müllwagen der Weltmeere» zu den Anlagen fahren, entsorgt und das Sammelgut zur weiteren Verarbeitung an Land gebracht, so die Vorstellung des jungen Erfinders Slat, der den Start des Projekts als «Höhepunkt» seiner Bemühungen bezeichnete.

Fische können unten durch schwimmen: So funktioniert die Technologie des Projekts. (Video: Youtube/«The Ocean Cleanup»)

Das erste Schiff mit dem «System 001» im Schlepptau macht sich nun auf den Weg zu einem Gebiet 240 Seemeilen vor der kalifornischen Küste. Dort soll ein zweiwöchiger Testlauf starten, bevor das Schiff weiter zum sogenannten «Great Pacific Garbage Patch» fährt, einer riesigen Ansammlung von schwimmendem Plastikmüll zwischen Kalifornien und Hawaii.

Das Gebiet gehört zu den fünf grössten Strömungswirbeln weltweit, an denen sich wegen der Meeresströmungen gigantische Mengen Müll sammeln. Wissenschaftler von «The Ocean Cleanup» und verschiedene Universitäten schätzen, dass allein hier 1,8 Billionen Plastikteilen oder 80'000 Tonnen Müll schwimmen. Das verschmutzte Gebiet erstreckt sich über eine Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometer – mehr als 38 Mal die Fläche der Schweiz.

Hat Grosses vor: Boyan Slat vor einem Prototyp seines Plastikfängers in den Niederlanden. (Bild: Getty Images)

Dank des Projekts sollen binnen fünf Jahren 50 Prozent des Mülls im «Great Pacific Garbage Patch» eingesammelt werden. Längerfristig schweben Slat rund 60 solcher Säuberungssysteme vor. «Das Hauptziel ist, zu zeigen, dass die Technologie funktioniert», sagte der Gründer von «The Ocean Cleanup» in San Francisco. «Hoffentlich kommt in ein paar Monaten das erste Plastik im Hafen an.»

Schon mit 16 Jahren sei ihm beim Tauchen in Griechenland die Idee gekommen, als er im Wasser «fast mehr Plastik als Fische» sah, erzählte Slat. Bei seiner Zentrale im niederländischen Delft vor der Nordseeküste testete er die ersten Prototypen. Danach konnte der Erfinder verschiedene Investoren sowie zahlreiche Universitäten und Unternehmen für sein Millionenprojekt gewinnen.

Es gibt auch Kritik

Doch das Projekt wirft auch Fragen auf. So äusserten Forscher Bedenken, dass sich Meerestiere in der schwimmenden Barriere verfangen könnten. Das Team von «The Ocean Cleanup» weist diese Vorwürfe zurück. Mit der Wasserströmung könnten Fische unbeschadet unter der Anlage wegtauchen, heisst es auf der Website der Stiftung.

Eben Schwartz von der California Coastal Commission, einer staatlichen Behörde für Küstenschutz, warf Slat vor, die wahren Ausmasse des Problems nicht deutlich genug darzustellen. «Natürlich gibt es eine Menge Plastikmüll an der Oberfläche des Garbage Patch, aber der macht nicht einmal drei Prozent der gesamten Masse aus, die jährlich in die Weltmeere wandert», kritisierte Schwartz. Slat habe bestimmt die «besten Absichten», doch viel wichtiger sei es, von vornherein zu verhindern, dass weiter Plastik in die Ozeane gelange.

Die California Coastal Commission organisiert seit 1985 den «Cleanup Day» entlang der kalifornischen Küste. Freiwillige Helfer sammeln dabei einmal im Jahr Müll an den Stränden ein. 2017 machten mehr als 63'000 Menschen mit, sie entfernten über 362 Tonnen Müll. In diesem Jahr startet die Aktion am 15. September, eine Woche nach dem Start von «The Ocean Cleanup» in der Bucht von San Francisco.

(wig./sda)

Erstellt: 10.09.2018, 10:58 Uhr

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