Nessie gefunden!

Ein alter Brief enthüllt: Das beliebte Monster von Loch Ness ist ein PR-Gag.

Was wären die Highlands ohne Nessie? Foto: Radharc Images (Alamy)

Was wären die Highlands ohne Nessie? Foto: Radharc Images (Alamy)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Nessie ist bis heute der grosse Verkaufsschlager der schottischen Highlands. 300'000 Touristen zieht das Wesen jedes Jahr an die Ufer von Loch Ness. Auch in den Wintermonaten trifft man alle Welt im örtlichen «Exhibition Centre», gleich hinter Dromnadrochit. Im Laden an der Strasse deckt sich halb China mit Nessie-Stofftieren, Nessie-Geschirrtüchern, Nessie-Schlüsselringen ein.

Dummerweise gibt es aber immer jemanden, der Nessie-Fans den Spass am Monster verderben will. Diesmal ist es ein britischer Historiker namens Gareth Williams, der jetzt eine neue Studie zu den «Geheimnissen von Loch Ness» publiziert. Williams ist bei seinen Forschungen auf einen Brief aus dem Jahr 1980 gestossen, in dem der damals 82-jährige Romanautor Digby George Gerahty sich zur «Erfindung» Nessies bekannte. Ein halbes Jahrhundert zuvor, schrieb Gerahty, sei er nämlich in London als Werbeagent tätig gewesen.

Idee für 150 Pfund

Hoteliers aus den Highlands, aus der Gegend nördlich von Inverness, hätten ihn 1930 damit beauftragt, dem in der Grossen Depression darniederliegenden Tourismus neuen Aufschwung zu verschaffen. 150 Pfund hätten sie ihm bezahlt für eine zündende Idee. Damals, bei jenem Treffen, habe «das Loch-Ness-Monster» Gestalt angenommen – das der Region heute 30 Millionen Pfund im Jahr einträgt, wiewohl es fast immer unsichtbar bleibt.

In der Tat hatte Gerahty schon 1950 in einem unter Pseudonym veröffentlichten, halb autobiografischen Buch die Szene geschildert, in der «ein genialer Werbemensch» in einer Kneipe nahe Trafalgar Square im Gespräch mit schottischen Hotelbesitzern diesen Plan austüftelt. Die Idee mit dem Monster übrigens, fügte er hinzu, habe ihm ein anderer Kunde, ein kanadischer Grundstücksmakler, geliefert, der etwas Ähnliches im Okanagan-Tal in der kanadischen Provinz British Columbia erfolgreich praktizierte.

Der Mann hatte das Seemonster Ogopogo erfunden und so das Okanagan-Tal in seiner Heimat zum Tagesgespräch gemacht. So wurde in einem Pub «im Schatten des Lord-Nelson-Denkmals» in London «bei ein paar Pints Bier» das Loch-Ness-Monster neu zum Leben erweckt. Der heilige Columban hatte das Ungeheuer ja erstmals im Jahr 565 geortet. In späteren Jahrhunderten hatte man von Nessie allerdings nicht mehr viel gehört.

Wundersames Timing

«Alles, was wir zu tun hatten, war, dafür zu sorgen, dass das Monster wieder sichtbar wurde», sagte Gerahty. Und Wunder über Wunder: Ab 1930 tauchte Nessie aus ihren prähistorischen Tiefen wieder im Bewusstsein der Insel auf. 1933 begann dann das Lokalblatt «The Inverness Courier» in kurzer Folge spektakuläre Augenzeugenberichte zu drucken und Tausende Neugieriger anzulocken. All die Aufregung hatte, so lässt sich heute mit einiger Wahrschein­lichkeit vermuten, Digby George Gerahty mithilfe eines Bekannten beim «Courier» ausgelöst.

Nessie nur ein PR-Trick? Davon will in Dromnadrochit natürlich niemand etwas wissen. Theorien über das Monster gibt es ja schon zuhauf. Mögen Historiker und Naturwissenschaftler immer neue Erklärungen zutage fördern: Der Reiz Nessies besteht ja gerade im Verborgenen, im Urtümlich-Mysteriösen. So leicht ist eine gute Legende nicht zu zerstören. Bloss wegen eines Pub-Abends am Trafalgar Square vor 85 Jahren reisst der Verkauf fröhlich feixender Nessie-Stofftiere in Loch Ness noch lange nicht ab.

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