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Ist in Malibu ein Serienkiller unterwegs?

Ein junger Familienvater wurde letztes Jahr ermordet, bald tauchten weitere Leichen auf. Der lokalen Polizei wird nun gar Vertuschung vorgeworfen.

Wenige Kilometer von hier passierten die Morde: Der Malibu Creek State Park. Foto: Mario Tama/Getty Images
Wenige Kilometer von hier passierten die Morde: Der Malibu Creek State Park. Foto: Mario Tama/Getty Images

Am 22. Juni 2018 um 4.44 Uhr wird der Chemiker Tristan Beaudette, 35, im Malibu Creek State Park erschossen, vermutlich im Schlaf. Ein Schuss aus nächster Nähe durch die Zeltwand, während seine kleinen Töchter, zwei und vier Jahre alt, neben ihm schlafen. Am Tag zuvor hat er seiner Frau Erica im kalifornischen Irvine noch Frühstück gekocht, ihr viel Glück für die bevorstehende Arztprüfung gewünscht, dann packte er die beiden Töchter mit der Campingausrüstung und Proviant für zwei Tage ins Auto. Sie fuhren nach Malibu, sammelten Muscheln am Strand, bevor sie auf dem Zeltplatz des State Park in den Santa Monica Mountains ihr Zelt aufschlugen.

Die Polizei findet keine Hinweise, ob Tristan Beaudette Feinde gehabt hätte oder in kriminelle Aktivitäten verwickelt gewesen sein könnte. Es muss, so lautet die vorläufige Schlussfolgerung, ein Verrückter wahllos in einen vielbesuchten Campingplatz gefeuert haben.

In manchen Vierteln der Millionenstadt Los Angeles mag das Risiko erhöht sein, nachts einer zufälligen Kugel zum Opfer zu fallen. Aber in Malibu? Im Surferparadies, wo die Villen von Cher, Pink, Bob Dylan und Miley Cyrus stehen? Malibu hat nur 13'000 Einwohner, es ist ein Sehnsuchtsort für viele: Jedes Jahr kommen bis zu zehn Millionen Touristen. Der Mord an Beaudette sorgt für Aufsehen, weit über Malibu hinaus. Es ist nicht der erste ungeklärte Mord im Paradies.

Hier ermittelt die Polizei sonst wegen gestohlener Designertaschen

Einen Monat vor Beaudettes Tod war eine übel zugerichtete männliche Leiche aus einer nahen Schlucht gezogen worden, direkt gegenüber der Strasse zum State Park hinter einem leuchtend weissen Hindu-Tempel; einen Monat danach, im Juli, wird erneut eine Leiche mit Schusswunden gefunden. Die einsame Gegend sei wohl ein Ort, an dem Gangs aus LA ihre Opfer abladen, wiegelt die Polizei ab, es gebe keinen Bezug zu Beaudettes Tod.

Wieder einen Monat später, am 10. August 2018, parkt Matthew Weaver, 21, aus Simi Valley, seinen BMW aus ungeklärten Gründen gegen 5 Uhr morgen auf der nahegelegenen Bergstrasse. Die letzte SMS, die er seiner Familie schickt: «Some crazy shit is going on here.» Verrückter Mist passiert hier. Ein Suchtrupp findet sein Handy, seinen Schlüssel und seine Kappe im Gebüsch. Sein Körper wird nie gefunden.

Die Tatorte liegen alle im Radius von wenigen Kilometern um den Malibu Creek State Park, dem berühmten Park mit den dramatischen Klippen, in dem die Siebzigerjahre-Serie M.A.S.H gefilmt wurde. Will Smith und seine Frau Jada haben sich ihre 43 Millionen-Dollar-Villa in diese Idylle gebaut. Wenn hier die Polizei gerufen wird, dann eher deshalb, weil eine 80'000 Dollar teure Chanel-Handtasche entwendet wurde oder ein Ferrari die Bergkurven zu schnell nahm. Aber jetzt?

Nach dem grossen Feuer ist im Park alles verkohlt

Der Mord an dem jungen Vater vor einem Jahr fördert seitdem immer neue Entdeckungen zutage. Mehr und mehr Menschen melden sich, auf die in der Gegend ebenfalls geschossen worden war: immer zwischen 2 und 5 Uhr nachts. Eine Surferin postete Fotos vom zerschossenen Heck ihres weissen BMW, mit dem sie am 6. Juni 2016 auf dem Weg zu einem Surfwettbewerb war. Einem Biologen war in den Arm geschossen worden, als er im September 2016 in einer Hängematte im Park übernachtete. Ein Paar, das im Januar 2017 auf dem Parkplatz des State Park im Auto übernachtete, schreckte von einem Knall auf und fand ein Loch im Heck seines Autos, die Kugel steckte im Reservereifen. Und nur vier Tage vor dem Mord an Tristan Beaudette hatte sich ein Mann bei der Polizei gemeldet: Auf ihn sei geschossen worden, als er seinen Tesla um 4.30 Uhr über die Bergstrasse lenkte.

Erst nach Beaudettes Tod, als die Lokalzeitung The Local Beweisfotos und die Stimmen von einem halben Dutzend Zeugen abdruckt, gibt die Polizei zu, sie hätte in der Vergangenheit mehrere Meldungen von anderen Schüssen in der gleichen Gegend bekommen – behauptet aber immer noch, sie sähe keine Verbindung zu den gefundenen Leichen.

Im Oktober 2018 kriechen SWAT-Teams mit Maschinengewehren und Schäferhunden durch das Unterholz in den Santa Monica Mountains, Hubschrauber kreisen. Zwei Tage später wird ein Survivalist im Tarnanzug verhaftet, Anthony Rauda, 42, mehrere Waffen werden bei ihm gefunden. Als Rauda im November dem Richter vorgeführt wird, ruft er Obszönitäten und Beleidigungen. Eine Woche später beginnt es zu brennen: Die schlimmsten Feuer Kaliforniens vernichten auch den Malibu State Park, die Bäume und Büsche in den Bergen, in denen die Morde geschahen, verkohlen. Malibu wird zwangsevakuiert. Danach verstummen die Schüsse.

Ich glaube, dass der Scharfschütze immer noch da draussen unterwegs ist.

Lokalreporterin Cece Woods

Im Januar dieses Jahres wird Anthony Rauda des Mordes an Tristan Beaudette und neun versuchten Morden sowie fünf Einbrüchen angeklagt. Der Prozess soll im Herbst beginnen. «Ich glaube, dass der Scharfschütze immer noch da draussen unterwegs ist,» sagt Lokalreporterin Cece Woods. Sie hat die investigative Plattform The Local Malibu vor vier Jahren gegründet, erst ihre Veröffentlichungen brachten die anderen Schüsse ans Licht. «Die Stadt Malibu hat die Öffentlichkeit nie gewarnt, und ich glaube, das tun sie, damit die Sheriffs nicht schlecht aussehen. Ausserdem hat der State Park im letzten Jahr eine halbe Million Dollar an Einnahmen verloren, aber die Gegend ist gefährlich, vor allem nachts.»

Rauda sagt, er sei unschuldig. Unklar ist auch, ob Raudas Waffen zu dem Kaliber passen, mit dem Beaudette erschossen wurde; zumindest will die Polizei eine Übereinstimmung nicht bestätigen. «Meinen Sie nicht, die Polizei hätte das sofort verkündet, wenn Beaudettes Kugel aus Raudas Waffe stammt?», fragt Woods.

Vertuscht die lokale Polizei die Gefahr, um vor der Hochsaison den Tourismus nicht zu gefährden? Hätte sich der Mord an Beaudette verhindern lassen, wenn die Polizei die Touristen vor einem unbekannten Scharfschützen gewarnt hätte?

Von einer verschwundenen Frau werden nur Knochen gefunden

Beaudettes Witwe Erica Wu, 37, hat im Dezember 2018 Klage eingereicht. Polizei und Behörden wussten laut Wus Rechtsanwalt vor Beaudettes Tod über mindestens sieben Schüsse in der Gegend Bescheid. Die Ärztin will 90 Millionen Dollar und glaubt, ihr Mann könne noch leben, wenn die Polizei die Öffentlichkeit informiert hätte. «Die Behörden haben nachlässig versagt, einen sicheren Ort für Beaudette und seine Kinder zu schaffen und damit seinen Tod verursacht», heisst es in der Anklage. Vor Kurzem bekam Erica Wu Unterstützung von zwei Sheriffs: Lieutenant James Royal und der ehemalige Direktor der Rettungsmannschaft, Sergeant Tui Wright, sagten beide, sie hätten vor dem Mord vergeblich versucht, ihre Vorgesetzten davon zu überzeugen, die Öffentlichkeit wegen der Schüsse davor zu warnen, nachts in dem Park zu schlafen. Wegen der laufenden Klage nimmt die Polizei auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung zu den Vorwürfen keine Stellung. Auf die Anschuldigungen ihrer Kollegen haben die Beamten allerdings prompt reagiert: Royal wurde versetzt und wegen «Einmischung in eine Untersuchung» verklagt.

Die Polizei hat in Malibu keinen guten Ruf, und das liegt nicht nur an den Morden im Park, sondern auch an mehreren anderen Fehltritten der vergangenen Jahre. Im Juli 2018 etwa wurde der 65-jährige Maler Stafford Taylor auf dem Pacific Cost Highway zusammengeschlagen und ausgeraubt, der herbeigerufene Sheriff hielt ihn für einen Obdachlosen und legte den Schwerverletzten einfach im Morgengrauen auf einem Parkplatz vor der Bibliothek ab, wo üblicherweise die Obdachlosen auf Tagesarbeit warten. Erst fünf Stunden später wurde eine Passantin auf den leblosen Mann aufmerksam. Er wird wohl nie wieder ohne Hilfe gehen können und sein Leben lang medizinische Versorgung brauchen.

2009 war die 24-jährige Afroamerikanerin Mitrice Richardson von der Polizeiwache verschwunden. Die Sheriffs setzten sie nach Mitternacht vor die Tür der Wache, ohne ihr Handy, ohne ihre Handtasche und ohne ihre Familie zu informieren. Elf Monate später wurden ihre Knochen in einer Schlucht gefunden, zu verwest, um die Todesursache festzustellen. Und im Januar 2017 verschwand die 20-jährige Elaine Park. Ihr Auto wurde auf dem Pacific Coast Highway gefunden, der Schlüssel steckte in der Zündung. Ihr Handy, ihr Ausweis und ihre Tasche waren im Wagen, von ihr selbst fehlt jede Spur. Zuletzt war sie lebend mit dem Sohn von Shakim Compere gesehen worden, dem Produzenten der Hip-Hop-Sängerin Queen Latifah. Aber die Polizei hat seine Villa bis heute nicht durchsucht. Warum? Begründung: Compere wolle das nicht.

Sie wollten das unter den Teppich kehren, denn Malibu ist eine perfekte Stadt.

Meliss Tatangelo

Genau das ist es, was die Anwohner in Rage bringt: die Untätigkeit der Polizei. Meliss Tatangelo, die Frau, die mit ihrem Lebensgefährten im Auto schlief, bis eine Kugel in ihren Reservereifen einschlug, beschrieb auf Facebook, wie schwierig es gewesen sei, die Polizei für ihre Notlage zu interessieren. Sie habe sofort den Notruf gewählt, da sei ihr erklärt worden, dafür seien die State Parks zuständig. Nach dem Anruf bei den State Park Behörden habe es zweieinhalb Stunden gedauert, bis Offiziere auftauchten. Einer davon habe ihr gesagt: «So etwas passiert hier draussen nicht.» Die Beamten hätten die Kugel ohne Handschuhe angefasst, keine Spuren gesichert, keine Fotos gemacht. Einer habe ihr seine Visitenkarte gegeben, dann habe sie nie wieder von den Behörden gehört.

«Wenn die Stadt das Nötige getan und die Leute gewarnt hätte, hätten die Menschen eine Entscheidung treffen können, ob sie in diesen Park gehen wollen», sagte Tatangelo kürzlich dem Magazin GQ. «Sie wollten das unter den Teppich kehren, denn Malibu ist eine perfekte Stadt.» Auch wegen dieser Vorfälle wurde letzten Herbst der leitende Sheriff abgewählt, immerhin, und ein neuer eingesetzt.

Inzwischen ist Gras über die Sache gewachsen, buchstäblich. Im Mai haben die Behörden den Park für Besucher zum Zelten freigegeben. «Die Sicherheit der Parkbesucher hat für uns die höchste Priorität», werden die Betreiber in einer Stellungnahme zitiert. Kein Wort über die Toten und Verschwundenen. In den vergangenen Wochen und Monaten liess der Frühlingsregen im Malibu Creek State Park die Senfgräser und Büsche spriessen, die Berge sind jetzt wieder von einer dicken Schicht grüner Vegetation überzogen, die einem Scharfschützen Deckung geben.

Seit Kurzem gibt es wieder Berichte von Schüssen: immer zwischen 2 und 5 Uhr nachts. The Local hat gerade neue Aussagen von Anwohnern veröffentlicht, die mit ihrem vollen Namen von nächtlichen Schüssen erzählen, verbunden mit dem Hinweis, sie hätten das gemeldet.

Die Polizei sagt auf Nachfrage, bei ihr seien keine Meldungen eingegangen.

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