Bizarrer Machtkampf im Paradies – EDA verschärft Warnung

Die Malediven sind im Ausnahmezustand. Die Inseln leiden unter einem Konflikt mit mehr als ungewöhnlichen Allianzen.

Nach Protesten hat die Regierung den Ausnahmezustand verhängt. Video: Tamedia/AP/Storyful
Zita Affentranger@tagesanzeiger

Der Reisehinweis des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) betont die gute Nachricht für Touristen auf den Malediven: Die Flughafen- und Hotelinseln seien von den Unruhen nicht betroffen.

Doch in der Hauptstadt Malé, so das EDA weiter, müsse mit Demonstrationen gerechnet werden, bei denen es zu Verhaftungen und Zusammenstössen kommen könne. Deshalb sollten Touristen grosse Menschenansammlungen meiden und den Anweisungen von Sicherheitskräften folgen.

Denn in dem Ferienparadies, das aus 26 Atollen und 1196 bildschönen Inseln besteht, herrscht Aufruhr, seit Präsident Abdulla Yameen gestern den Ausnahmezustand ausrief und hohe Richter verhaften liess. Und das mitten in der Hochsaison.

Den Zorn des Präsidenten hat heraufbeschworen, dass das oberste Gericht die Prozesse gegen neun bekannte Oppositionspolitiker als verfassungswidrig deklarierte und deren Freilassung forderte. Unter den Verurteilten ist auch Mohamed Nasheed, der frühere, demokratisch gewählte Präsident der Inselkette im Indischen Ozean. Er lebt seit zwei Jahren in London im Exil. Ein Gericht in Malé hatte ihn zuvor wegen Terrorismus zu 13 Jahren Haft verurteilt. Nun hat er angekündigt, bei der für dieses Jahr eigentlich vorgesehenen Präsidentenwahl gegen den autoritären Amtsinhaber zu kandidieren. Die Massnahmen der Regierung nannte er «dreist und illegal» und Teil eines Putsches.

Bilder: Krise auf den Malediven

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Nasheed hatte den Malediven ein kurzes demokratisches Intermezzo beschert, als er 2008 in den ersten freien Wahlen zum Staatschef gekürt worden war. Er hob repressive Gesetze seines autoritären Vorgängers auf und stärkte die demokratischen Institutionen. Publikumswirksam hat er 2009 eine seiner Regierungssitzungen unter Wasser abgehalten, um vor dem Klimawandel und dem steigenden Meeresspiegel zu warnen, der für die nur gut einen Meter über Meer liegenden Inseln besonders gefährlich ist. Nasheed suchte für die Bevölkerung sogar nach einer alternativen Heimat für die Zukunft: Er verhandelte mit Indien, Sri Lanka und Australien über Landkäufe, für die ihm dann aber das notwendige Geld fehlte.

Unheilige Allianzen

Schliesslich hat ein Aufstand der Polizei Nasheed das Amt gekostet. Er hatte zuvor – wie diese Woche sein Nachfolger Yameen – einen hohen Richter verhaften lassen, der einen Oppositionspolitiker freilassen wollte. In seinem Widerstand gegen die derzeitige Führung der Malediven hat Nasheed überraschend Unterstützung von seinem Vorgänger Abdul Gayoom bekommen.

Die Allianz macht deutlich, wie trüb die politischen Gewässer der Inselkette im kristallklaren Meer sind. Denn Gayoom hatte das Land 30 Jahre mit eiserner Faust regiert und Nasheed im Gefängnis foltern lassen. Einer der Söhne Gayooms ist ebenfalls unter den Oppositionellen, die das Gericht freilassen wollte. Und um die Allianzen völlig ad absurdum zu führen: Der derzeitige Herrscher Yameen ist der Halbbruder des einstigen Autokraten. Letzte Nacht wurde Gayoom verhaftet.

Nirgends hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele Anhänger wie auf den Malediven.

Dabei ist Yameen, der nicht nur Präsident, sondern auch Premier und Verteidigungsminister ist, ganz in die Fussstapfen seines Halbbruders getreten. Er hat wie einst Gayoom die Kontrolle im Land an sich gerissen, ein striktes Verleumdungsgesetz und harte Strafen gegen jene eingeführt, die den Islam beleidigen. Ebenso wurde das Demonstrationsrecht massiv eingeschränkt. Zudem hat Yameen die Todesstrafe wieder eingeführt in dem als hoch korrupt geltenden Land. Letztes Jahr liess Yameen das Parlament stürmen und unliebsame Abgeordnete verhaften, denn seine Widersacher hatten sich zusammengetan und wollten in der Volksvertretung einen Misstrauensantrag gegen den Parlamentschef einreichen.

Die Malediven sind paradiesisch für Touristen, die meist auf abgeschirmten und dafür umso teureren Hotelinseln ihre Traumferien verbringen. Rund 1,5 Millionen Besucher kommen jedes Jahr, unter ihnen auch mehrere Zehntausend Schweizer. Der Tourismus bringt zwar viel Geld, doch es wird sehr ungerecht verteilt. Viele der 400'000 Einheimischen sind arbeitslos, weil in den Touristeneinrichtungen meist billige Arbeitskräfte aus anderen asiatischen Ländern arbeiten.

Jeder dritte Einwohner der Malediven lebt in Malé, der engen und überbevölkerten Hauptstadt des Landes. Der Zugang zu den Touristeninseln ist ihnen nur erlaubt, wenn sie dort Arbeit haben. Im streng islamischen Land ist es verboten, andere Religionen auszuüben. Die Bande zu Saudiarabien sind eng, das Land wollte angeblich sogar eines der Atolle kaufen. Und nirgends hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), gemessen an der Bevölkerungszahl, so viele Anhänger wie auf den bildschönen Malediven.

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