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«Kunstdiebstahl rangiert heute vor Drogen- und Menschenhandel»

Kunstraub kostet jährlich bis zu acht Milliarden Euro, sagt ein Makler für Kunst-Versicherungen. Warum die Branche unter Kriminellen immer begehrter wird.

Befindet sich zurzeit in New York und entging dem Milliarden-Raub: Der «Grüne Diamant» aus der Schatzkammer Grünes Gewölbe.
Befindet sich zurzeit in New York und entging dem Milliarden-Raub: Der «Grüne Diamant» aus der Schatzkammer Grünes Gewölbe.
Keystone
Der Raub scheint nebulös: Das Reiterstandbild August des Starken, auch «Goldener Reiter» genannt, steht vor der berühmten Schatzkammer im Nebel und wird von einer Leuchte angestrahlt.
Der Raub scheint nebulös: Das Reiterstandbild August des Starken, auch «Goldener Reiter» genannt, steht vor der berühmten Schatzkammer im Nebel und wird von einer Leuchte angestrahlt.
dpa/Robert Michael, Keystone
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Ermittlungsbehörden: Ackermann zeigt auf eine sternartige Abbildung in einem Buch. Das Ausstellungsstück gehört nicht zu den gestohlenen Gegenständen. (26. November 2019)
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Ermittlungsbehörden: Ackermann zeigt auf eine sternartige Abbildung in einem Buch. Das Ausstellungsstück gehört nicht zu den gestohlenen Gegenständen. (26. November 2019)
Keystone
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Die Dresdner Kunstsammlung gilt als eine der reichsten Schatzkammern und eines der ältesten Museen Europas. Am Montag sind Einbrecher in die Schatzkammer Grünes Gewölbe eingedrungen und haben drei Diamantgarnituren aus dem 18. Jahrhundert gestohlen, die als extrem wertvoll gelten.

Nikolaus Barta von Barta & Partner ist internationaler Makler für Kunstversicherungen. Er hat mit Bildern zu tun, die von Kindern bemalt wurden, mit Kunst, über die Hunde gelaufen sind, mit Hotels, deren Safes geknackt wurden, und manchmal auch mit spektakulären Einbrüchen wie dem in Dresden.

Herr Barta, Kunst scheint unter Kriminellen immer begehrter zu werden.

Nikolaus Barta: Das ist auch mein Eindruck. Der Turner-Raub in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, der Rubens und die anderen Renaissance- und Barockgemälde in Verona und zuletzt die Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin. Allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden bis zu 2500 Kunstgegenstände im Jahr gestohlen. Wir schätzen, dass die jährliche Schadenssumme sechs bis acht Milliarden Euro weltweit beträgt. Kunstdiebstahl rangiert heute vor Drogen- und Menschenhandel.

Aber gestohlene Kunst lässt sich doch gar nicht so leicht verkaufen?

In Europa nicht, aber im asiatischen Raum, in Russland, China, Südamerika durchaus. Unsere Polizei hat hier keinen Zugriff und einem Mafiaboss in Nicaragua ist es doch egal, warum ein Picasso an seiner Wand hängt. Und in Dresden wurde offenbar nur Schmuck gestohlen. Diamanten kann man zerkleinern und weiterverarbeiten, da haben es die Kriminellen natürlich noch einfacher. Aber oft geht es den Kunstdieben auch gar nicht um den Verkauf.

Um was geht es dann?

Gestohlene Kunst dient der Organisierten Kriminalität als Sicherheit oder Tauschmittel. Wir sprechen auch von «Art-Napping», in Anlehnung an Kidnapping, also von Erpressung. Die IRA galt beispielsweise als grosser Kunsträuber. Sie hat viele Museen in England ausgeraubt und so Gefangene freigepresst. Solche Fälle dringen allerdings fast nie an die Öffentlichkeit, kein Versicherer will natürlich zugeben, dass er Lösegeld bezahlt, manchmal verbieten das auch die Gesetze.

Nikolaus Barta gründete 1997 das Unternehmen Barta & Partner mit Sitz in Wien. (Foto: B&P)
Nikolaus Barta gründete 1997 das Unternehmen Barta & Partner mit Sitz in Wien. (Foto: B&P)

Wäre es nicht trotzdem einfacher eine Bank zu überfallen?

Überhaupt nicht. Kunst befindet sich oft in Kirchen, die überhaupt nicht geschützt sind. Und auch Museen bezeichnen wir als sogenannte weiche Ziele. So ein Museum will ja offen sein, Besucher anlocken, da kann jeder rein- und rausgehen. Da können Sie schlecht bewaffnete Sicherheitsleute vor die Tür stellen.

In Dresden sollen die Diebe durch ein Fenster eingestiegen sein ...

Das erinnert mich an den Raub der Saliera vor ein paar Jahren in Wien. Das ist ein goldenes Salzgefäss von Cellini. Die Polizei konnte sich nicht vorstellen, wie das passiert ist, aber offenbar war das ganz einfach: Auch hier ist der Täter, ein Alarmanlagenspezialist, durch ein Fenster eingestiegen. Das Kunsthistorische Museum in Wien wurde damals renoviert und war eingerüstet. Der Mann ist also das Gerüst hochgeklettert und hat mit einem einfachen Messer das Sicherheitsrollo aufgehebelt. Die Alarmanlage war ausgeschaltet, weil es vorher so viele Fehlalarme gab. Er hat dann einfach die Saliera, immerhin bis zu 50 Millionen Euro wert, mitgenommen. Später wurde er über sein Prepaidhandy überführt und das Gefäss unter einem Baum gefunden.

«Am Ende des Tages sind die Chancen gut, dass gestohlene Kunst wieder auftaucht.»

Wie häufig taucht gestohlene Kunst wieder auf?

Es gibt ein Art-Lost-Register, das funktioniert relativ gut. Händler, Museen und Auktionshäuser sind verpflichtet, hier rein zu gucken, wenn sie etwas kaufen. Sonst können sie theoretisch als Hehler belangt werden. Da fällt natürlich auf, wenn ein Bild als gestohlen gemeldet wurde. Ich würde sagen: Am Ende des Tages sind die Chancen gut, dass gestohlene Kunst wieder auftaucht. Es dauert nur oft lange, manchmal Jahrzehnte oder sogar mehrere Generationen. Bei Schmuck dürfte das schwieriger sein, wenn er zerschlagen wird. Der ist dann unwiderruflich weg.

Dann zahlt aber hoffentlich die Versicherung?

Viele Bundesmuseen sind nicht versichert, weil der Staat sich selber nicht versichert, sondern Gestohlenes selbst, also durch Steuergelder, ersetzt. Leihgaben sind dann oft unter Staatshaftung.

Gilt das auch für das Grüne Gewölbe in Dresden?

Ich weiss nicht, ob der Schmuck versichert war, ich würde aber nicht die Hand dafür ins Feuer legen.

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