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Kidnapping, Mord, Geldwäscherei – und mittendrin steht ein Schweizer «Wikinger»

Erwin Sperisen, Ex-Polizeichef von Guatemala, soll Menschen aussergerichtlich hingerichtet haben. So die schweren Anschuldigungen einer UNO-Kommission. Sperisen ist Schweizer und lebt heute in Genf.

Hier war er noch Polizeichef von Guatemala: Erwin Sperisen in Guatemala City, 14. März 2006.
Hier war er noch Polizeichef von Guatemala: Erwin Sperisen in Guatemala City, 14. März 2006.
Keystone

Erwin Sperisen sieht sich als Opfer einer Diffamierungskampagne. «Ich bin unschuldig», sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Das Interview fand in den Räumen der Evangelischen Volkspartei in Bern statt. Sperisen ist Mitglied des Vorstandes der Genfer EVP. Er hat auch einen Schweizer Pass hat und lebt heute in Genf.

Nach eigenen Angaben war er von Juli 2004 bis März 2007 Chef der «Policía Nacional Civil» (PNC) in Guatemala und befehligte 19'000 Polizisten. Nach seinem Rücktritt floh er im April 2007 nach Genf.

Der 40-Jährige – in Guatemala wegen seiner roten Haare und seiner Grösse «Wikinger» genannt – erklärte, er habe Guatemala verlassen, nachdem sein Sohn und er mit dem Tod bedroht worden seien.

Zu den Vorwürfen der UNO-Kommission gegen die Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) sagte er: «Ich bin Opfer von politischen Manövern und einer Diffamierungskampagne guatemaltekischer Medien. Die Medien sind von Drogenbanden unterwandert – jene Drogenbanden, die ich bekämpft habe.» Die CICIG sei instrumentalisiert worden.

Er sei bereit sich einem «fairen Prozess» zu stellen, was in Guatemala aber unmöglich sei. Sollte die Schweiz einen Prozess gegen ihn führen wollen «wegen in der Schweiz nicht begangenen Verbrechen, die in Guatemala nicht bewiesen wurden, dann O.K.», sagte Sperisen.

Die Schweiz darf Schweizer Bürger nicht ausliefern, kann jedoch auf Antrag Guatemalas einen Prozess gegen Sperisen führen. Ein Rechtshilfegesuch oder einen internationalen Haftbefehl gebe es jedoch nicht, sagte der Sprecher des Bundesamtes für Justiz, Folco Galli, auf Anfrage.

CICIG: Kopf einer kriminellen Organisation

Anfang August hatte ein guatemaltekischer Richter auf Antrag der CICIG Haftbefehl gegen 19 Mitglieder der Regierung des konservativen Präsidenten Oscar Berger (2004-08) und des Justizapparates erlassen.

Unter den Beschuldigten sind Ex-Innenminister Carlos Vielmann, der ehemalige Chef des Gefängnissystems und Ex- Präsidentschaftskandidat Alejandro Giammattei sowie hochrangige Polizisten. Giamattei und acht weitere Angeschuldigte sind in Haft. Vielman soll in Spanien sein.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: Vielman und Sperisen sollen der Kopf einer kriminellen Organisation gewesen sein, die mehrere Menschen ermordet hat. Die CICIG wirft ihnen auch Kidnapping, Geldwäscherei, Erpressung, Raub und Drogenhandel vor.

Operation «Sperber» und «Pfau»

Der Vorwurf der aussergerichtlichen Hinrichtungen bezieht sich auf zwei Fälle. Bei der Operation «Gavilán» (Sperber) wurden 2005 drei Ausbrecher erschossen.

Beim Plan «Pavo Real» (Pfau) wurden 2006 sieben Insassen eines Gefängnisses getötet. Die CICIG beschuldigt Sperisens Polizei, Armee und Gefängnisleitung, Todesschwadrone entsandt zu haben, die Häftlinge gezielt getötet hätten.

Sperisen sagte der SDA, alle Akteure seien «legal» vorgegangen. Die Männer seien bei Gefechten zur Rückeroberung eines von Drogenbossen kontrollierten Gefängnisses erschossen worden.

Affäre «Parlacen»

Sperisen und Vielmann waren 2007 nach der Affäre «Parlacen» zurückgetreten. Damals wurden drei salvadorianische Abgeordnete auf ihrem Weg zum Zentralamerikanischen Parlament (Parlacen) in Guatemala-Stadt ermordet.

Die Täter waren schnell gefunden: Vier Polizisten wurden verhaftet und in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht. Kurz darauf waren sie tot – bei einem Gefängnisaufstand umgebracht, sagt Sperisen. Menschenrechtsgruppen beschuldigen dagegen seine PNC, ein Todesschwadron habe die Polizisten zum Schweigen gebracht.

«Wir haben den Fall gelöst», betont Sperisen. Nun würden er und andere gejagt, um zu verhindern, dass sie gegen weitere Beteiligte aussagen könnten.

Er sei nicht geflohen, um sich der Justiz zu entziehen. «Warum wurde vier Jahre lang zugewartet mit dem Haftbefehl gegen mich?» Er hoffe, dass er eines Tages «erhobenen Hauptes» nach Guatemala zurückkehren könne, «so Gott will». Inzwischen suche er in der Schweiz einen Job.

sda Daniela Karst und Serge Maillard/bru

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