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«Kannibalismus? Das ist wahnsinnig»

Ein angeblicher Kannibalismus-Fall hat die Südsee-Idylle Nuku Hiva in die Schlagzeilen gebracht. Die Inselbewohner sind empört über das Menschenfresser-Image – das nicht zuletzt ein berühmter Autor prägte.

Ein auf der Südsee-Insel Nuku Hiva vermisster deutscher Weltumsegler ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen. Die Polizei entdeckte eine frische Feuerstelle mit menschlichen Knochenresten, Zähnen und Kleidung des 40-Jährigen. Die Ermittler fahnden nach einem 31-jährigen Jäger wegen des Verdachts auf Mord, Entführung und sexuelle Gewalt. Obwohl die Strafuntersuchung erst am Anfang steht, berichteten manche Medien – insbesondere in Deutschland – über einen Fall von Kannibalismus auf der idyllischen Insel, die zu Französisch-Polynesien im Pazifik gehört.

Der Staatsanwalt des französischen Überseegebiets Polynesien, José Thorel, ist erstaunt über die Kannibalismus-These, wie die lokale Zeitung «Les Nouvelles de Tahiti» berichtet. «Wer hat ihnen das gesagt? Ich sehe nicht, aufgrund welcher Fakten von Kannibalismus gesprochen werden kann», empört sich Thorel. «Kannibalismus? Das ist wahnsinnig. Das ist kein Thema.»

Melville-Roman über die «Liebhaber von Menschenfleisch»

«Es war die Tat eines Einzelnen, aber die gesamte Bevölkerung der Marquesas-Inseln wird dadurch verunglimpft», sagt Benoit Kautai, Bürgermeister der Insel, auf der rund 2700 Menschen leben. Kannibalismus sei nie vorgekommen. Kautai spricht für viele Inselbewohner, die sich nun mit alten Vorurteilen auseinandersetzen müssen.

Die Vorstellung, dass es auf Nuku Hiva Kannibalen gibt, dürfte nicht zuletzt «Moby Dick»-Autor Herman Melville geprägt haben, der im Jahr 1842 die Pazifikinsel besucht hatte, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet. In seinem später erschienenen Roman «Taipi», der auf Nuku Hiva spielt, schrieb der amerikanische Schriftsteller, dass er einen Blick in den Paradiesgarten erhalten habe. Im Roman von Melville geht es um einen amerikanischen Seemann, der auf der Insel Nuku Hiva untertaucht und nach ein paar Monaten flüchtet – aus Angst vor Kannibalen. Die Inselbewohner beschrieb Melville als «tätowierte Kannibalen», und «Taipi» heisst übersetzt «Liebhaber von Menschenfleisch». Dennoch hatte er einen positiven Eindruck von ihnen. «Freundlichere und liebenswürdigere Menschen gibt es im ganzen Pazifik nicht.»

Experte: Kannibalismus liegt ausserhalb jeder Norm

Das positive Bild der Menschen auf Nuku Hiva bestätigt ein Schweizer Tourist, der vor drei Jahren die Insel-Gruppe Marquesas besucht hatte. «Die Menschen sind extrem gastfreundlich und friedlich. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass so etwas Schlimmes dort passiert ist», erzählt Matthias T. im «Blick». «Auf Nuku Hiva ist es friedlich. Extrem friedlich. So wie man sich das Paradies vorstellt!»

«Die Einwohner Polynesiens sind heute zum Grossteil christianisiert und alphabetisiert und damit ein frommes und gebildetes Volk», erklärt Kannibalismus-Experte Gundolf Krüger in der Zeitung «Bild». Kannibalismus liege ausserhalb jeder Norm. Es sei aber gut möglich, dass sich der wahnsinnige Einzeltäter von alten Ritualen habe leiten lassen.

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