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«Ich sah Menschen, die in Tiefkühltruhen Schutz suchten»

Der Schock über die Brandkatastrophe in einer Disco in Brasilien ist gross, nun melden sich Augenzeugen zu Wort. Der Besitzer des Nachtclubs und zwei Bandmitglieder wurden festgenommen.

Die Polizei ermittelt die Ursache für das Unglück: Das Innere des Nachtclubs nach dem Brand. (29. Januar 2013)
Die Polizei ermittelt die Ursache für das Unglück: Das Innere des Nachtclubs nach dem Brand. (29. Januar 2013)
Reuters
Unendliche Trauer: Angehörige versuchen sich gegenseitig zu trösten. (29. Januar 2013)
Unendliche Trauer: Angehörige versuchen sich gegenseitig zu trösten. (29. Januar 2013)
Keystone
Für viele wurde der Club zur Falle: Gäste strömen aus der brennenden Disco. (27. Januar 2013)
Für viele wurde der Club zur Falle: Gäste strömen aus der brennenden Disco. (27. Januar 2013)
AFP
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«Ich sah eine Menge Leute in Panik, es war ein Meer von Menschen.» So beschreibt Ezekiel Royal Court die Brandkatastrophe in der Disco in Santa Maria auf Facebook. Der 23-Jährige bezeugt, wie der Brand entstanden ist: Funken seien zur Decke gestoben und hätten die Schwämme der Schalldämmung in Brand gesetzt. Dann folgten Tumult und Panik. Hunderte von Menschen drängten zum Ausgang. «Der Weg zum Ausgang war versperrt. Ich sah Menschen zum Bad stürmen und Menschen, die in Tiefkühltruhen Schutz suchten.» Royal Court habe Schreie gehört, sei über Ohnmächtige gestiegen und überall sei Rauch gewesen.

«Ich wünschte, ich hätte mehr tun können»

Die eingetroffene Feuerwehr schlug von aussen Löcher in die Wände, um Luft hinein- und Eingeschlossene herauszulassen. Durch ein solches Loch konnte sich Ezekiel Royal Court retten. Ein Feuerwehrmann habe ihn danach gebeten, Menschen ins Freie zu bringen. «Ich ging hinein und sah den ersten Toten.» Geschützt mit feuchten Tüchern habe er versucht, Menschen nach draussen zu bringen. Doch die meisten der Personen, die am Boden lagen, waren bereits tot. «Ich sah so viele Leichen, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wünschte, ich hätte mehr tun können.»

Für viele der jungen Gäste wurde die Disco zur Todesfalle, als sie sich zu retten versuchten. Allein 180 Menschen kamen in den Toiletten um, wohin sie auf der Suche nach einem Fluchtweg gerannt waren. Andere, die überlebten, versuchten noch verzweifelt, ohnmächtige Gäste zu retten. Manchmal verschlimmerten sie dabei jedoch deren Lage, wie ein Augenzeuge berichtete: «Ich werde das Bild nie vergessen – die jungen Leute, die noch während ihrer Flucht stoppten, um andere mit Herzlungenmassage wiederzubeleben», erzählte Max Müller der Nachrichtenagentur AFP. Der 33-jährige Computerspezialist war während des Infernos mit dem Auto zufällig an dem Club vorbeigefahren. «Viele wussten gar nicht, wie das geht – und brachen den Leuten auch noch die Knochen.»

Aufpasser blockierten Ausgänge

Der Schock über die 233 Toten ist gross. Präsidentin Dilma Rousseff hat drei Tage Staatstrauer angeordnet. «Das ist eine Tragödie für uns alle», sagt sie gegenüber der Zeitung «Estadão». Die meisten der Opfer sind jung. Studierende der Universität Santa Maria haben die Party im Kiss organisiert, dementsprechend war die Mehrzahl der Clubbesucher Studentinnen und Studenten.

Gouverneur Genro kündigte eine gross angelegte Untersuchung zu den Hintergründen der Katastrophe an, um zu klären, wer die Verantwortung für die vielen Toten trägt. Berichten von Überlebenden zufolge sollen die Notausgänge versperrt gewesen sein – die Aufpasser sollen die Situation zunächst unterschätzt und alle Ausgänge blockiert haben, um zu verhindern, dass die Gäste, ohne zu zahlen, die Disco verlassen. Vor der Tür dann behinderten Metallstangen für die Warteschlangen die Evakuierung. Geklärt werden muss nun, ob die Diskothek am Sonntag überhaupt eine gültige Lizenz hatte. Die Genehmigung habe vor der Verlängerung gestanden, erklärte die Polizei.

Die Studentin Deborah Mello da Silva berichtet der «Folha de S. Paulo», wie sie im Feuer ihren Freund verlor. Sowohl die 23-Jährige als auch ihr 25-jähriger Freund Emerson Cardozo hatten seit kurzem einen neuen Job. Das wollten sie feiern, zuerst in einer Pizzeria, dann im Nachtclub Kiss. Nach dem Ausbruch des Feuers verlor sich das Paar im Gedränge. Mello da Silva wurde zum Ausgang gedrängt, Emerson Cardozo starb im Rauch. «Das letzte Mal, als ich ihn sah, machte er einen Scherz», erinnert sich Mello da Silva.

Erste Festnahmen

Laut Eduardo Barcellos Nunes (18) war das Kiss einer der besten Nachtclubs in der Stadt. Er selbst war in jener Nacht nicht in der Disco. Gegenüber dem «Correio Braziliense» bestätigt er, dass das Abbrennen von Leuchtfackeln bei Konzerten an der Tagesordnung war. Die Frage nach den mangelnden Sicherheitsvorkehrungen beschäftigt die Öffentlichkeit: Warum blieb die Türe zu? Warum liessen die Sicherheitsleute niemanden nach draussen? Warum funktionierte der Feuerlöscher nicht? «Mehr als 230 Tote: Wer wird dafür bezahlen?», titelt die Zeitung «Meia Hora».

Kiko Spohr, Besitzer der Disco, wurde bereits von der brasilianischen Polizei verhört. Inzwischen hat die Polizei mehrere Menschen vorläufig festgenommen. Dabei handelt es sich unter anderem um einen der Besitzer der Disco, wie brasilianische Medien übereinstimmend berichteten. Auch zwei Mitglieder der Band Gurizada Fandangueira wurde den Angaben zufolge festgenommen. Die Musikgruppe hatte während ihres Auftritts in der Nacht zum Sonntag eine pyrotechnische Show-Einlage präsentiert, die vermutlich das Feuer im Nachtclub in Santa Maria ausgelöst hatte.

«Feuer im Kiss: Not»

Sandro Cardoso, der bei der Brandkatastrophe zwei Töchter verloren hat, klagt Clubbesitzer Spohr auf Facebook an: «Sie töteten meine beiden Töchter. Sie haben keine Ahnung von meinem Schmerz.» Eine seiner Töchter, Michele Cardoso, startete noch einen Appell auf Facebook, als das Feuer ausbrach: «Feuer im Kiss: Not», schrieb die junge Frau. Darauf fragten sie mehrere Freunde, ob sie okay sei, aber Michele postete kein weiteres Update auf dem sozialen Netzwerk.

(Mit Material der Nachrichtenagenturen AFP und SDA)

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