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Wie brutal der Weinstein-Prozess für die Opfer ist

Eine Schauspielerin schildert im Zeugenstand, wie der Filmmogul ihr Schoko-Penisse schickte – und sie dann vergewaltigt haben soll.

Annabella Sciorra sagt als erste Zeugin gegen Weinstein aus. Foto: Keystone/AP Photo/Richard Drew
Annabella Sciorra sagt als erste Zeugin gegen Weinstein aus. Foto: Keystone/AP Photo/Richard Drew

Annabella Sciorra hat gerade vor Gericht geschildert, wie sie Harvey Weinstein kennenlernte, Anfang der Neunzigerjahre, auf einer Branchenparty in Los Angeles, als Staatsanwältin Joan Illuzzi ihr zwei Fotos zeigt. Das eine zeigt die Schauspielerin selbst zu jener Zeit, brünette, gewellte Haare, kunstvoll von der Kamera abgewandtes Lächeln, Zigarette in der Hand. Es ist ein Porträt, wie es Schauspieler für ihr Portfolio nutzen.

Das andere Foto ist eine alte Paparazzi-Aufnahme von Weinstein, in Anzug und Krawatte, ein grosser, leicht übergewichtiger Mann mittleren Alters. Ob jener Mann auf dem Foto heute im Saal sei, fragt Illuzzi. Da steht Sciorra auf und zeigt auf Harvey Weinstein. Ihr Arm ist durchgedrückt, ihr Zeigefinger direkt auf den Angeklagten gerichtet.

Es ist ein Moment mit grosser Symbolik und vielleicht ist das auch Sciorra bewusst. Die Sopranos-Schauspielerin ist die erste Frau, die gegen jenen Mann aussagt, dem mehr als 80 Frauen sexuelles Fehlverhalten vorwerfen. Auf der Strafkammer des New York State Supreme Courts lastet die Verantwortung einer ganzen Bewegung – denn hier handelt es sich nicht nur um den ersten grossen Gerichtsprozess in der «MeToo»-Ära, auch viele jener Frauen, deren Vorwürfe gegen Weinstein mittlerweile verjährt sind, erhoffen sich ein Stück Gerechtigkeit.

Ein Raubtier auf Jagd

Zu ihnen zählt auch Sciorra, mittlerweile 59. Die Haare sind immer noch dunkel und gelockt, vor Gericht trägt sie ein dunkelblaues Kleid und eine goldene Kette mit Anhänger. Sie ist keines der Opfer, die die Anklage aufführt, sondern als Zeugin geladen. Sciorras Aussage soll der Staatsanwaltschaft helfen zu beweisen, dass Weinstein über Jahrzehnte ein bestimmtes Verhaltensmuster in Bezug auf Frauen zeigte: das eines Raubtieres auf der Jagd.

Annabella Sciorra erlebt die unangenehme Seite des jovialen Filmmoguls nach eigener Aussage erstmals, als sie einem befreundeten Drehbuchautor einen Gefallen tut und Weinstein dessen Skript zukommen lässt.

Auf eine Rolle in dem Film habe sie nicht spekuliert, sagt Sciorra, die sich damals gerade einen Namen in Hollywood gemacht hatte. Doch nachdem Weinstein sie bei einem Vorsprechen in der Rolle der Hauptfigur gehört hat, macht er ihre Teilnahme zur Bedingung für seine Beteiligung an dem Projekt. (Eine gewisse Sarah Jessica Parker, später Hauptdarstellerin in der Serie «Sex and the City», die den Part eigentlich übernehmen sollte, hatte den Termin nicht wahrnehmen können).

Als Sciorra Weinstein kurz vor Drehbeginn mitteilt, dass sie sich zu erschöpft fühle für die Rolle, droht ihr der Studioboss mit einer Klage. Nur, um ihr kurz darauf «Care-Pakete» zu schicken. Eines enthält Filme, Popcorn und eine Packung Valium, ein anderes eine Schachtel mit Schoko-Penissen. «Ich fand es widerlich», sagt Sciorra im Zeugenstand.

Weinsteins Anwaltteam setzt auf victim blaming

Als Staatsanwältin Illuzzi sie zu jenem Abend in den Monaten vor dem Jahreswechsel 1993/1994 befragt, an dem das Verhalten des Produzenten gewaltsam eskaliert sein soll, bricht Sciorra mehrmals die Stimme weg. Nach einem Abendessen mit anderen Leuten, so erzählt die Schauspielerin, habe Weinstein sie nach Hause gefahren und sich zunächst verabschiedet. Sciorra sei ins Haus gegangen und gerade dabei gewesen, sich bettfertig zu machen, als es geklopft habe. Vor der Tür habe Weinstein gestanden. Minutenlang schildert Sciorra im Zeugenstand, wie sie dann von ihm vergewaltigt worden sei. Als sie zu wenige Details anbietet, bittet Illuzzi ihre Zeugin, das Geschehen für die Juroren deutlicher zu beschreiben. «Er hat seinen Penis in meine Vagina gesteckt», sagt Sciorra.

Bereits am Vortag hatte die Staatsanwaltschaft in teilweise schwer erträglicher Genauigkeit die mutmasslichen Übergriffe auf insgesamt sechs Frauen referiert. Sciorras Aussage verdeutlicht erneut, wie brutal der Prozess der Strafverfolgung für Opfer sexueller Gewalt ist, gerade im US-Justizsystem. Und Donna Rotunno, die Weinsteins inzwischen drittes Anwälteteam anführt, gilt als Spezialistin nicht nur für die Verteidigung von Sexualstraftätern – sie ist auch bekannt dafür, mutmasslichen Opfern im Zeugenstand hart zuzusetzen.

«Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!»

Damon Cheronis, Anwalt

Ihr Kanzleipartner Damon Cheronis hatte am Vortag durchblicken lassen, dass die Verteidigung nicht zögern wird, victim blaming als taktisches Mittel einzusetzen. Die Staatsanwaltschaft, so Cheronis, werde vermeintliche Experten aufrufen, die Erinnerungslücken und Inkonsistenzen in den Schilderungen der Opfer erklären sollten. Aber, so appellierte er in Richtung der Jury: «Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!»

In die gleiche Kerbe schlägt am Donnerstag im Kreuzverhör auch Rotunno, als sie Sciorra zu ihren Schilderungen des mutmasslichen Tatabends befragt. Warum sie nicht einfach in den Flur geflüchtet sei, fragt Weinsteins Anwältin, oder versucht habe, den Pförtner oder die Polizei anzurufen. Sciorra, die von der bekannten Anwältin und Frauenrechtlerin Gloria Allred betreut wird, stellt sich dem Fragenfeuerwerk Rotunnos unbeeindruckt, manchmal wirkt sie fast trotzig.

Der offensichtlichste Versuch, die Belastungszeugin als notorische Lügnerin darzustellen, kommt dann kurz nach der Mittagspause. Rotunno lässt einen Ausschnitt aus der Late Show with David Letterman abspielen, mehr als 20 Jahre eine populäre Spätabend-Unterhaltungsshow im US-Fernsehen.

Schuld beim Opfer suchen

In der betreffenden Sequenz aus dem Jahr 1997 ist Annabella Sciorra zu Gast. Als Schauspielerin auf Promo-Tour müsse sie sicher oft die gleichen Fragen beantworten, sagt der Letterman: Ob Sie sich da manchmal Antworten ausdenke? «Ich bin in letzter Zeit öfter beim Lügen erwischt worden», antwortet eine lachende Sciorra. Wenn sie sich unwohl gefühlt habe, eine sehr persönliche Frage zu beantworten, habe sie mitunter abstruse Dinge erfunden – wie einen Vater, der im Zirkus Leguane züchte. Wie er da wissen solle, ob sie jetzt lüge, fragt Letterman. «Das können Sie nicht», antwortet eine lachende Sciorra im Mitschnitt.

Genervt schreitet die Staatsanwältin ein: Ob es ihr einfallen würde, in einem so ernsten Kontext wie diesem Verfahren zu lügen, fragt Joan Illuzzi die Schauspielerin vor Gericht. Sciorra verneint.

Nur einmal scheint sie an diesem Tag aus der Fassung zu geraten, da kommt die Verteidigerin zum wiederholten Male auf den Tatabend zu sprechen. «Sie haben vorhin gesagt, dass Sie danach das Gefühl hatten, etwas falsch gemacht zu haben», sagt Rotunno. «Wie haben Sie das gemeint?» Sie verstehe die Frage nicht, sagt Sciorra schliesslich – vielleicht die beste Antwort auf eine Frage, die die Schuld beim mutmasslichen Opfer sucht.

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