Hotel Dolder im Visier der Fahnder

Im Hotel Dolder soll Kunst hängen, die nicht ordentlich in die Schweiz eingeführt worden ist. Der Fall wirft ein Licht auf die Methoden, wie Superreiche ihr Kapital anlegen – und den Staat umgehen.

Beherbergt Kunst aus der Sammlung des Hotelbesitzers Urs E. Schwarzenbach: Hotel Dolder Grand

Beherbergt Kunst aus der Sammlung des Hotelbesitzers Urs E. Schwarzenbach: Hotel Dolder Grand

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

Simone Schmid@MadameSchmid

Es war im Frühling 2011, als das Hotel Dolder Grand zu einem inoffiziellen Museum wurde: Joan Miró, Andy Warhol, Salvador Dalí, Damien Hirst – über 100 Werke namhafter Künstler liess Hotelbesitzer Urs E. Schwarzenbach aus einem Lager, in dem die Bilder eingestellt waren, in sein Luxushotel trans­ferieren. Es sprach sich schnell herum, welche hochkarätigen Bilder dort hängen. Und offenbar wurden damals nicht nur Journalisten und Hotelbesucher auf die wertvolle Sammlung aufmerksam, sondern auch Zollfahnder.

Wie die «Sonntags­Zeitung» gestern berichtete, gab es am 16. April 2013 im Hotel eine Razzia der Eidgenössischen Zollverwaltung. Zur selben Zeit durchsuchten die Fahnder auch die Galerie Gmurzynska am Paradeplatz. Der Verdacht: Verschiedene der gezeigten Bilder seien in die Schweiz importiert worden, ohne die Einfuhrsteuer zu entrichten. Gegen 6 Millionen Franken Mehrwertsteuer seien dadurch dem Staat entgangen.

«Wir bestätigen, dass ein Zollverfahren im Zusammenhang mit dem Import von Kunstgegenständen geführt wird. Dabei geht es um die Kunstwerke, die im Hotel Dolder Grand ausgestellt sind», heisst es bei der Medienstelle von Urs E. Schwarzenbach. Was das Zollverfahren anbelangt, sei Schwarzenbach überzeugt, stets korrekt gehandelt zu haben. «Wir arbeiten eng mit den Ermittlern des Zollkreises Zürich-Schaffhausen zusammen, um den Verdacht, wonach die Importsteuer nicht richtig deklariert worden sei, auszuräumen.»

Milliardär und Kunstfreund

Es ist eine illustre Person, die da in die Schlagzeilen geraten ist. Urs E. Schwarzenbach ist schwerreich, sein Vermögen wird von der «Bilanz» auf 1 bis 1,5 Milliarden Franken geschätzt. Laut eigenen Angaben ist der Buchdruckersohn mit Devisen­spekulationen reich geworden. Er besitzt unter anderem Liegenschaften in Zürich und in St. Moritz, riesige Ländereien in Grossbritannien und eine eigene Polomannschaft. Seit mehr als vierzig Jahren sammelt er Kunst.

Laut Gerichtsakten, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, hat Schwarzenbach die Bilder in einem offenen Zolllager aufbewahrt. Das ist so etwas wie ein privates Zollfreilager, das sich überall in der Schweiz befinden kann. Die meisten dieser offenen Zoll­lager werden von Speditionsfirmen betrieben.

So dürfen sie importierte Waren in ihren eigenen Räumen aufbewahren, ohne sie zu verzollen. Das ist möglich bis zum Zeitpunkt, an dem sie wieder exportiert oder tatsächlich in der Schweiz gebraucht werden. Dann ist der Besitzer der Ware verpflichtet, die Mehrwertsteuer zu bezahlen. Das System beruht nicht zuletzt auf dem Vertrauen der Behörden in die Spediteure.

Immer mehr schwerreiche Familien benutzen das Konstrukt der Zollfreilager oder offenen Zolllager, um darin einen Teil ihres Vermögens aufzubewahren. «Im Ausland gekaufte Wertgüter und andere Waren kann man so lange in einem Zollfreilager aufbewahren, wie man will; das ist wie ein Bankschliessfach», sagt Marco Gredic, der Präsident des Zollfreilager-Verbandes. Statt auf einem Bankkonto wird das Vermögen also in Gold, Diamanten, Oldtimern oder Kunst angelegt und im Niemandsland der Zollfreilager gehortet. Im Zollfreilager Genf machte Kunst Ende 2011 41 Prozent aller gelagerten Waren aus.

Kunst im Wert von 75 Millionen

Um von der Steuerbefreiung zu profitieren, müssen die Waren aber immer an Ort und Stelle bleiben, in einem speziell markierten Bereich. Im Fall der Dolder-Bilder war das gemäss eidgenössischer Zollverwaltung nicht der Fall. Mehrere Kunstgegenstände, die auf der Lagerliste standen und als Teil von Schwarzenbachs Privatsammlung deklariert gewesen seien, seien plötzlich laut einer Internetpublikation im Hotel aufgetaucht. Um die Mehrwertsteuer zu umgehen, seien Bilder im Wert von 75 Millionen Schweizer Franken von einer Galerie aus dem offenen Zolllager in die Schweiz importiert worden – statt von ihrem Besitzer. Dadurch seien die Kunstwerke in einem sogenannten Verlagerungsverfahren eingeführt worden, womit man die Einfuhrsteuer umgangen habe.

Gemäss «SonntagsZeitung» handelt es sich um die Galerie Gmurzynska, die am Paradeplatz, in Zug und in St. Moritz ihre Filialen hat. Laut den Gerichtsakten wird die Galerie zusätzlich verdächtigt, den Import durch eine Scheinfirma abgewickelt zu haben. Diese habe falsche Rechnungen ausgestellt. Weder die Galerie noch deren Anwälte waren am Sonntag für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch die Eidgenössische Zollverwaltung gab keine Auskunft dazu. Man könne die Angaben im Artikel der «SonntagsZeitung» weder bestätigen noch dementieren. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Publik geworden ist die Straf­unter­suchung durch ein Gerichtsverfahren. Sowohl das Hotel Dolder als auch die Galerie wehrten sich vor Gericht dagegen, dass die Fahnder Daten auswerten, die während der Hausuntersuchungen herunter­geladen worden waren. Die Beschwerde wurde vom Bundes­strafgericht jedoch abgewiesen – in einem Fall ganz, und in einem zweiten Fall teilweise.

Vorgehen gegen Schmuggler

Die Schweiz ist die drittgrösste Importeurin von Kunstwerken weltweit, im letzten Jahr sind Kunstwerke für rund 1,3 Milliarden Franken importiert worden. Offenbar versuchen immer mehr Käufer, die Ware ins Land zu schmuggeln, ohne die 8 Prozent Mehrwertsteuer zu bezahlen. «Die strafbare Umgehung der Mehrwertsteuer hat im Bereich Kunst in den letzten Jahren stark zugenommen», sagte Oliver Brand, Chef Strafsachen der Eidgenössischen Zollverwaltung, zur «SonntagsZeitung». Im letzten Jahr hätten die Fahnder der Zollverwaltung 175 Ermittlungsverfahren gegen Händler und Kunstsammler durchgeführt.

Tages-Anzeiger

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