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Freispruch von Vergewaltiger sorgt für erhitzte Gemüter

Ein deutsches Gericht hat einen Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Das Opfer habe sich nicht deutlich genug gewehrt. Juristisch ist das Urteil korrekt, die Empörung darüber aber gross.

Sorgte mit dem Urteil für Gesprächsstoff: Statue von Justitia beim Landgericht Essen.
Sorgte mit dem Urteil für Gesprächsstoff: Statue von Justitia beim Landgericht Essen.
Keystone

«Im Zweifel musst du kratzen», dies sei der einzige Rat, den er einer Frau noch geben könne. Im Kommentar des Anwalts Dirk Brockpähler dürfte der Ton von Konsternation mitgeschwungen haben. Kurz zuvor war seine 18-jährige Mandantin am Landgericht Essen mit einer Klage gegen einen 31-Jährigen abgeblitzt, welcher sie 2009 zum Sex gezwungen haben soll.

Die zuständige Richterin hatte Roy Z. vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Ihre Begründung: Das Mädchen habe sich nicht genug gewehrt. «Wenn man etwas nicht will, muss man das deutlicher machen», zitierte die «Hartener Allgemeine» das Gericht nach der Urteilsverkündung Anfang Woche. «Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte.» Die Reaktionen auf den Bericht im Lokalblatt waren heftig.

«Ich kotze»

In den Kommentaren zum Artikel taten sich die Leser der «Hartener Allgemeinen» schwer, das Urteil von Essen nachvollziehen zu können. Während die einen von der «Verhöhnung des Opfers» sprachen, waren andere der Meinung, dass die Richterin gleich mit dem Angeklagten und dessen Anwalt eingesperrt gehört. Die Reaktionen im sozialen Netzwerk Twitter kurz darauf waren noch heftiger. Nutzerin Faserpiratin schrieb: «Mir ist schlecht», Anne Wizorek kommentierte: «Die Justiz hilft Betroffenen sexueller Gewalt nicht.» Und dutzendweise waren Aussagen à la «Ich kotze» zu lesen.

Doch was hatte sich im Fall von Marl überhaupt zugetragen? Wie es in der Bekanntmachung des Landgerichts Essen heisst, hielt sich das Opfer am fraglichen Abend 2009 mit Roy Z. in dessen Wohnung auf. Nebst der damals 15-Jährigen und dem offenbar betrunkenen und bekifften Mann befanden sich noch dessen Lebenspartnerin und eine weitere Frau im Raum. Laut Anklage schickte Roy Z. diese beiden Frau am späteren Abend plötzlich in den Keller. Sie sollen sich der Aufforderung nicht widersetzt haben. In der Bekanntmachung heisst es dazu: «Beide wussten, dass der Angeklagte immer dann, wenn man seinen Aufforderungen nicht nachkam, sehr aggressiv reagierte.»

«Das Mädchen hätte weglaufen können»

Danach soll es zur Vergewaltigung gekommen sein. Nach eigenen Angaben soll die 15-Jährige nur einmal «Nein, ich will nicht» gesagt haben. Anschliessend liess sie nach eigenen Angaben die Vergewaltigung über sich ergehen. Dem Gericht reichte das Verhalten der Schülerin nicht, um Roy Z. zu verurteilen: «Das Mädchen war nicht in einer schutzlosen Lage. Es hätte weglaufen oder Hilfe rufen können.»

Gegenüber «Spiegel online» kommentiert die Strafrechtsexpertin Tatjana Hörnle das Urteil und die weitreichende Empörung darüber: «Nach der höchstrichterlichen Rechtssprechung war das Urteil nachvollziehbar begründet.» Immerhin seien die im Strafgesetzbuch aufgeführten objektiven Anzeichen einer Vergewaltigung, wie etwa Androhung von Gewalt, nicht gegeben gewesen. Dennoch könne sie das Unverständnis der Öffentlichkeit verstehen: «Die Entscheidung des Landesgerichts war unter den gegebenen Umständen richtig. Man muss sich allerdings fragen, ob das Gesetz, das dem Urteil zugrunde liegt, es auch ist.»

Der Freigesprochene sitzt derweil eine dreieinhalbjährige Haftstrafe wegen Körperverletzung ab. Am gleichen Abend, an dem es zum Geschlechtsverkehr mit der Schülerin kam, hatte er eine der anderen anwesenden Frauen schwer misshandelt.

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