Zahl der Todesopfer in Puerto Rico drastisch höher als US-Angaben

Nach Hurrikan «Maria» sprachen US-Behörden von 64 Todesopfern. Die tatsächliche Zahl dürfte siebzig Mal höher liegen.

September 2017: Drohnenaufnahmen zeigen die Zerstörung in Puerto Rico. (Video: Tamedia/AP)

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Die Zahl der infolge des Hurrikans «Maria» in Puerto Rico im vergangenen Jahr ums Leben gekommenen Menschen soll laut einer unabhängigen Untersuchung um ein Vielfaches höher liegen als bislang offiziell bekanntgegeben.

Eine am Dienstag in dem US-Wissenschaftsmagazin «New England Journal of Medicine» veröffentlichte Studie schätzt die Zahl der Todesopfer auf 4645. Die bislang von den US-Behörden veröffentlichte Bilanz geht dagegen von lediglich 64 Todesopfern aus.

Die enorme Diskrepanz der Zahlen resultiert unter anderem aus der aufwändigen Untersuchungsmethode, die von den Forschern der Harvard-Universität angewendet worden war. Die Forscherteams reisten dem Bericht zufolge im Januar und Februar durch das US-Territorium und besuchten 3299 Haushalte, um nach dem Folgen des Sturms zu fragen.

Kollaps der Gesundheitsversorgung

Dabei dokumentierten sie nach eigenen Angaben unter anderem die verheerenden Folgen des weitgehenden Kollapses der Gesundheitsversorgung nach dem Wirbelsturm, der die Karibikinsel im September heimgesucht hatte. Rund ein Drittel der von den Befragten genannten Todesfälle seien «durch den verspäteten oder verhinderten Zugang zu medizinischer Untersuchung» verursacht worden, heisst es in dem Bericht.

Vor allem Stromausfälle sowie die Unterbrechung von Strassenverbindungen hatten die Gesundheitsversorgung in Puerto Rico in den Monaten nach dem Sturm massiv beeinträchtigt. Bis heute gibt es auf der Insel grosse Probleme mit der Stromversorgung. Die von den Forschern genannte Opferzahl bezieht sich auf den Zeitraum zwischen dem 20. September, als der Sturm auf die Insel geprallt war, und dem 31. Dezember.

Als Massstab dafür, welche Todesfälle dem Hurrikan zugerechnet wurden, wendeten sie nach eigenen Angaben die Kriterien der US-Gesundheitsbehörde CDC an. Demnach werden neben umstürzenden Bäumen und herumfliegenden Trümmern auch durch einen Sturm verursachte prekäre Lebensbedingungen einbezogen, um die Opferzahl zu kalkulieren.

«Vorsichtige» Schätzung

Die jetzige Untersuchung weicht in der Opferzahl nicht nur drastisch von der bisherigen offiziellen Bilanz ab. Sie schätzt die Zahl der Toten auch deutlich höher als vorherige unabhängige Untersuchungen. Diese gingen von rund tausend Todesopfern aus. Die Harvard-Forscher betonten jedoch, sie seien bei ihrer Kalkulation vorsichtig vorgegangen. So hätten sie Menschen, die von ihren Familienmitgliedern als «vermisst» angegeben worden seien, nicht in die Totenbilanz aufgenommen. Tatsächlich könne die Zahl der Todesopfer bei mehr als 5700 liegen, teilten die Wissenschaftler mit.

Als Ergebnisse ihrer Umfrage hielten sie unter anderem auch fest, dass die Haushalte in Puerto Rico nach «Maria» im Schnitt 84 Tage ohne Strom, 64 Tage ohne Wasser und 41 Tage ohne Mobilfunkverbindung gewesen seien.

«Ihr könnt sehr stolz sein»

US-Präsident Donald Trump hatte sich für seinen Umgang mit der Katastrophe in Puerto Rico viel Kritik eingehandelt. Bei einem Besuch der Insel im September bezeichnete er die Zahl der Todesopfer als vergleichsweise minimal. Der Hurrikan «Katrina» im Jahr 2005 im Süden der USA sei dagegen eine wirkliche «Katastrophe» gewesen, sagte er damals. Die Zahl der Toten durch «Katrina» wird auf 1833 geschätzt. (nag/sda)

Erstellt: 29.05.2018, 18:46 Uhr

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