Ein gefährlicher Mix beherrscht die Alpen

Zwei Menschen sind durch Lawinen ums Leben gekommen. Die Gefahr bleibt in weiten Teilen der Alpen erheblich. Ursache sind Wind und Neuschnee.

Die Lawinengefahr ist am Alpennordhang erheblich. Zwei Menschen starben am Donnerstag in Lawinen, am Totalphorn (Bild) konnte ein 37-Jähriger gerettet werden. (Foto: Kantonspolizei Graubünden)

Die Lawinengefahr ist am Alpennordhang erheblich. Zwei Menschen starben am Donnerstag in Lawinen, am Totalphorn (Bild) konnte ein 37-Jähriger gerettet werden. (Foto: Kantonspolizei Graubünden)

Die Lawinengefahr ist am Alpennordhang erheblich. In den letzten zwei Tagen gab es vom östlichen Berner Oberland bis Liechtenstein und im Bündnerland bis zu 50 Zentimeter Neuschnee. In der Höhe kam starker bis stürmischer Wind dazu. Während meistens vor allem Nordhänge anfällig für Lawinen sind, ist die Gefahr derzeit an allen Hanglagen erhöht.

Der Grund dafür ist beim Wind zu suchen, wie Thomas Stucki vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF sagt. Durch den Nordwind seien instabile Schneeansammlungen auch an den übrigen Hängen entstanden.

Dünnere Schneeschichten sind gefährlicher

«Betroffen sind im Moment Hänge mit Triebschnee, die steiler als dreissig Grad sind», sagt Stucki. Die Schneehöhe spiele bei der Lawinengefahr nur eine geringe Rolle. Dünnere Schneeschichten sind laut Stucki sogar instabiler als dicke. Je dünner die Schicht, desto loser seien die Schneebretter. Grössere Schneemassen stabilisierten dagegen mit ihrem Eigengewicht die Schichten. Zudem isolierten sie darunterliegende Massen.

Stucki vergleicht das Entstehen von Lawinen mit einem Kartenhaus: «Es braucht für die Bildung einer Schneebrettlawine eine Schwachschicht. Wenn diese unter der Last der darüberliegenden Schneeschichten bricht, ähnlich einem Kartenhaus, welches zusammenfällt, dann geht die Lawine ab.»

Verbreitet erhebliche Lawinengefahr
Die Lawinengefahr gemäss WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung von Freitag 17 Uhr. (grün=gering, gelb=mässig, orange=erheblich).

Am Wochenende fällt laut dem SLF im Norden und in Graubünden verbreitet Schnee. In der Höhe bläst starker bis stürmischer Wind aus dem Norden. Die Lawinengefahr könnte am Sonntag noch einmal ansteigen.

Die Tageszeit hat momentan keinen Einfluss auf die Lawinengefahr. Erst im Frühling sorgt die Sonneneinstrahlung und Erwärmung laut Stucki dafür, dass die Gefahr am Morgen tief, am Nachmittag jedoch deutlich erhöht sein kann.

Vermeiden oder flüchten

Skitouren abseits der Pisten sind auch jetzt möglich, sofern die Skitourenfahrer oder Freerider gut ausgebildet, erfahren und richtig ausgerüstet sind, sagt Stucki. «Wichtig ist eine fundierte Ausbildung und Erfahrung in der Beurteilung der Lawinengefahr.» Zur Notfallausrüstung gehöre ein Lawinenverschüttetensuchgerät, eine Sondierstange und eine Schaufel.

Am besten lasse man es nicht so weit kommen, dass man ein Schneebrettlawine auslöst. Passiert es aber dennoch, solle man versuchen, nach vorn oder zur Seite zu flüchten oder wenn dies nicht möglich ist, die Skistöcke und am besten auch die Ski loszuwerden. Wer in die Schneemassen gerät, solle versuchen, sich mit Schwimmbewegungen und Strampeln an der Oberfläche zu halten.

Vor dem Stillstand der Lawine solle man mit den Armen einen Hohlraum vor dem Gesicht zum Atmen schaffen, denn wenn die Lawine einmal steht, kann man sich nicht mehr bewegen, weiss Stucki.

«In der Lawine ist man einbetoniert»

Die meisten Opfer, die in Lawinen ums Leben kommen, ersticken durch Sauerstoffmangel oder sterben durch Verletzungen, die etwa beim Aufprall auf Steine oder Bäume, oder durch die Gewalt der Lawine auftreten.

«Viele unterschätzen das Gewicht des Schnees und die Kräfte einer Lawine», sagt Stucki. «Ein Kubikmeter trockener Lawinenschnee wiegt etwa 300 bis 400 kg.»»

«Wer einmal von einer Lawine eingeschlossen ist, ist einbetoniert», sagt der Lawinenexperte. Werde ein Opfer innerhalb von 15 Minuten gefunden, ist die Überlebenschance hoch. Danach falle sie massiv ab.

Allerdings hat die Kälte auch eine positive Eigenschaft: Kühlt sich der Körper ab, wird der Kreislauf schwächer. Dadurch verbraucht er weniger Energie und Sauerstoff.

Bereits zwei Todesfälle

Vergangenen Donnerstag waren in den Schweizer Alpen fünf Personen bei vier Lawinenabgängen verschüttet worden. Zwei Personen kamen dabei ums Leben, zwei weitere wurden verletzt.

Ein 56-jähriger Skitourenfahrer, der in Flumserberg in eine Lawine geraten war, verstarb nach seiner Bergung im Spital. Ein 31-jähriger Splitboardfahrer war gleichentags beim Flüela-Wisshorn in Davos von einer Lawine mitgerissen worden. Am Freitagmorgen erlag er im Spital in Chur seinen Verletzungen.

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