Dure bi Rot

Amsterdam baut Ampeln ab, weil das den Verkehr flüssiger macht. Warum das in Zürich nicht geht.

Rotlichter? Um solche müssen sich Velofahrer in Amsterdam immer weniger kümmern. Foto: iStock

Rotlichter? Um solche müssen sich Velofahrer in Amsterdam immer weniger kümmern. Foto: iStock

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Lichtsignale sind die Drilloffiziere des Strassenverkehrs. Sie verlangen Unterwerfung, unbedingten Gehorsam. Wir folgen ihnen jeden Tag. Sonst gäbe es Tote – glauben wir zumindest.

Denn es geht auch ohne Rot-Grün-Disziplin, etwa in Amsterdam. Auf dem relativ zentral gelegenen Alexanderplein hat die Stadt an einem Montagmorgen im Mai 2016 alle Ampeln abgestellt. Das Experiment endete derart erfolgreich, dass Amsterdam nun auch auf anderen Plätzen die Rotsignale entfernt.

Den Versuch angeregt hat ein Phänomen, das man sich in Zürich kaum vorstellen kann: Velostaus. In Amsterdams Innenstadt finden – dank jahrzehntelanger Veloförderung – fast 70 Prozent aller Fahrten auf dem Velo statt. Über den Alexanderplein pedalen zu Spitzenzeiten morgens und abends bis zu 6000 Velofahrer pro Stunde (ein für Zürich unvorstellbar hoher Wert). Dazu kommen Autos, drei Tramlinien, Fussgänger. Tag für Tag stauten sich vor den Rotsignalen die Velofahrer, teilweise über 100.

Experten suchten daher nach einem Weg, um den Verkehr zu verflüssigen. Ihr Vorschlag: alle Rotsignale weg! Dabei beriefen sie sich auf den holländischen Verkehrsplaner Hans Monderman. Dieser hatte behauptet, dass der Verkehr umso besser laufe, je weniger Schilder, Markierungen oder Ampeln diesen steuerten. In solchen geteilten Räumen würden die Verkehrsteilnehmer von sich aus Rücksicht aufeinander nehmen.

Das Vorhaben löste die erwartbare Kontroverse aus. Gegner befürchteten Chaos, Unfälle, den Kollaps. Doch die Abschalter setzten sich durch. Und die Wirklichkeit gab ihnen Recht.

Man nimmt einander wieder wahr

In einer Umfrage, welche die Stadt nach der Rotlichtabschaffung durchführte, fanden 60 Prozent der Velofahrer, dass die Kreuzung nun besser funktioniere. Nur 20 Prozent wünschten sich die Ampeln zurück. Auch sonst stellten sich die Befürchtungen als falsch heraus. Es kam weder zu mehr Unfällen noch verspäteten sich die Trams. Vor allem aber halbierte die Rotlicht-freie Kreuzung die Wartezeit der Velofahrer.

«Die Leute brauchten Wochen, um mobil mündig zu werden.»

Schwer fiel vielen die Umstellung. Vor Ampeln erstarren Menschen zu Befehlsempfängern: den Blick nach vorn gerichtet, angespannte Körperhaltung, darauf wartend, dass sie endlich losfahren dürfen.

Der ampelfreie Alexanderplein warf die Verkehrsteilnehmer auf ihre eigenen Fähigkeiten zurück. Die Wiedererlangung der mobilen Mündigkeit brauchte Zeit. Manche hätten sich am Anfang gestresst gefühlt, heisst es in einer neuen Auswertung des holländischen Urban Cycling Institutes. Nach ein paar Wochen hätten sich die Leute ein wacheres Verhalten angewöhnt. Auto-, Velofahrer und Fussgänger hätten begonnen, die anderen zu bemerken und auf sie zu reagieren. Es werde gestikuliert, gelacht, geflucht.

So lockert die Abschaffung der Ampeln nicht nur den Verkehr. Sie verwandelt anonyme Kreuzungen zu Orten, wo sich die Leute kurz in die Augen blicken.

In Zürich geht es nicht so antiautoritär

Das klingt toll. Doch dieses Rezept lässt sich nicht einfach auf andere Städte übertragen. Es funktioniert nur dort, wo sich zahlreiche Menschen per Velo fortbewegen und die Autos höchstens 30 km/h fahren.

Bereits 50 km/h sind zu schnell, um einen Vortritt mit Handzeichen oder einem Nicken auszuhandeln. Es knallt, bevor man sich einig wird. Die ersten Ampeln in den 1920er-Jahren sicherten den Autos den Strassenraum, der bis anhin allen gehört hatte. Gleichzeitig schützten sie Fussgänger (und auch Autofahrer) vor lebensgefährlichen Zusammenstössen.

In Zürich hat sich an dieser Hierarchie kaum etwas geändert. An grossen Kreuzungen wie dem Bellevue herrscht das Vorrecht des Tempos, Autos brausen mit über 50 km/h am Trottoir vorbei. Ohne Ampeln müssten Fussgänger und Velofahrer um ihre Gesundheit fürchten.

Von einem antiautoritären Verkehrsregime à la Amsterdam können Zürcherinnen und Zürcher vorerst nur träumen. Vor allem die Bewohner des Umlands wollen nicht darauf verzichten, mit dem Auto möglichst schnell in die Stadt zu rollen. Das haben sie mit dem deutlichen Ja zur Anti-Stau-Initiative vor knapp drei Wochen noch einmal klargemacht. Dagegen helfen nur Lichtsignale.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 20:45 Uhr

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