Die Spassbremse

Der Vizeregierungschef Bulgariens profiliert sich als «Krieger gegen Lärm» am Schwarzen Meer.

Nach Sonnenuntergang geht die Party in den Clubs weiter: Badende im Schwarzmeerbadeort Sonnenstrand. Foto: Reuters

Nach Sonnenuntergang geht die Party in den Clubs weiter: Badende im Schwarzmeerbadeort Sonnenstrand. Foto: Reuters

Die Party war in vollem Gang, als die Diskothek Oxygen im Schwarzmeerbadeort Sonnenstrand (Slantschew Brjag) um Mitternacht Besuch bekam. Bulgariens Vizeministerpräsident Waleri Simeonow führte persönlich eine Inspektion von Polizei, Steuerfahndung, Gesundheits- und Arbeitsaufsicht an – und machte wegen angeblicher Lärmüberschreitung kurzen Prozess. Die Disco wurde geschlossen. Auch andere Clubs im Ort bekamen Besuch vom Vizeministerpräsidenten. Am Montag verkündete Simeonow, die Kontrollen vom Wochenende seien nur der Anfang: Schliesslich führe er «einen Krieg gegen den Lärm an der Schwarzmeerküste».

Laut ist der Sommer dort in der Tat – nirgendwo mehr als in Sonnenstrand. Einst ein stiller Badeort für Familien aus dem Ostblock, ist Sonnenstrand heute mit unzähligen Betonburgenhotels, Bars und Discos Bulgariens grösster Magnet für junge Dänen, Deutsche oder Engländer – vor allem auch für diejenigen, die gern die Nächte durchtanzen, oft befeuert von Drogen oder Alkohol. Ein englisches Tourismus­rating kürte «Sunny Beach» zum billigsten Kampftrinker-Eldorado Europas.

Ein DJ wurde verhaftet

Nicht nur an der Trinkerfront geht es in Sonnenstrand zur Sache: Hotels, Bars oder Clubs werfen jährlich Gewinne von geschätzt 110 Millionen Franken ab. Oft werden sie laut Innenministerium von einer der 424 Mafiagruppen Bulgariens kontrolliert. «Der Krieg wird nicht nur um Drogen geführt, sondern auch um Glacestände, Taxistellplätze und jedes Stück Land», so der Generalstaatsanwalt im Juli 2016. Kurz zuvor hatten mutmassliche Mafiosi einen Revierdisput blutig beigelegt: Ein Mann starb, drei wurden schwer verletzt. Bozhidar K., genannt «Bozho die Kuh», sitzt seitdem im Gefängnis. Dem bulgarischen Fernsehen zufolge ist K. Besitzer der Oxygen-Diskothek – Schauplatz der von Simeonow angeführten Sonderaktion im «Krieg gegen den Lärm».

Simeonow ist Führungsmitglied der nationalistisch-populistischen Vereinigten Patrioten. Seit er vor einigen Monaten in die Regierung einzog, hat er wenig für die Wirtschaftsförderung getan, seine eigentliche Aufgabe, aber viel für sein Image. Der «Krieg gegen den Lärm» gehört dazu. Leidtragende sind auch Musiker: Als sich Hip-Hop-DJ Stancho beim nächtlichen Kontrollgang von Simeonow weigerte, der Polizei seinen Laptop zu übergeben, wurde er verhaftet.

Kein Reiseziel für Rentner

Und die Partyfreunde, die in Sonnenstrand am Festival Solar Summer zu elektronischer Musik tanzen wollten, müssen anderswo feiern: Nachdem Simeonow weitere Feldzüge im Anti-Lärm-Krieg ankündigte, sagten die Organisatoren das zweitägige Festival ab, das am Freitag beginnen sollte. Bulgariens Tourismusministerin, besorgt über möglichen Besucherrückgang, plädierte für «Krachzonen» in den Ferienorten am Schwarzen Meer. Und die Direktorin des Hotelierverbands von Sonnenstrand bat inständig, die Regierung solle den Ort nicht «in ein Reiseziel für Rentner umwandeln».

Tages-Anzeiger

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