Zum Hauptinhalt springen

Die schlagfertigen Omas

Ein Boxtraining in Johannesburg erweist sich für ältere Frauen als Heilsbringer.

Einmal links, einmal rechts: Zweimal pro Woche trainieren die Grossmütter mit ihrem Coach Claude Maphosa. (12. Oktober 2017)
Einmal links, einmal rechts: Zweimal pro Woche trainieren die Grossmütter mit ihrem Coach Claude Maphosa. (12. Oktober 2017)
Siphiwe Sibeko, Reuters
Gesunder und fitter: Viele sagen, dass sie nicht mehr unter den Gebrechen leiden, die sie zuvor hatten, und sich stärker denn je fühlen. (12. Oktober 2017)
Gesunder und fitter: Viele sagen, dass sie nicht mehr unter den Gebrechen leiden, die sie zuvor hatten, und sich stärker denn je fühlen. (12. Oktober 2017)
Siphiwe Sibeko, Reuters
Spass und Training: Die Grossmütter haben sichtlich Freude an ihrem neuen Hobby. (12. Oktober 2017)
Spass und Training: Die Grossmütter haben sichtlich Freude an ihrem neuen Hobby. (12. Oktober 2017)
Siphiwe Sibeko, Reuters
1 / 8

Manchmal, sagt Gladis Ngwenya, fühle sie die Wut in sich aufkommen. Dann würde sie den nächsten Schlag gern mit voller Kraft ausführen: «Aber unser Trainer hat gesagt, dass wir uns zurückhalten sollen.» Das ist wohl auch besser so: Ihre Knochen sind nach 77 Jahren gewiss schon etwas morsch. Was die zweifache Urgrossmutter allerdings nicht daran hindert, zweimal die Woche zum Boxtraining ins Gemeindezentrum von Cosmo City, einem Vorort von Johannesburg, zu gehen. Dort trifft sie sich mit gut zwanzig Gleichgesinnten vor einem kleinen Fitnesszentrum und trainiert. Gemeinsam bringen die Mitglieder des Boxclubs locker 1500 Jahre in den Ring.

Zuerst einmal verabreicht Trainer Claude Maphosa seinen «Gogos», wie Grossmütter in der Sprache der Zulu heissen, eine halbe Knoblauchzehe und eine Ingwerscheibe: Das bringe das Blut in Fahrt, meint der landesweit bekannte Bodybuilder. Dann wird gebetet, denn Trainer Claude ist nach eigenen Worten «ein Mann Gottes». Und schliesslich geht das eigentliche Training los – begleitet von Popmusik aus dem Ghettoblaster.

Auch die Omas wollten Hanteln stemmen

Am beliebtesten ist das Sparring mit einem der beiden Assistenten des Trainers: zwei freundlich strahlenden Muskelmännern. Mit den Gogos zu arbeiten, mache riesigen Spass, sagt Nqobile Khumalo, der schon internationale Wettkämpfe für Bodybuilder bestritten hat: «Sie sind noch lustiger als Kinder.»

Den Anstoss für das Gogo-Boxing hatten die Grossmütter selbst gegeben. Nachdem die Stadt Johannesburg vor vier Jahren das Gemeindezentrum in Cosmo City errichtet hatte und Claude Maphosa darin sein Fitnessstudio eröffnete, stand eines Tages Gladis Ngwenya mit einer Freundin vor ihm: Auch sie wollten Hanteln stemmen und sich an den Kraftmaschinen austoben. Trainer Clau­de hielt das für keine gute Idee und entwickelte stattdessen ein Fitnessprogramm für die älteren Damen.

Für Gemüse fehlt das Geld

Gogo Ngwenya hatte zuvor mit ihren Freundinnen Fussball gespielt. Sie sei damals im Tor gestanden, erzählt die 1.50 Meter kleine Frau. Davon habe ihr allerdings bald der Rücken wehgetan, ihre Freundinnen trugen ebenfalls Verletzungen davon: «Boxen ist wesentlich besser für uns», sagt Ngwenya.

Wie viele schwarze Südafrikanerinnen leidet sie an hohem Blutdruck. Sie lebt mit zwei Töchtern, fünf Enkeln und zwei Ur­enkeln in einem 50 Quadratmeter grossen Häuschen und erhält rund 120 Franken Rente im Monat, von der die halbe Familie ernährt werden muss. Trainer Claudes Ratschlag, möglichst viel Gemüse und wenig Maisbrei zu essen, kann sie damit nicht befolgen. Aber der hohe Blutdruck ist weg. Und die über 80-jährige Zodwa Twala kann wieder ohne Stock gehen, die 65-jährige Anna Makoene hat ihre Diabetes in den Griff bekommen, und die 77-jährige Maria Mokhine fühlt sich nach dem Training «wie eine 35 Jahre junge Frau». Er habe das Gefühl, dass Gott mit seinem Granny-Club noch Grosses vorhabe, sagt der 40-jährige Coach Claude. Wenn der Allmächtige dabei nur auch mal ans Materielle denken könnte. Denn Maphosa bringt es partout nicht übers Herz, den Gogos fürs Training Geld abzunehmen: Stattdessen bekommen sie zum Abschied alle noch einen Apfel.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch