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Die nackten Italiener waren zu viel

Sex auf Autos, Schlägereien und lärmige Nächte: Einwohner von Barcelona haben genug von den Sauftouristen aus aller Welt.

Um neun Uhr morgens zog kürzlich eine Gruppe Italiener durch Barcelona. Die drei waren nackt, die Genitalien bedeckten sie sich mit der Hand. In einem Supermarkt sollen sie eingekauft haben, vor den Augen entsetzter Einheimischer.

«Hier können die Touristen tun, was sie wollen», gab Vicenç Forner der spanischen Tageszeitung «El País» zu Protokoll. Der Anwohner hat die drei mit seinem Telefon fotografiert und das Bild auf Twitter veröffentlicht.

Die drei nackten Italiener waren für etliche Einwohner Barcelonas zu viel. Hunderte protestierten am Samstag gegen das, was sie Sauftourismus nennen. Barcelona ist in den Nullerjahren neben Berlin und London eine der zentralen Destinationen für fröhliche junge Menschen geworden, die «Party machen» wollen. Die lauen Sommernächte sind dazu ideal, der kilometerlange Stadtstrand und das späte Nachtleben ebenso.

Der Tourismus ist für die katalanische Hauptstadt Fluch und Segen zugleich. Auf jeden der rund 1,6 Millionen Einwohner kommen im Verlaufe eines Jahres etwa 7 Touristen. Diese sichern der zwar wirtschaftsstarken, aber dennoch von der Krise getroffenen Stadt dringend nötige Arbeitsplätze. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt gemäss offiziellen Zahlen bei fast 50 Prozent, viele von den Touristen frequentierte Bars und Restaurants bleiben ausserhalb der Hauptsaison leer.

Um 5 Uhr früh geweckt

Auf der anderen Seite stehen die negativen Folgen. Abfall auf den Strassen und lärmige Nächte sind in der Innenstadt normal. Taschendiebe und Prostituierte profitieren zwar von den Touristenströmen, wer anderen Tätigkeiten nachgeht oder arbeitslos ist, hat hingegen den Ärger. Anwohner berichten von Schlägereien und von Sex auf Autos.

Manchmal ist es auch nur ein Klingeln an der Haustür, das die Geduld der Anwohner überstrapaziert. Die 68-jährige Rosa Buforn berichtete «El País» am Donnerstag, wie sie um fünf Uhr morgens von einem jungen Mann geweckt wurde, der von ihr ins Haus gelassen werden wollte. Buforn verlor die Nerven – und goss dem Nachtschwärmer einen Kübel Wasser über den Kopf.

Buforn wohnt im Viertel Barceloneta, wo sich auch der Vorfall mit den drei nackten Italienern ereignete. Ein Teil der traditionellen, nicht allzu kaufkräftigen alteingesessenen Einwohner hat das frühere Fischer- und spätere Arbeiterquartier in den letzten Jahrzehnten verlassen. Stattdessen wohnen nun oft Touristen dort. Nach Angaben der Behörden sind in dem zwischen Strand und Zentrum gelegenen Stadtteil zwar nur 72 Ferienwohnungen registriert, doch im Internet sind Hunderte zur Miete ausgeschrieben.

«Als würde man Steine auf das eigene Dach werfen»

Buforn zeigte dem Journalisten von «El País» Fotos von überbordenden Touristen, darunter eines von zwei Mädchen, die in einem aufblasbaren Planschbecken auf der Strasse sitzen und Mojito trinken. Manchmal gehen wir auf den Balkon und sehen Paare auf den Autos Liebe machen. Dann gehen wir lieber wieder ins Haus», erzählte ein anderer Anwohner der Zeitung. Ein weiterer sagte: «Stellen Sie sich vor, in einem winzigen Haus zu wohnen, mit drei Kindern, ohne Arbeit und ohne Geld für Ferien. Und dann müssen Sie das Freudegeschrei der Touristen von nebenan ertragen.»

Haben genug vom «Sauftourismus»: Demonstranten in Barcelona. (21. August 2014) (Bild: EPA/Marta Perez)
Haben genug vom «Sauftourismus»: Demonstranten in Barcelona. (21. August 2014) (Bild: EPA/Marta Perez)

Die Proteste der Anwohner und von Quartiervereinen haben das Thema nun in die Politik gebracht. Die Behörden versprachen ein härteres Durchgreifen der Polizei gegen unflätige Nachtschwärmer. Ob sie dieses einhalten und ob auch die Schwarzvermieter etwas zu befürchten haben, ist allerdings ungewiss. Denn wie die Zeitung «La Vanguardia» schreibt: «Gegen den Tourismus insgesamt zu demonstrieren, ist so, als würde man Steine auf das eigene Dach werfen.»

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