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Das ungeschriebene Gesetz der See

Der Kapitän der Costa Concordia verliess das sinkende Schiff nicht als Letzter und verletzte damit eine Seemannsregel. Doch gilt diese überhaupt jenseits der Legenden?

Nach alter Seefahrertradition ist der Kapitän der Letzte, der von Bord eines sinkenden Schiffs geht. Doch ist es realistisch, von ihm zu erwarten, dass er seinen eigenen Überlebensinstinkt unterdrückt? Dass er auf der Brücke dem Tod ins Auge sieht, während die Lichter ausgehen und das Wasser steigt, bis alle anderen in Sicherheit sind? Die Antwort vieler Seeleute auf den Weltmeeren ist eindeutig: Aye, ja.

«Es ist eine Frage der Ehre, dass der Kapitän als Letzter geht. Alles andere geht nicht in diesem Beruf», sagt Jörgen Loren, Kapitän einer Passagierfähre zwischen Schweden und Dänemark und Vorsitzender der Schwedischen Vereinigung von Seeoffizieren. Auch Jim Staples, seit 20 Jahren Kapitän, äussert sich an Bord seines 300 Meter langen Frachters in der Nähe von New Orleans ähnlich: Schiffsführer seien verpflichtet, an Bord zu bleiben, bis die Lage hoffnungslos sei. «Ich schäme mich für das, was er getan hat», sagt Staples mit Blick auf den italienischen Kapitän Francesco Schettino. «Er hat der Branche einen schlechten Ruf gegeben, er lässt uns alle schlecht aussehen. Es ist schändlich.»

«Es war Feigheit»

Schettino war von der vorgegebenen Route um die Insel Giglio abgewichen und auf Felsen aufgefahren. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Schettino des Totschlags und wirft ihm vor, eine Havarie verursacht sowie sein Schiff verlassen zu haben, bevor alle Passagiere in Sicherheit gebracht wurden. In einem Telefonat mit der italienischen Küstenwache weigerte er sich, zurück an Bord zu gehen. Später erklärte er, er sei gestürzt und ins Wasser gefallen und schliesslich in einem Rettungsboot gelandet.

Schettino hätte an Bord bleiben sollen, «bis der Verbleib des letzten Passagiers geklärt war», sagt auch Abelardo Pacheco, ein philippinischer Kapitän, der fünf Monate lang in Somalia als Geisel gehalten wurde und jetzt ein Ausbildungszentrum für Seeleute in Manila leitet. «Das ist die Verantwortlichkeit des Kapitäns. Deswegen erhält er alle Privilegien. Damit verbunden hat er aber auch eine gleich schwere Last der Verantwortung.»

Selbst wenn Schettino nicht verurteilt werden sollte, werde er wegen seines beschädigten Rufs vermutlich nie wieder ein grosses Schiff kommandieren, sagt Craig Allen von der Akademie der US-Küstenwache in Connecticut. «Einige Menschen geraten in Panik, aber kurze Zeit später besinnen sie sich und tun das Richtige», sagt Allen. «In diesem Fall war mehr als genug Zeit, die Panik zu überwinden. Es war erbärmliche Feigheit.»

Nicht im Seerecht verankert

Die Tradition, dass der Kapitän als Letzter geht, ist nicht im internationalen Seerecht verankert. Einige Länder, wie Italien, haben sie allerdings in nationales Recht aufgenommen. Und sie gilt als «ungeschriebenes Gesetz der See», sagt Kapitän Bill Wright von der Führung der Kreuzfahrtlinie Royal Caribbean International.

Die Befugnisse und Pflichten eines Kapitäns sind im Internationalen Kodex für Sicherheitsmanagement festgelegt, Teil einer Konvention der für die Sicherheit der Seefahrt zuständigen UN-Behörde. Er wurde 1914 als direkte Reaktion auf den Untergang der «Titanic» verabschiedet und seither etliche Male überarbeitet. Der Kodex schreibt nicht ausdrücklich vor, wann ein Kapitän ein untergehendes Schiff verlassen darf. Er betont aber dessen «überragende Befugnis und Verantwortung, Entscheidungen in Bezug auf die Sicherheit» zu treffen. Ausserdem muss der Schiffseigner demnach die Pflichten des Kapitäns klar definieren und sicherstellen, dass dieser für das Kommando ausreichend qualifiziert ist.

Beispiele für aufopferungsvolle Kapitäne gibt es viele. Der bekannteste ist vermutlich Edward Smith von der «Titanic», der das Schiff zu evakuieren half - Frauen und Kinder zuerst -, bis die Rettungsboote ausgingen, und er mit seinem Schiff unterging. Ein jüngeres Beispiel ist Robert Royer, dessen Fischerboot 2010 vor Alaska sank. Als Wasser eindrang und die anderen drei Besatzungsmitglieder über Bord sprangen, blieb er auf der Brücke und gab der Küstenwache die Position des Schiffs durch. Die Besatzung wurde gerettet, Royer kam ums Leben. Solche Geschichten des Muts überwiegen nach Expertenangaben bei weitem.

«Wenn einige bleiben wollen, können sie bleiben»

Doch es gibt auch die Gegenbeispiele. Etwa der Kapitän des griechischen Kreuzfahrtschiffs «Oceanos», das 1991 vor Südafrika sank. Die 402 Passagiere und 179 Besatzungsmitglieder überlebten zwar wie durch ein Wunder alle, doch Kapitän Yiannis Avranas und weitere Offiziere verliessen das Schiff, während noch Passagiere an Bord waren. Ein Zauberer, der auf dem Schiff aufgetreten war, übernahm die Brücke und überwachte den Funkverkehr. Ein Kollege, ebenfalls Entertainer, beruhigte die Passagiere, indem er Beatles-Lieder auf der Gitarre spielte. Avranas sagte, er habe das Schiff verlassen, um die Rettungsaktionen zu leiten. «Wenn ich die Evakuierung des Schiffs anordne, ist es egal, zu welcher Zeit ich gehe. Evakuierung gilt für alle. Wenn einige Menschen bleiben wollen, können sie bleiben.»

Kapitäne, denen das frühzeitige Verlassen ihres Schiffs vorgehalten wird, sagen häufig, sie könnten die Lage besser in einem sicheren Rettungsboot oder von Land aus koordinieren. Doch Craig Allen von der US-Küstenwache sagt, das Wissen eines Kapitäns über sein Schiff sei in einem Notfall essenziell. Er müsse mit den Rettungsmannschaften kommunizieren, die Menschen an Bord anleiten und helfen, die Passagiere von Bord zu bringen.

Konteradmiral Richard Gurnon von der Seefahrtsakademie in Massachusetts bezeichnet das Verhalten Schettinos als abscheulich und als Verletzung eines ungeschriebenen Gesetzes. «Wenn man die Führung innehat, hat man Verantwortung für seine Leute. Sie legen ihr Leben in deine Hände.»

dapd/kle

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