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Das «Oma-Kind» als Finanzchefin

Heute beginnt der Prozess gegen die einzige Überlebende des Zwickauer Neonazi-Trios. Wer ist Beate Zschäpe? Ein psychologisches Gutachten gibt Aufschluss über ihre Person.

Lebte 13 Jahre unentdeckt im Untergrund: Beate Zschäpe. (Archivbild aus dem Jahr 2004)
Lebte 13 Jahre unentdeckt im Untergrund: Beate Zschäpe. (Archivbild aus dem Jahr 2004)
Keystone

Bislang sind einige biographische Daten von Beate Zschäpe, der einzigen Überlebenden des Zwickauer Neonazi-Trios, bekannt. Hinweise darauf, was die mutmassliche Rechtsterroristin angetrieben haben könnte, gibt es aber nicht. Nun sind zum ersten Mal Details der psychologischen Begutachtung Zschäpes bekannt geworden. Demnach ist die 38-Jährige voll schuldfähig.

Das Gutachten, aus dem die «Süddeutsche Zeitung» zitierte, stammt von dem Gerichtspsychiater Henning Sass aus Aachen. Seine Expertise musste dieser allerdings nur mit Hilfe des Aktenstudiums erstellen. Wie gegenüber den Ermittlern schweigt Zschäpe bislang auch gegenüber Sass.

Gleichberechtigt in der Männerszene

Sass sieht dem Bericht zufolge «keine Hinweise für wesentliche Gesundheitsstörungen» bei Zschäpe. Bestätigt sich dies im Prozess, würde eine verminderte Schuldfähigkeit nicht infrage kommen. Der Psychiater schreibt zwar von einer schwierigen Kindheit. Dennoch sei Zschäpe «offenbar kontaktfreudig, selbstbewusst, unbefangen und tatkräftig». In der von Männern geprägten rechten Szene scheine sie gleichberechtigt und akzeptiert gewesen zu sein.

Zu diesen Schlüssen kommt Sass dem Bericht zufolge allerdings mit Blick auf das Leben Zschäpes vor ihrem Untertauchen mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Jahr 1998. Was danach in den Jahren als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) geschah und wie sich Zschäpe entwickelte, ist dem Psychiater dem Bericht zufolge noch unklar. So ergibt sich weiter ein Bild von Zschäpe, das in ihrer Kindheit und Jugend am konkretesten ist.

Sie wuchs bei der Grossmutter auf

Zschäpe kam am 2. Januar 1975 in Jena zur Welt. Ihre Mutter war beim Auslandsstudium in Rumänien eine Liaison mit einem rumänischen Kommilitonen eingegangen – Zschäpes Vater. Nur zwei Wochen nach der Entbindung in Deutschland ging Zschäpes Mutter ohne das Neugeborene zurück nach Rumänien. Ihre kleine Tochter wuchs zunächst bei der Grossmutter auf, den Vater lernte sie nie kennen.

Sie sei ein «Oma-Kind», sagte Zschäpe in den Vernehmungen. Als junges Schulkind lebte Zschäpe zwar wieder bei ihrer Mutter. Dieses Leben verlief aber unstet. Als 1989 die Wende in der DDR kam, wandte sich die damals 14-Jährige der in Jena erstarkenden Rechtsextremen-Szene zu. Mit 16 Jahren wurde Uwe Mundlos ihr Freund.

13 Jahre unentdeckt

Beruflich fasste Zschäpe nie Fuss. Sie wollte Kindergärtnerin werden, fand aber keine Lehrstelle. Sie jobbte als Malerin und machte später eine Lehre als Gärtnerin. In dieser Lehrzeit trennte sie sich von Mundlos und verliebte sich in Uwe Böhnhardt, den besten Freund Mundlos', der ebenfalls in der rechten Szene aktiv war. Ab 1995 traten sie fast nur noch als Trio auf.

1998 tauchten die drei unter, nachdem die Polizei in Jena eine von dem Trio zum Bau von Bombenattrappen genutzte Garage entdeckt hatte. Bis Ende 2011 lebten sie fast dreizehn Jahre unentdeckt an verschiedenen Orten in Deutschland.

Psychiater hat noch sehr viele Fragen

Was genau in dieser Zeit im Untergrund geschah, mussten die Ermittler rekonstruieren. Generalbundesanwalt Harald Range glaubt aber, Zschäpes Rolle in der Mordserie des NSU stichhaltig definieren zu können. Sie soll dem Trio den Anschein der Normalität geschaffen haben, ohne den das Leben im Untergrund nicht möglich gewesen wäre. Und sie soll die Finanzen und die Organisation übernommen haben.

In der Summe soll ihre Rolle so wichtig gewesen sein, dass die Ermittler Zschäpe als Mittäterin an der NSU-Mordserie und nicht nur als Helferin einstufen. Ob sich dieses Bild am Ende des Prozesses halten lässt, muss die Verhandlung zeigen – auch Psychiater Sass hat noch sehr viele Fragen.

AFP/rbi/chk

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