Marine evakuiert Hunderte Menschen von Strand

In den australischen Bundesstaaten New South Wales und Victoria sollen mehr als ein halbes Dutzend Städte evakuiert werden, darunter beliebte Touristenorte.

Rettung aus der Gefahrenzone: Die australische Marine transportierte Hunderte Menschen weg von den Stränden auf Mallacoota. (Video: Tamedia)

Im Südosten Australiens herrscht Katastrophenalarm: Tausende Menschen sind auf der Flucht vor den verheerenden Buschbränden. Der betroffene Landstreifen im Bundesstaat New South Wales erstreckt sich 240 Kilometer vom Urlaubsort Batemans Bay Richtung Süden bis zur Grenze des Staats Victoria.

Am Freitag bildeten sich lange Staus, das Benzin wurde knapp. Die Polizei eskortierte die Autos aus den Feuergebieten. In der Küstenstadt Mallacoota brachte die Marine Menschen in Sicherheit, die sich an den Strand gerettet hatten. Diese wurden zuerst mit Amphibienfahrzeugen zu zwei Marineschiffen transportiert. Bis am Samstag sollen mithilfe dieser Schiffe mehr als 900 der 4000 Touristen und Einheimischen evakuiert werden. Ziel der Reise ist die rund 500 Kilometer entfernte Bucht Western Port im Süden des Bundesstaates Victoria.

Angehörige der Navy bringen Hunderte Menschen in Sicherheit. Bild: AP Royal Australian Navy/Keystone

An der Küste halfen private Fischerboote laut Medienberichten dabei, die festsitzenden Bewohner mit Wasser zu versorgen und Menschen in Sicherheit zu bringen. Viele mussten sich auf der Flucht vor den Flammen Notquartiere suchen und konnten nicht weiter reisen.

In New South Wales ist es bereits der dritte Notstand dieser Brandsaison, für Victoria ist es das erste Mal in der Geschichte des Bundesstaates. Dort allein werden nach Angaben der Regierung 28 Menschen vermisst. Die für Katastrophen zuständige Ministerin, Lisa Neville, rief die Bewohner dringend dazu auf, die Feuergebiete zu räumen. «Sie sollten weg, um Ihr Leben zu retten. Wenn Sie das nicht tun, schicken wir die Polizei, damit Sie diese Botschaft verstehen.»

Die Buschfeuer auf dem Kontinent wüten bereits seit Oktober. Landesweit starben mindestens 19 Menschen. Dieses Wochenende könnte sich die Lage bei grosser Hitze und Gewittern weiter zuspitzen. In New South Wales und Victoria wüten aktuell fast 200 Feuer.

«Beängstigende Reise»

Die Feriengäste Elena und Gabriel Jones traf es beim Neujahrs-Trip, sie mussten in Victoria von einer Stadt in die nächste ausweichen. «Es war eine sehr beängstigende Reise. Mir tun die vielen Familien leid, die dort festsitzen», sagte Gabriel Jones der Nachrichtenagentur DPA.

Der Deutsch-Australier Frank Klostermann und seine Familie haben eine Odyssee vom Küstenort Batemans Bay Richtung Sydney hinter sich. «Wir sind mit sehr viel Glück da raus.» Die verbrannten Eukalyptuswälder sähen aus wie verbrannte Streichhölzer, erzählte er der Nachrichtenagentur DPA.

Wie verbrannte Streichhölzer: Ein Feuerwehrmann löscht glühenden Waldboden nach einem Brand in New South Wales. Bild: Dan Himbrechts, EPA/Keystone

Auf der tagelangen Flucht vor den Flammen erlebte Klostermann viel Verzweiflung von Betroffenen, aber auch Hilfsbereitschaft. Die Australier seien Naturkatastrophen gewöhnt, sagte er, aber diese Brände und die Wetterlage seienbesonders schlimm. An einem Morgen sei es um 8 Uhr schon 34 Grad heiss gewesen.

Für Tiere sind die Feuer verheerend. Forscher der Universität Sydney berechneten mit Hilfe von älteren Zahlen der Umweltstiftung WWF zum Thema Landrodung, welche Folgen die Brände allein für den Bundesstaat New South Wales haben könnten. Dort ist eine Fläche zerstört worden, die grösser als Belgien ist.

480 Millionen tote Tiere

480 Millionen Säugetiere, Reptilien und Vögel könnten wegen der Feuer verendet sein. Nach Angaben der Uni ist das noch konservativ geschätzt. Schon im November hatten Experten im Parlament von New South Wales berichtet, dass mindestens 2000 Koalas bei den Feuern getötet worden seien.

Video: Frau rettet schwer verletzten Koalabären

Ein Koala mit schweren Verbrennung hat Glück: Eine mutige Passantin schnappt ihn und bringt ihn ins nächstgelegene Spital. Video: Tamedia

Die Brände haben Auswirkungen bis hin zu Sport-Events: Das Internationale Tennisturnier in der Hauptstadt Canberra, das am Montag starten soll, wird wegen der Brände in der Region in die rund 620 Kilometer westlich gelegene Stadt Bendigo verlegt, wie die Veranstalter mitteilten.

In Australien sind die Feuer auch ein Politikum. Premierminister Scott Morrison, ein Kohle-Förderer, betrachtet die Brände als Naturkatastrophe und lehnt es ab, seine Klimapolitik zu ändern. Er wurde dafür kritisiert, dass er während der Krise nach Hawaii fuhr, er brach seinen Urlaub ab.

Bewegendes Bild

Bei einem Besuch im Feuergebiet, in Cobargo, wurde Morrison am Donnerstag beschimpft. Während eines anderen Ortstermins, am Freitag in Lucknow, war der Empfang freundlicher.

Video: Wütende Einheimische konfrontieren Morrison

Premierminister Scott Morrison besuchte die Brandregionen in Australien und bekam die Wut der Bewohner zu spüren. Video: Tamedia

Im Kampf gegen die Flammen bekommen die erschöpften Feuerwehrleute Unterstützung aus den USA und Kanada. «Es sind beispiellose Zeiten», sagte der Premier von Victoria, Daniel Andrews.

Ein besonders bewegendes Bild gab es diese Woche bei einer Trauerfeier in Buxton für einen Feuerwehrmann, der im Einsatz ums Leben kam. Dort wurde seinem kleinen Sohn stellvertretend für den Vater eine posthume Auszeichnung für dessen Mut und Dienst überreicht.

Am Freitag gab es für die Feuerwehrleute einen besonderen Dank, wie der «Sydney Morning Herald» berichtete: Stadionbesucher applaudierten ihnen bei einem Cricket-Spiel.

Brände belasten zusehends Tourismusgeschäft

Die Fernsehbilder von Buschbränden in Australien und Rauchschwaden über der Metropole Sydney schrecken zusehends Touristen aus aller Welt vom Besuch des fünften Kontinents ab. Zwar liegen noch keine offiziellen Zahlen für das gesamte Land vor.

Doch lassen Daten aus der Region um Sydney auf starke Einbussen schliessen. Der Hotellerieverband von Australien teilte mit, in Sydney seien die Gästezahlen im Dezember um zehn Prozent eingebrochen. «Die Feuer und der Rauch haben dem Ruf der Touristenmarke Sydney sehr geschadet», so Verbandschef Dean Long. Allein in der vorigen Woche waren bei Buschbränden in Australien mindestens zehn Menschen getötet worden.

«Die offenbar nicht enden wollenden Buschfeuer ziehen die Wirtschaft weiter nach unten», sagte Chefökonom Shane Oliver vom Finanzhaus AMP Capital. Die Konjunktur werde nicht nur durch die schiere Naturzerstörung beeinträchtigt, sondern auch indirekt: Denn die Brände lasteten zusehends auf der nationalen Psyche und hemmten so den Konsum. Dieser schwächelte bereits im vorigen Jahr wegen des mageren Lohnwachstums in Australien.

Zehntausende Menschen ohne Strom

Seitdem am 31. Dezember die katastrophalen Feuer mehrere Orte in der Gemeinde Gippsland niederbrannten, waren mehr als 50'000 Menschen ohne Strom und viele Kommunen hatten keinen Zugang zu Trinkwasser.

Laut Verteidigungsministerium legte am Donnerstag ein Militärschiff in der Küstenstadt Mallacoota in Victoria an, um geschätzt 4000 Menschen, die seit Montag von Feuern eingeschlossen waren, mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Das Schiff sollte zudem rund 1000 Menschen in Sicherheit bringen.

Fläche so gross wie die Schweiz verbrannt

Insgesamt seien fünf Militärhelikopter und zwei Marineschiffe unterwegs an die Südküste, um Feuerwehrleute zu unterstützen, Wasser und Treibstoff zu liefern und bei der Evakuierung zu helfen, sagten die australischen Streitkräfte am Donnerstag.

Video: Buschfeuer in Australien kesseln Touristen ein

Für die Feuerwehr ist die Löscharbeit extrem gefährlich. Diese Crew entkommt in ihrem Truck nur knapp dem Inferno. (Video: Tamedia)

Schon seit Oktober wüten die Buschbrände auf dem Kontinent, doch nunmehr hat sich die Lage zugespitzt. Angetrieben von hohen Temperaturen und starken Winden lodern allein in Victoria und New South Wales rund 200 Brände, die mehrere Städte bedrohen. Bislang verbrannte eine Fläche grösser als die Schweiz. Mindestens 18 Menschen kamen landesweit seit Beginn der Feuersaison ums Leben. Über 1000 Gebäude wurden zerstört.

Keine Schweizer Touristen ernsthaft in Gefahr

In den Brandgebieten scheinen derzeit keine Schweizer Touristen ernsthaft bedroht zu sein. Weil es sich nicht um ein überraschendes Ereignis handelt, hatten die Reiseveranstalter genügend Zeit, falls nötig alternative Reiserouten für ihre Kunden zu suchen.

Hotelplan Suisse hätte im Normalfall rund 50 Kunden in den von den Buschbränden betroffenen Gebieten gehabt, erklärte Bianca Gähweiler, Leiterin der Kommunikationsstelle, am Donnerstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Man habe diese jedoch frühzeitig kontaktiert und individuell nach alternativen Lösungen gesucht. Die Reisen seien dann entsprechend angepasst und neue Unterkünfte organisiert worden.

Kunden kontaktiert

«Keiner unserer Reisenden war oder ist in Gefahr», heisst es in der schriftlichen Antwort von Gähweiler auf die Anfrage. Bisher habe auch kein einziger Kunde die Reise abbrechen wollen. Auch sind bei Hotelplan bisher noch keine anstehenden Reisen annulliert worden.

Rund 1000 Kunden hat Globetrotter Travel derzeit in Australien. Laut CEO Dany Gehrig beobachtet man die Situation bereits seit Oktober. An Silvester habe man letztmals alle Kunden kontaktiert und sie aufgefordert, die betroffenen Gebiete zu meiden. Die meisten Kunden seien mit Campern oder Mietwagen unterwegs. Reiseabbrüche seien ihm keine bekannt, sagte Gehrig.

Kuoni-Mediensprecher Markus Flick wollte auf Anfrage nicht kommunizieren, wie viele Kunden im Brandgebiet Ferien machen. Wo nötig, habe man Umbuchungen empfohlen. Die Situation in den betroffenen Gebieten sei «ernst».

Empfehlungen des EDA

Die grosse Mehrheit der gebuchten Ziele in Australien sei jedoch uneingeschränkt erreichbar. Insgesamt seien die Einschränkungen nicht sehr gross. Annullationen von Reisen sind Flick keine bekannt, er rechnet auch nicht mit einem Rückgang bei den Buchungen. In der von den Bränden bedrohten Stadt Mallacoota habe Kuoni keine Kunden.

Alle angefragten Reiseveranstalter betonten, dass sie die Situation laufend beobachten, um entsprechend reagieren zu können. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) rät auf seiner Webseite, sich vor Reisen in die betroffenen Regionen bei den Reiseveranstaltern über die Durchführbarkeit der Reise zu informieren.

Reisenden empfiehlt das EDA, die Anweisungen der lokalen Behörden zu befolgen und lokale Nachrichten zu hören. Links zu den Anweisungen und Warnungen der Behörden seien in den Reisehinweisen enthalten, schrieb Sprecher Tilman Renz auf Anfrage. Australiens Behörden seien auch für den Schutz der vor Ort anwesenden Ausländer zuständig.

Nicht um Hilfe angefragt

Bis Donnerstagmittag ist das EDA im Zusammenhang mit den Buschfeuern nicht kontaktiert worden, wie Renz ausführte. Allerdings habe das Departement keine Kontrolle darüber, wohin Schweizerinnen und Schweizer reisten. Schweizerinnen und Schweizern, die Australien verlassen wollten, stünden kommerzielle Flüge zur Verfügung.

Hilfe leistet die Schweiz bei der Brandbekämpfung bisher nicht. Eine Voraussetzung dafür sei das Vorliegen eines Gesuches des betroffenen Staates um internationale Hilfe, hielt der EDA-Sprecher dazu fest. Ein solches Gesuch liegt der Schweiz derzeit nicht vor.

Liegt es am Klimawandel?

Klimaforscher gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der gestiegenen Gefahr für schwere Naturkatastrophen gibt.

Im Fall Australiens bestätigt der jüngste Klimabericht der australischen Wissenschaftsbehörde Csiro, dass sich die Voraussetzungen für extreme Feuer seit den 1950er Jahren gehäuft haben. Dabei werden Faktoren wie Trockenheit, Windgeschwindigkeit und Temperatur berücksichtigt.

Der Leiter des australischen Forschungszentrums für Buschfeuer und Naturgefahren, Richard Thornton, prognostiziert, dass extreme Buschfeuer wegen der gestiegenen Temperaturen häufiger auftreten werden. Allerdings finde er es schwierig, den Effekt des Klimawandels einem speziellen und noch andauernden Ereignis zuzuschreiben, sagte er vor einigen Wochen dem Sender BBC.

«Die zunehmende Erderwärmung sorgt für höhere Temperaturen und Dürre», erklärt der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Das löse zwar nicht direkt Brände aus, verschlimmere sie aber. Sie gerieten – wie derzeit in Australien – schneller ausser Kontrolle, so der Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Der vergangene australische Sommer 2018/2019 war nach Angaben der australischen Meteorologie-Behörde der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Zudem gehörte er zu den regenärmsten auf dem Kontinent.

roy/sho/sda

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